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Macht und Ohnmacht des Aberglaubens. Magie - Wissenschaft - Pseudowissenschaft


„Die edelste unter den sittlichen Blüten der Wissenschaft und zugleich die ihr eigentümlichste ist die Wahrhaftigkeit.“ Dieses Zitat des Physikers Max Planck (1858 bis 1947) stellt der Herausgeber Hans Binder, Oberstudiendirektor in Lindau, seinem Vorwort voran.

Leider gibt der Titel des Buches wenig Aufschluß über den konkreten Inhalt; um so mehr überrascht die hohe Qualität der Beiträge.

Das Buch – dem Gerichtsmediziner Otto Prokop, Emeritus der Humboldt-Universität Berlin, zum 70. Geburtstag gewidmet – enthält 15 Beiträge zur kritischen Aufarbeitung paramedizinischer und anderer Okkultlehren und -praktiken. Drei Arbeiten, die sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen der Homöopathie in Human- und Tiermedizin befassen, lassen ebensowenig Zweifel an der psychotropen Wirkung des Arztes als Medikament wie an der Absurdität des Anspruchs vieler Homöopathen, Wissenschaftler sein zu wollen.

Binder selbst nimmt den „Wünschelruten-Report“ der Münchener Physik-Professoren Herbert L. König und Hans-Dieter Betz unter die Lupe. Prokop und Heinz Militzer, emeritierter Geophysiker von der Bergakademie Freiberg, untersuchen ihn aus geophysikalischer und forensischer Sicht. In einem weiteren ausführlichen Beitrag behandelt Militzer die Frage nach möglichen Alternativen zu geowissenschaftlichen Methoden der Rohstofflagerstätten-Suche und deren Erkundung.

Der Berner Anthropologe Georg Glowatzki und seine Frau Marie-Louise zeichnen die Wurzeln des Okkultismus im menschlichen Denken nach. Der Aufsatz des Heidelberger Rechtsmediziners Gerhard Möllhoff zur Psychopathologie des Querulantentums ist schon deshalb lesenswert, weil er ein Alltagsphänomen anspricht: Wer hätte in seiner nächsten Umgebung nicht schon von notorischen „Prozeßhanseln und Stänkerern“ gehört?

In dem philosophischen Essay „Der Glaube an die Wirklichkeit“ untersucht der Mainzer Kriminologe Armand Mergen, was wahre Wirklichkeit meine und wie sie zu suchen sei. Beiträge zur Unabhängigkeit und Freiheit des Wissenschaftlers im Sinne freier Meinungsäußerung befassen sich mit moralisch-rechtlichen Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit und deren Konsequenzen im Rahmen gutachterlicher Tätigkeit.

In bemerkenswerter Offenheit schildert der Immunbiologe Gerhard Uhlenbruck einen Fall von – selbst begangener, mittlerweile verjährter – „Wissenschaftskriminalität“. Er dürfte symptomatisch sein für die Praxis der Begutachtung fingierter und geschönter Forschungsberichte durch vermeintlich optimal besetzte Gremien; auch der teilweise skandalöse Umgang mit Steuergeldern einer gutgläubigen und ahnungslosen Bevölkerung wird hier nicht verschwiegen.

Mit dem alljährlichen „Blutwunder“ von Neapel (der angeblichen Verflüssigung des im Jahre 304 bei der Enthauptung des Heiligen Gennaro aufgefangenen Blutes), weinenden Madonnenbildern, blutenden Hostien, Orakeltricks und anderem mehr befaßt sich ein Beitrag zur Geschichte der pia fraus, des Schwindels mit dem religiösen Wunderglauben.

Ignoranz und Scheinwissenschaft – von uns Heutigen gerne dem Mittelalter zugeordnet – treiben immer gigantischere Blüten. Verantwortungslosen Geschäftemachern kommt das sehr gelegen. In einer Zeit, da die Esoterik meterweise Regale in den Buchhandlungen füllt, wichtigtuerische Pseudowissenschaftler in Fernsehsendungen zu „Phantastischen Phänomenen“ und bücherschreibende „Hexen“ in Fernseh-Talkshows auftreten, Schwarzwaldklinik-Professoren-Darsteller neben Pharmakologen über „alternative Heilmethoden“ dozieren und uns einiges Unglaubliche mehr zugemutet wird, stellt der besprochene Titel zweifelsohne einen Lichtblick dar.

Die Beiträge glänzen durch ihre konsequent logisch-wissenschaftliche Argumentation und heben sich damit deutlich von der Wichtigtuerei der Parawissenschaftler und vor allem Paramediziner ab. Binder kennzeichnet solche treffend als „zufrieden und unerschütterlich beim Für-wahr-Halten falscher Behauptungen, beim Festhalten an freisteigenden Ideen und unrealistischem In-Beziehung-Setzen (Analogiedenken)“.

Es ist erfreulich, daß die meisten Autoren ihre Beiträge mit umfangreichen Literaturlisten versehen haben, die nicht nur die Stichhaltigkeit der Argumentation vermuten lassen, sondern auch eine weiterführende Beschäftigung mit den behandelten Themen erleichtern.

In Anbetracht der neuerlichen Bemühungen von Paramedizinern, sich Zugang zu den Universitäten zu verschaffen, kann man dem Buch nur weitestmögliche Verbreitung und fruchtbaren Boden wünschen. Denn wo gegen fundamentale natur- und geisteswissenschaftliche Grundsätze verstoßen und die Grenze zwischen okkulten Spekulationen und überprüfbarem Befund verwischt wird, da wird Widerstand zur Pflicht. Nicht nur jenen, die Zweifel daran hegen, ob es sich etwa bei der Homöopathie um Wissenschaft handelt, sei dieses erfreuliche Buch wärmstens empfohlen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1993, Seite 112
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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