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Zoologie: Parasitus Rex

Die bizarre Welt der gefährlichsten Kreaturen der Natur
Aus dem Amerikanischen von Monika Curths. Umschau Braus, Frankfurt am Main 2001. 272 Seiten, € 19,90


Vom biologischen Standpunkt aus gesehen ist der allgemeine Abscheu der Menschen gegenüber Schmarotzern schlecht begründet. Parasitismus ist un-ter den Lebewesen vollkommen üblich: Mehr als 50 Prozent von ihnen beziehen ihre Nahrung von einem artfremden Wirt.

Aus einer sehr menschlichen Sichtweise – indem er Parasiten zweckgerichtetes, wohldurchdachtes Handeln unterstellt – beschreibt der preisgekrönte amerikanische Wissenschaftsjournalist Carl Zimmer, mit welchen Tricks sie sich im Wirt orientieren, sich häuslich einrich-ten und möglichst vielen Nachkommen möglichst gute Startchancen verschaffen.

Da der Eindringling den Wirt zum Überleben braucht, dieser den ungebetenen Gast aber loswerden will, herrscht zwischen ihnen ein permanenter Kampf. Anhand verschiedener Beispiele erklärt der Autor, wie geschickt Parasiten die Abwehrmechanismen überlisten und welche Waffen das Immunsystem des Wirts gegen den Eindringling bereithält.

Haben sie sich erst eingenistet, werden viele Parasiten äußerst boshaft: Sie übernehmen schließlich sogar die Kontrolle über den Wirt und steuern dessen Verhalten, sodass es nun dem Eindringling nützlich ist. Mit der Angst vor einer solchen Fremdsteuerung begründet Carl Zimmer den Horror, der den besonderen Reiz von Filmen wie "Alien" ausmacht.

Die Wissenschaft hat sich mit den Parasiten lange schwer getan. Da man nie einen Wurm in einen Menschen hineinkriechen sah, hielt man konsequenterweise Würmer für Produkte des Menschen und schrieb ihnen nicht den Status eines Lebewesens zu. Noch 1824 erklärte der Leiter der Gesundheitsbehörde von Bombay, bei den "zuckenden Fleischschnüren", die heute als Medinawürmer bekannt sind, könne es sich unmöglich um Tiere handeln.

Im Laufe der Evolution haben sich Schmarotzer optimal an ihren Wirt angepasst: Es gilt, auf dem schmalen Grat zwischen zu aggressiver und zu zurückhaltender Ausnutzung des Wirts zu balancieren, während der Wirt Gegenmaßnahmen ergreift. Diese Wechselwirkung von Wirt und Schmarotzer treibt die Evolution voran und ist möglicherweise sogar verantwortlich für die Entstehung der sexuellen Fortpflanzung.

Zu den Verteidigungsstrategien der Wirte zählen neben einfachen Methoden wie der Körperpflege raffinierte Verfahren: Manche Pflanzen senden chemische Hilferufe aus, um Insekten anzulocken, die ihrerseits in den Pflanzenschädlingen parasitieren. Affen verzehren vermutlich bei Parasitenbefall gezielt Heilmittel: Pflanzenteile, die sie sonst meiden.

Auch der Mensch hat sich unter dem Einfluss von Parasiten entwickelt: So gibt es erblich bedingte Krankheiten, die den Menschen nur mäßig beeinträchtigen, das Überleben bestimmter Parasiten aber verhindern. Einige Wissenschaftler spekulieren sogar, dass die geistige Entwicklung des Menschen und die Entstehung von Sprache durch Parasiten vorangetrieben wurden.

Der Kampf der Medizin gegen parasitäre Erkrankungen ist nicht zu gewinnen, da Schmarotzer außerordentlich wandlungsfähig sind. Möglicherweise sind Parasiten für die menschliche Gesundheit sogar notwendig. So könnten die entzündlichen Darmkrankheiten Colitis und Morbus Crohn eine Folge fehlenden Wurmbefalls sein.

Parasiten können dem Menschen sogar nützen. So werden sie gezielt zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Zimmer gibt Beispiele für grandiose Erfolge wie für spektakuläre Misserfolge der Methode.

Das Buch gipfelt in einem Lobpreis der schmarotzenden Lebensweise. Zimmer schreckt nicht davor zurück, auch den Menschen als Parasiten zu bezeichnen, der dabei ist, seinen Wirt, die Erde, zu Grunde zu richten, und empfiehlt, von den Parasiten zu lernen, die in ihren Wirten nur so viel Schaden wie nötig anrichten.

Das Buch ist ein sehr unterhaltsames Patchwork – mit ab und zu eingestreuten Schauern leichten Ekels. Da die Verhaltensweisen der Parasiten stark vermenschlicht dargestellt sind, kommt der Text locker und leicht verständlich daher. Ergänzt wird er durch einen Fototeil mit ansprechenden Schwarzweißbildern. Sachliche Fehler, das magere Glossar und die fehlenden Literaturhinweise trüben allerdings den positiven Gesamteindruck.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2002, Seite 110
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 2002

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