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Schöpfung ohne Ende.Die Geburt des Kosmos.

Special Nr. 2 der Zeitschrift Sterne und Weltraum.
Verlag Sterne und Weltraum, Heidelberg 1997. 132 Seiten, DM 14,80.

Die Astronomie ist von allen Wissenschaften nicht nur die älteste, sondern auch diejenige, die am stärksten unser Weltbild gestaltet. Von alters her sucht der Mensch die Ursprünge der Welt und seine Stellung darin zu ergründen.
Frühe Kosmogonien entstanden aus einer engen Verbundenheit mit der Natur und dem Versuch, Naturphänomene wie den Wechsel der Jahreszeiten und den Lauf der Gestirne zu erklären. Den mythisch oder religiös begründeten Vorstellungen, woher die Erde und der Mensch kämen, stellten sich erstmals vor etwa 2500 Jahren rational begründete Weltentstehungslehren gegenüber. Doch erst nach Beginn der Neuzeit bildete sich die Astronomie zu einer Wissenschaft heraus, die mit dem Fortschreiten der Meßtechnik immer weiter reichende Erkenntnisse lieferte.
Dies sogar im Wortsinne: Während der Grieche Ptolemäus (um 100 bis 160 nach Christus) den Abstand der Fixsternsphäre auf etwa 20000 Erdradien schätzte, dehnte Nikolaus Kopernikus (1473 bis 1543) diese Entfernung auf das Siebzigfache aus. Galileo Galilei (1564 bis 1642), der dann als erster ein Fernrohr zu systematischen Himmelsbeobachtungen einsetzte, vermochte unter anderem nachzuweisen, daß das schimmernde Band der Milchstraße aus unzähligen Einzelsternen besteht.
Der Philosoph Immanuel Kant (1724 bis 1804) stellte die damals kühne Hypothese auf, die Sterne der Milchstraße ordneten sich zu einer flachen Scheibe, die durch Gravitation zusammengehalten werde; die Sterne müßten sich um das Zentrum dieser Scheibe bewegen, um nicht hineinzustürzen. Daß das Universum noch größer als unser Milchstraßensystem ist, erkannte erst der amerikanische Astronom Edwin P. Hubble (1889 bis 1953) vor knapp achtzig Jahren: Einige der nebelhaften Gebilde am Firmament erwiesen sich als selbständige Sternsysteme, deren Entfernung von der Erde mehrere Millionen Lichtjahre beträgt. Mittlerweile konnte das nach Hubble benannte Weltraumteleskop sogar Galaxien nachweisen, die mehr als zehn Milliarden Lichtjahre entfernt sind.
Die modernen Astronomen haben damit unser Weltbild enorm erweitert und die Erde als Heimatplaneten des Menschen zu einem winzigen Staubkorn in der Endlosigkeit des Universums reduziert. Die Antwort darauf, was der Ursprung der Welt sei und wie sich der Mensch im Kosmos einordne, muß heute zwangsläufig anders ausfallen als noch vor einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Das Universum, so scheint es, entstand vor etwa 15 Milliarden Jahren in einem gewaltigen, Urknall genannten Ereignis, bei dem Raum und Zeit ihren Anfang nahmen. Die Schöpfung jedoch geht unvermindert weiter. Fortwährend bilden sich aus Gas und Staub neue Sterne, und aus Resten dieser kondensierten Materie können Planeten entstehen. Immer stärker drängt sich deshalb die Frage auf, ob unsere Erde der einzige Himmelskörper ist, auf dem Leben existiert.
Das Sonderheft "Schöpfung ohne Ende. Die Geburt des Kosmos" der Zeitschrift "Sterne und Weltraum" hat sich diesen faszinierenden Themenkomplex vorgenommen. Ausgehend von den Schöpfungsmythen der Antike und einiger Naturvölker wird die philosophische und wissenschaftliche Entwicklung unseres Weltbildes bis hin zum aktuellen Stand der Forschung nachgezeichnet. Zahlreiche Beiträge behandeln – gut portioniert – einzelne Teilaspekte wie etwa die Entstehung der Sterne, die Entwicklung von Galaxien und die Geschehnisse innerhalb der ersten Sekunde nach dem Urknall.
Die Artikel zeichnen sich allesamt durch verständliche Sprache und guten didaktischen Aufbau aus. Man merkt, daß Autoren und Redaktion jahrelange Erfahrung in der Vermittlung astronomischer Erkenntnisse haben: Seit 1962 wendet sich die von Berufsastronomen produzierte Zeitschrift nicht nur an Fachkollegen, sondern auch an Amateure und interessierte Laien. Mit der neuen Special-Reihe möchte die Redaktion nun ein noch breiteres Publikum erreichen, ohne ihrem Motto – Astronomie aus erster Hand zu vermitteln – untreu zu werden.
Aus Beiträgen kompetenter Autoren erfährt der Leser auch manch interessantes Detail. Galaxien beispielsweise machen in den Jahrmilliarden ihres Daseins eine komplizierte Entwicklung durch. In den frühen Phasen des Universums waren Wechselwirkungen zwischen ihnen sehr häufig. Doch auch heute noch lassen sich Kollisionen von Sternsystemen beobachten. Dabei durchdringen sich die Galaxien, ohne daß es zu Zusammenstößen zwischen den Sternen käme; aber durch Gezeitenwirkungen verformen sich die Systeme, und die Prozesse der Sternentstehung können kurzzeitig heftig zunehmen. Wie Astronomen erst kürzlich entdeckt haben, verleibt sich auch unser Milchstraßensystem gegenwärtig auf diese Weise eine Zwerggalaxie ein. Und: Die mit etwa zwei Millionen Lichtjahren Entfernung uns nächste große Spiralgalaxie, der Andromeda-Nebel, rast mit 120 Kilometern pro Sekunde auf unsere Milchstraße zu und wird sie in etwa vier Milliarden Jahren durchdringen.
Angenehm am Text ist, daß Fachausdrücke gut erläutert werden. Ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen gibt zudem weitere Hilfestellung. Nur gelegentlich verfällt ein Autor in Fachjargon: Man müsse sehr "tiefe" Aufnahmen belichten, um gerade entstehende Galaxien zu finden; gemeint sind langbelichtete Aufnahmen kleiner Himmelsareale, auf denen lichtschwache Sternsysteme zu erkennen sind. Die bislang "tiefste" Aufnahme in diesem Sinne ist das sogenannte Hubble Deep Field: Das Weltraumteleskop war im Dezember 1995 zehn Tage lang auf dieselbe Stelle am Firmament gerichtet und bildete dabei Galaxien ab, die zuvor noch niemand erblickt hatte.
Das Heft ist geradezu üppig bebildert. Das Layout ist dabei erfreulich sachlich und verzichtet auf den ansonsten üblich gewordenen optischen Schnickschnack; die Photos selbst sind die Gestaltungselemente. Viele der exzellenten Aufnahmen von Galaxien sowie von Nebeln innerhalb unserer Milchstraße stammen von Amateurastronomen und zeigen somit, was engagierte Laien zu diesem Forschungsgebiet und zur Vermittlung astronomischer Kenntnisse beitragen können.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1998, Seite 107
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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