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Wissenschaft und Öffentlichkeit: Leichen, Scheinleichen und Neugeborene

Wenn Wissenschaftler ihren Elfenbeinturm verlassen und ihre Arbeit mit ungewöhnlichen Aktionen der Öffentlichkeit vorstellen, zeigt sich, welche Vermittlungsformen für die "Wissenschaft im Dialog" tatsächlich geeignet sind.


In der ehemaligen Bundeshauptstadt am Rhein regierten Mitte September acht Tage lang Wissenschaftler und Forschungsmanager. In Vorträgen, Ausstellungen und in einer Fernsehshow präsentierten sie sich und ihre Arbeit der interessierten Öffentlichkeit. Sie beendeten die Aktionswoche "Wissenschaftssommer Bonn 2000" schließlich mit einem "Leichenschmaus": Inmitten von anatomischen Wachsmodellen diskutierten sie im Deutschen Museum Bonn darüber, welche Leichen in dieser September-Woche tatsächlich beerdigt wurden, welche vielleicht nur Scheinleichen waren, wo und wie sich der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit etabliert hat und was neu geboren wurde.

Gewiss war die Veranstaltung "Menschenskind!" eine solche Neugeburt. In einem großen Zelt auf dem zentral gelegenen Münsterplatz zeigten Hochschulen und Forschungseinrichtungen der Region Aachen-Bonn-Köln Beispiele dafür, wie sich die Wissenschaft mit dem Menschen und dessen Sinnen auseinander setzt. Weit mehr als 50000 Menschen – überwiegend Kinder und Jugendliche, auch in kompletten Schulklassen – brachten mit ihren Fragen die Wissenschaftler ins Schwitzen: Wie sehen Gedankenblitze aus? Wie kann ich sicher im Internet einkaufen? Was ist der genetische Fingerabdruck? Womit wird das Auto der Zukunft fahren?

Bei der nur um drei Ecken weiter tagenden Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) begegneten manche Sprecher einer solchen Popularisierung ihrer Forschungsdisziplinen mit höchstem Misstrauen. Wissenschaft dürfe nicht als "fun" verkauft werden. Das mag jedoch, wenn überhaupt, nur auf die beiden Fernsehsendungen zutreffen, die in jenen Tagen in Bonn zu Stande kamen, die "IQ Wissenschaftsshow" und die "Kopfball-Nacht". Aber ist Spaß an der Wissenschaft wirklich so verwerflich?

Zwar ist es auch das Ziel der vor 122 Jahren gegründeten GDNÄ, Wissenschaft zu popularisieren; aber noch immer scheint bei dieser ehrwürdigen Gesellschaft die Vorstellung vorzuherrschen, reine Grundlagenforschung dürfe nicht durch Anwendungsbezüge oder gar durch Wünsche der Öffentlichkeit verdorben werden. Ein GDNÄ-Symposium über Biodiversität machte diese Haltung deutlich: Der zur gleichen Zeit erschienene Jahresbericht des "Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen", der dieses Thema behandelt, wurde nicht erwähnt.

Ihre Zukunft, so machte eine – nur spärlich besetzte – Diskussionsrunde deutlich, muss die GDNÄ in zwei Richtungen erweitern: Zum einen soll sie den engen Begriff der "Naturforscher" durch den Namen "Naturwissenschaftler" ersetzen, der auch die Anwendung mit einbezieht. Und: "Wissenschaft im Dialog" darf nicht nur einseitige Public Relations sein. Wissenschaftler dürfen nicht nur lehren wollen, sondern müssen auch zuhören. Der Neurologe Christian Elfer, der einen Fachvortrag bei der GDNÄ hielt, hat das im Zelt auf dem Münsterplatz bei den Exponaten seiner Bonner Klinik für Epileptologie in heißen Diskussionen praktiziert.

