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Lucy und ihre Kinder.

Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1998. 272 Seiten, DM 98,–.

Das Teilskelett, das der amerikanische Paläoanthropologe Donald Johanson 1974 als Leiter der Afar-Forschungsexpedition in Äthiopien entdeckte, wurde als „Lucy“ weltberühmt. Das ungewöhnlich gut erhaltene, 3,2 Millionen Jahre alte Fossil wurde der eigens definierten Spezies Australopithecus afarensis zugewiesen; diese galt lange Zeit als Vorläuferin der Menschheit. Mittlerweile gibt es noch viel ältere Hominidenfossilien, aber der Name, der auf den Beatles-Song „Lucy in the Sky with Diamonds“ zurückgeht, ist so ins allgemeine Bewußtsein eingedrungen, daß er sogar in Kreuzworträtseln, Gedichten und Comics vorkommt. Lucy wurde zum Inbegriff der erfolgreichen Popularisierung stammesgeschichtlicher Befunde.

Dies ist auf den phänomenalen Erfolg zurückzuführen, den Donald Johanson, damals Kurator für Paläontologie am Cleveland Museum, und der Wissenschaftsjournalist Maitland Edey 1981 mit dem Sachbuch „Lucy. Die Anfänge der Menschheit“ erzielten. Johanson, Gründer und Direktor des seit 1983 bestehenden Institute of Human Origins im kalifornischen Berkeley, ist zur Finanzierung seiner Forschungen auf die gewinnbringende Vermarktung seiner Forschungsergebnisse angewiesen, und der Nachfolgeband „Lucy's Kind“ (1989 gemeinsam mit James Shreeve) war in diesem Sinne nicht sehr erfolgreich. Ein neues Konzept war gesucht, und mit dem vorliegenden Band, der 1996 unter dem Originaltitel „From Lucy to Language“ erschien, hat Johanson es gefunden.

Dieses grandiose Familienalbum unserer stammesgeschichtlichen Vorfahren stellt alle bisherigen Bände ähnlicher Art in den Schatten, und nicht nur das: Der Text zu „zentralen Themen der Paläoanthropologie“ sowie die Erläuterungen zu den rund 200 Abbildungen sind von bestechender Klarheit und Präzision. Das ist auch das Verdienst des Koautors Blake Edgar, der als Wissenschaftsjournalist von „Pacific Discovery“, der renommierten Zeitschrift der California Academy of Sciences, ausgewiesen ist.

Der erste Teil des Bandes spannt einen weiten Bogen von den Kernfragen anthropologischer Forschung zu Methoden der Paläoanthropologie, Fundstättenanalyse und Datierung. Trotz enormer Fortschritte in der morphologischen und molekularen Verwandtschaftsforschung lassen die großen Lücken im gegenwärtigen Fossilbefund zwangsläufig weite Interpretationsspielräume offen. Der Exkurs „Woher kommt der Streit in der Paläoanthropologie?“ versucht diesen Streit einerseits mit dem großen öffentlichen Interesse am Fachgebiet, andererseits mit der Persönlichkeitsstruktur des typischen Paläoanthropologen zu erklären. Weitere Beiträge kennzeichnen unsere nächsten lebenden Verwandten, erläutern aktuelle Stammbaummodelle, rekonstruieren die Wanderungen früher Hominiden und stellen die Vielfalt der fossilen und rezenten Menschheit vor. Außer den anatomischen Merkmalen unserer fossilen Vorfahren wie Geschlechtsdimorphismus, Reifung, Gehirnevolution und zweibeinigem Gang wird auch deren hypothetische soziale Organisationsform diskutiert.

Gegenüber Themen der physischen Entwicklung treten Fragen zur Kulturfähigkeit und -entfaltung etwas in den Hintergrund. Immerhin finden sich Kapitel über Werkzeuge und Gebräuche (darunter „Ernährung“ und „Kannibalismus“) sowie über Bestattungen, Kunst und Sprachentwicklung. Selbst schwierige Fragen zur Entstehung von Bewußtsein und Spekulationen über unsere Zukunftsperspektiven werden angerissen.

Alle wesentlichen Aspekte der Menschwerdung sind vertreten, auf einem Niveau, das nicht nur interessierten Laien, sondern auch Studierenden der Biologie und verwandter Disziplinen einen hervorragenden Einstieg bietet. Offenbar haben die Autoren sich bemüht, verschiedene wissenschaftliche Positionen in ausgewogener Weise wiederzugeben. Fachleute erkennen gleichwohl, vor allem in den Literaturangaben, die Schwerpunkte von Johansons Institut wieder; aber diese Gewichtung ist durchaus legitim und bemerkenswerterweise moderater als in früheren Publikationen.

Der zweite Teil stellt die wichtigsten Fossilfunde sowie steinzeitliche Werkzeuge bildlich vor. David Brill, ein durch exzellente Arbeiten für „National Geographic“ ausgewiesener Experte, hat mehr als 50 der bedeutendsten und attraktivsten Fossilien unter genormten Bedingungen photographiert. Die überwiegend in Originalgröße wiedergegebenen Aufnahmen sind ein unschätzbarer Fundus. Die Kommentare reichen von aufregenden und kuriosen Entdeckungsgeschichten bis zu hochkompetenten Interpretationen der aktuellen systematischen Bewertung. Ein etwas kurzer Blick auf die Werkzeugkulturen, ein nach Stichwörtern gegliedertes Literaturverzeichnis sowie allgemeine Literaturhinweise und ein ausführlicher Index runden diesen glänzenden und dazu noch überraschend preisgünstigen Band ab.

Ein Lesevergnügen ersten Ranges, das jeden, der Interesse an der Paläoanthropologie hat, von der ersten bis zur letzten Seite fesseln wird.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1999, Seite 116
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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