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Jörg Hess:: Menschenaffen. Mutter und Kind.

Friedrich Reinhardt, Basel 1996. 350 Seiten, DM 60,-.

Der Missionar und Afrikaforscher David Livingstone (1813 bis 1873) schmückte sein Hauptwerk "Die Erschließung des dunklen Erdteils" mit der Federskizze einer blutigen Lanzenjagd auf Schimpansen. "The Malay Archipelago" des Evolutionsforschers Alfred Russel Wallace (1823 bis 1913) enthält die berühmte Darstellung eines Kampfes zwischen Dajak-Jägern und einem Orang-Utan, und in Alfred Edmund Brehms (1829 bis 1884) "Illustrirtem Thierleben" kommt der dubiose amerikanische Abenteurer Paul Beloni DuChaillu mit seinem reißerischen Bericht über die Jagd auf Flachlandgorillas zu Wort: "Glücklicher Weise stirbt der Gorilla ebenso leicht, als der Mensch: ein Schuß in die Brust bringt ihn sicher zu Falle."
Seit dieser Zeit hat sich das Verhältnis der sogenannten Zivilisationsmenschen zu den sogenannten Menschenaffen dramatisch gewandelt. Bernhard Grzimek, Heinz Sielmann, Jane Goodall, Dian Fossey, George B. Schaller und andere haben sie uns via Buch und Bildschirm immer näher gebracht. Aus den blutrünstigen Bestien früher Erzählungen wurden "lustige Gesellen", "geringere Brüder", "peinliche Verwandte", neuerdings Blutsbrüder, Freunde, ja so engverwandte Mitgeschöpfe, daß Biologen Menschenrechte für sie einfordern.
Dabei geht es ihnen schlecht: Niemals dienten mehr Menschenaffen der medizinischen und pharmazeutischen Forschung als heute, da wir uns über Afrikaner empören, die mangels anderer Nahrung Gorillafleisch essen, oder über indonesische Kleinbauern, deren Landhunger auf Borneo gerade wieder Hunderte von Orang-Utans in den Feuertod zwingt. Für alle, die nicht an Wunder glauben, steht es fest: Über kurz oder lang werden Menschenaffen nur in Zoos überleben. Aber gerade dort gehören sie nicht hin, sagt die Menschenrechtsfraktion der Primatenfreunde, die zoologische Gärten mit Gefängnissen, im Sonderfall der Menschenaffen gar mit geschlossenen psychiatrischen Anstalten gleichsetzt.
Ausgerechnet in einem solchen vermeintlichen Kerker ist Jörg Hess ein wahres Meisterstück gelungen. Auf 614 teilweise großformatigen Schwarzweißphotos dokumentiert er jenen Abschnitt des Menschenaffenlebens, in dem deren Wesensverwandtschaft mit uns Menschen am deutlichsten zum Ausdruck kommt: die Mutter-Kind-Beziehung von der Schwangerschaft über die Geburt bis an das Ende der Schoßzeit.
Keinen besseren Ort hätte er dafür finden können als das Affenhaus im Zoologischen Garten Basel, dessen offizieller Fotograf er ist. In diesem in Europa einzigartigen Zoo verzichtet man traditionell auf immer neue, besonders seltene oder spektakuläre Arten. Statt dessen investiert man getreu dem Motto "Jedes Gehege ist immer ein Provisorium" in die stete Verbesserung der Qualität von Raum, Nahrung und Tagesablauf eines weitestgehend konstanten Arten- und Individuenbestandes. "Wir muten den Zootieren etwas zu, wenn wir sie bei uns halten", so der offizielle Baseler Zooführer. "Der größte Teil unserer Arbeit... dient darum dem Ziel, diese Zumutung so klein wie möglich, sicher aber im Bereich der Leistungsfähigkeit einer Tierart zu halten." Der Erfolg dieses einmaligen Konzeptes spiegelt sich insbesondere in der Menschenaffenpflege wider. Hier brachte die Flachlandgorillafrau Achilla 1959 ihr erstes Kind zur Welt – die zweite Zoogeburt bei dieser Art überhaupt – und hat alle weiteren ihrer insgesamt sechs Kinder problemlos angenommen. Noch heute gilt es als besonderer Erfolg, wenn eine Menschenaffenmutter im Zoo ihr neugeborenes Kind nicht einfach liegenläßt.
Seit gut zehn Jahren leben Orang-Utans, Schimpansen und Gorillas in verhältnismäßig großen, vom Autor ausführlich vorgestellten Familiengruppen, die rund um die Uhr beisammen bleiben. So konnten sich relativ stabile Strukturen entwickeln, was sich auch am Fortpflanzungserfolg zeigt: In Basel sind erheblich mehr Menschenaffen von ihren Müttern aufgezogen worden als in allen anderen Zoos der Welt, darunter 22 Schimpansen in 25 Jahren. Unter nur wenig ungünstigeren Umständen hätte Jörg Hess dieser eindrucksvolle Bildband nicht gelingen können.
Hess ist nicht allein Fotograf, sondern auch Zoologe, der sich seit Jahrzehnten mit dem Sozialverhalten von Menschenaffen, hauptsächlich Gorillas, auseinandersetzt. Seine Photos sind jedes für sich derart ausdrucksstark, daß sie eigentlich keiner erklärenden Texte bedürfen. Niemand, der die Aufnahmen von Menschenaffenmüttern mit ihren soeben geborenen Kindern sieht, wird daran zweifeln wollen, daß hier Gefühle leben und Bindungen entstehen, die menschlichen Emotionen gleichen. Dieser Eindruck entsteht und verfestigt sich mit jedem weiteren Kapitel, obwohl Hess in seinen Begleittexten auf anthropomorphisierende Wertungen verzichtet und seine Aufnahmen gerade nicht anrührend oder idyllisch, vielmehr im reinsten Wortsinn deskriptiv sind.
Menschenaffenkinder sind, bis sie erste Alleingänge wagen, niemals ohne unmittelbaren Körperkontakt zur Mutter oder – seltener – zu einem anderen erwachsenen Familienmitglied. Niemals müssen sie sich ihrer Mutter versichern, von deren Körper aus sie die Welt kennenlernen und sich schrittweise in ihre Familie eingliedern. Spontan fiel mir einer der vielen prägnanten Sätze des Verhaltensforschers Konrad Lorenz ein: "Das Bemuttern eines Kindes ist eine ganztägige Beschäftigung." Für Menschenaffen gilt das uneingeschränkt und über viele Jahre hinweg. Und für uns Menschen?
Hierin, im vorbehaltlosen Vergleich, liegt die Tücke dieses Buches. Es steht zu fürchten, daß Soziobiologen es als moralinsaure Lyrik ablehnen werden, während es exzessiven Tierschützern als Argument gegen die Wildtierhaltung herhalten kann. Aber beides ist es nicht. Das Buch ist reinste Wissenschaft in Bildern, angereichert mit Texten, die Laien das Verständnis dafür ermöglichen. Seit "Gänsekind Martina" von Konrad Lorenz hat es das so eindrucksvoll und populär nicht mehr gegeben. Bravissimo!


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1998, Seite 118
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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