Die GDNÄ, die in Zukunft gerne auch alle abgespaltenen Fachgesellschaften wieder integrieren und sich zu einer Institution nach dem Vorbild der "American Association for the Advancement of Science" (AAAS) wandeln will, litt freilich unter den vielen und zum Teil nicht koordinierten wissenschaftlichen Veranstaltungen in Bonn. Zwar war für die Organisation eine vor kurzem gegründete "Wissenschaft im Dialog GmbH" zuständig, die den Gedanken von Public Understanding of Science and Humanities (Push) realisieren soll (siehe SdW 12/1999, S. 115). Doch abgesehen von einer damit beauftragten PR-Agentur, deren Aktivitäten mitunter sehr chaotisch wirkten, wollen sich auch die Wissenschaftsorganisa-tionen nicht unbedingt das Zepter aus der Hand nehmen lassen.

Ein Beispiel: Mit Mitteln des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) einen höchst bemerkenswerten "Communicator-Preis" zum ersten Mal ausgeschrieben und vergeben. Die Verleihung des Preises an den Gießener Mathematiker Albrecht Beutelspacher fand im Rahmen einer DFG-Veranstaltung statt. Doch kaum jemand verirrte sich dorthin, denn zur gleichen Zeit eröffnete die Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn die Ausstellung "Stein der Weisen". Warum hat die DFG nicht die ihr angebotene Möglichkeit genutzt, in diesem erheblich prominenteren Rahmen im ehemaligen Bundestags-Plenargebäude mit vielen Gästen den Preis zu übergeben? Befürchtete sie, dort nicht genügend beachtet zu werden? Das ist ihr erneut bei der Wiederholung der Preisübergabe im Rahmen der WDR-Wissenschaftsshow passiert: Sie ging dort völlig unter.

Die Aktivitäten des "Communicators" Beutelspacher treffen genau das Anliegen der Initiative "Wissenschaft im Dialog". Dem Gießener Mathematik-Professor gelingt es, die trockenste aller Wissenschaften in lesbaren unterhaltsamen Büchern, Kinder- und Jugendvorlesungen, Fortbildungsveranstaltungen und einer Ausstellung "Mathematik zum Anfassen" den Menschen nahe zu bringen (SdW 8/1998, S. 104). Den mit 100000 Mark hoch dotierten Preis will er für den Aufbau eines weltweit einzigartigen "Mathematischen Mitmach-Museums" in Gießen verwenden.

Die anderen Highlights dieses Wissenschaftssommers waren zweifellos die drei Ausstellungen. "Menschenskind!" war direkt "auf dem Markt". Die von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und dem Forschungszentrum Jülich gestaltete Ausstellung "Stein der Weisen" (damit ist vor allem der größte Silizium-Einkristall der Welt gemeint) war zwar etwas abgelegen, zog aber weit mehr als 10000 Besucher auch von weither an. Sie kombinierte modernste Physik und Kunst. Die rund 200 Jahre alten anatomischen Wachsmodelle aus der Florentiner Galerie "La Specola", die zusammen mit modernen bildgebenden medizinischen Verfahren noch bis 19. November im Deutschen Museum Bonn zu sehen sind, ließen die Besucherzahlen dort in die Höhe schnellen.

Der Stifterverband, der die dortige Ausstellung mitfinanziert, versuchte auch, dem Wissenschaftssommer mit einem Symposium den theoretischen Unterbau zu geben. Neben wissenschaftlichen Referaten zum Thema Wissenschaft und Öffentlichkeit, die an dieser Stelle in ähnlicher Form seit Jahrzehnten gehalten werden, wurden vorbildliche Dialoginitiativen der Wissenschaft vorgestellt.

Fazit des "Wissenschaftssommers 2000": Der belehrende Monolog der Wissenschaft wurde zur "Leiche". Eine Scheinleiche ist dagegen PR, die "Begeisterung" für Wissenschaft wecken soll. Jedenfalls ist aber der Dialog neu geboren, in den die Nicht-Wissenschaftler ihre eigenen Vorstellungen einbringen können. Dies ist freilich ein sehr langwieriges und mühsames Geschäft, nicht frei von Egoismen und Ideologismen.

Die "Wissenschaft im Dialog" wird mit Veranstaltungen in Berlin und im kommenden Jahr mit dem "Jahr der Lebenswissenschaften" fortgesetzt.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 2000, Seite 92
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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