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Mit der Natur rechnen. Der neue Club-of-Rome-Bericht: Vom Bruttosozialprodukt zum Ökosozialprodukt

Aus dem Englischen von Anja Köhne.
Birkhäuser, Basel 1995.
336 Seiten, DM 29,80.

Vierundzwanzig ausgewiesene Experten der Umweltforschung, darunter Herman Daly von der Universität von Maryland in Baltimore, Carsten Stahmer vom Statistischen Bundesamt und Sandra Postel, Vizepräsidentin des Worldwatch Institute, haben an diesem neuen Bericht für den 1968 konstituierten Club of Rome mitgearbeitet. Darin geht es nicht primär darum, Grenzen unseres Naturverbrauchs und des wirtschaftlichen Wachstums aufzuzeigen, sondern vielmehr einen Beitrag zu leisten zur Entwicklung von Informationssystemen, wie sie in dem ersten Bericht "Die Grenzen des Wachstums" von 1972 gefordert wurden. Im Zentrum der Studie steht deshalb die Analyse von Indikatoren, die den Zustand unserer Wirtschaft und ihre Auswirkungen auf die Umwelt anzeigen und damit zu einem Orientierungsmaßstab für die Umwelt- und Wirtschaftspolitik werden können. Konkret geht es darum, die ökologischen und sozialen Folgen unserer Wirtschaftsweise in das System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu integrieren.

Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Kritik am Wachstumsbegriff der westlichen Gesellschaften und damit zugleich am System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung mit ihren wesentlichen Größen Bruttosozial- und Bruttoinlandsprodukt. Diese Aggregate gelten als die zentralen Indikatoren für den ökonomischen Erfolg einer Volkswirtschaft. Ein gleichbleibendes oder gar sinkendes Sozialprodukt wird in der Regel als Stagnation oder gar Verlust von Wohlstand verstanden. In der weiteren Analyse gehen die Mitarbeiter der Studie auf die Problematik dieser Interpretation ein, stellen alternative Konzepte vor und beurteilen sie. Dahinter steht das Ziel, die Orientierung an ökonomischem Wachstum zu ersetzen durch den Maßstab einer nachhaltigen Entwicklung.

Die vorliegende Studie gibt einen sehr guten Überblick über die Diskussion. Dabei ist hervorzuheben, daß die Konzepte allgemeinverständlich dargestellt werden, so daß auch interessierte Laien dieses Buch mit Gewinn lesen können.

Allerdings leidet diese Arbeit – wie sich exemplarisch am Kapitel "Umweltgerechte Anpassung des Systems der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen" zeigt – unter einer fundamentalen Schwäche. Einerlei ob man ein System differenzierter Umweltindikatoren bevorzugt oder einen eindimensionalen Indikator entwickeln möchte, es müssen immer unterschiedliche Umweltwirkungen miteinander verglichen werden. Dazu benötigt man einen Aggregationsmechnismus.

In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung spielt der Preis diese Rolle. Und daran knüpfen die Ideen eines Ökoinlandsprodukts an, wie sie im vierten Teil des Buches entwickelt werden: In einer ersten Annäherung soll das wie bisher ermittelte Sozialprodukt um die Wertminderung des nicht-produzierten Naturvermögens korrigiert werden. Dieses umfaßt beispielsweise Bodenschätze, Wasser, Pflanzen und Land, soweit sie zu Marktpreisen bewertet werden können. Da dieses Konzept sich allein auf die vermarktbaren Bestandteile der Umwelt beschränkt und somit einen Großteil der Umweltwirkungen nicht enthält, die das Wohlbefinden der Menschen beeinträchtigen, muß das so ermittelte Ökoinlandsprodukt weiter korrigiert werden: um die Wertminderung des nicht-produzierten Naturvermögens zu marktnahen Werten.

Nur existieren für viele Bestandteile des Naturvermögens keine Marktwerte, und was eine marktnahe Bewertung sein soll, bleibt unklar. Zu Recht wird darauf hingewiesen, daß Marktwerte nicht die gesamten Folgen der wirtschaftlichen Nutzung der natürlichen Umwelt widerspiegeln. Damit ist das so korrigierte Ökoinlandsprodukt aber nur ein höchst unzureichender Indikator.

In den Ausführungen fehlt des weiteren die Auseinandersetzung mit den Grundlagen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Theoretische Überlegungen zeigen, daß das Sozialprodukt nur dann ein tauglicher Wohlfahrtsindikator sein kann, wenn das Preissystem, mit dem aggregiert wird, auch dasjenige ist, das ein intertemporales (auf lange Zeiträume betrachtetes) Wohlfahrtsoptimum sicherstellt. In ein solches Preissystem müssen die tatsächlichen intertemporalen Knappheiten der Güter eingehen. So muß in den Rohstoffpreisen die Nachfrage künftiger Generationen nach Rohstoffen enthalten sein; damit ändert sich die Bewertung aller Güter, zu deren Produktion Rohstoffe eingesetzt werden.

Ein entsprechendes Preissystem unterscheidet sich also radikal von unserem gegenwärtigen Marktpreissystem. Da dieses aber der Ermittlung des Nettoinlandsprodukts zugrunde liegt, ist bereits die Ausgangsgröße für die Berechnung eines Ökosozialproduktes problematisch. Diese grundsätzliche Verzerrung wird nicht dadurch aufgehoben, daß man die Wertminderung des nicht-produzierten Naturvermögens mit einbezieht. Damit ist fraglich, welche Qualität ein solches Ökosozialprodukt hätte.

Zwar sind sich die Autoren dieses Bewertungsproblems bewußt. Aber meines Erachtens würdigen sie es in den Schlußfolgerungen nicht ausreichend. Gar nicht beachtet wird, daß das Bewertungsproblem bereits bei der Ermittlung des Nettoinlandsprodukts besteht.

Dieses Defizit ist kein Problem des vorliegenden Buches alleine. Erkenntnisse über die Anforderungen an ein Preissystem, das es erlaubt, Indikatoren für die Umweltwirkungen unserer Wirtschaftsweise zu ermitteln, werden generell wenig berücksichtigt.

Den Autoren bleibt das große Verdienst, auf die Notwendigkeit hingewiesen zu haben, Indikatoren für eine nachhaltige Entwicklung zu erstellen. Sie stellen die dazu diskutierten Konzepte und deren Grenzen auf eine Art und Weise dar, die auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich ist. Das Buch ist deshalb jedem, der sich in der Debatte über eine nachhaltige Entwicklung engagiert, trotz der genannten Mängel zu empfehlen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1996, Seite 119
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
4 / 1996

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 4 / 1996

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