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Science and Fiction - wie utopisch ist die Nanowelt?

Interview mit Jörg Kotthaus, Professor für Experimentalphysik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Mitbegründer und Sprecher des dortigen „Center for NanoScience“ (CeNS). Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Einzelelektronenphysik in Halbleiternanostrukturen, opto-elektronische Phänomene in der Quantenelektronik und optimierte Fertigungstechniken für Nanokomponenten.


Spektrum: Herr Prof. Kotthaus, überall in der Republik entstehen Institute und Zentren für Nanotechnik, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat zudem diesbezügliche Aktivitäten von Hochschulen in überregionalen Kompetenzzentren zusammengeführt. Warum so üppig?



Prof. Kotthaus: Von üppig kann nicht die Rede sein, denn dies sind zunächst eher organisatorische Maßnahmen, die lediglich vorhandene Forschungskompetenz bündeln. Auch die Fördergelder fließen keineswegs stärker als zuvor, denn selbst das BMBF kann sein Geld nur einmal ausgeben. Es wird allerdings sichtbarer gemacht, wohin die Mittel fließen. Und natürlich hängt nun ein öffentlichkeitswirksames Etikett daran. Letztlich stehen also einige vorwiegend politische Erwägungen hinter der jüngeren Entwicklung.



Spektrum: Auch bei der Gründung des CeNS?



Kotthaus: In diesem Zentrum führen mehrere Lehrstühle der Universität ihre langjährige Forschungsarbeit auf diesem Gebiet zusammen, um wissenschaftliche Synergieeffekte zu erreichen. Nanowissenschaft ist noch weitgehend Grundlagenforschung und kann nach unserer Meinung nur interdisziplinär erfolgreich sein. Deshalb nennen wir die Einrichtung auch Center for NanoScience, von einer Technologie zu sprechen erscheint mir noch verfrüht.



Spektrum: Besteht nicht die Gefahr, daß unter dem Nano-Etikett mancher auf den rollenden Zug aufspringt, um Fördergelder zu kassieren?



Kotthaus: Den Effekt haben sie immer, wenn ein Forschungsthema Mode wird. Doch das beunruhigt mich nicht sehr. Zum einen durchlaufen alle Anträge eine strenge Begutachtung, auch beim BMBF, ob sie nun das Nano-Etikett tragen oder nicht. Soviel ich weiß werden im laufenden Jahr voraussichtlich weniger als ein Drittel der beim BMBF eingereichten Anträge bewilligt werden, die Fördersummen bleiben weit unter dem bereits beantragten Volumen. Zum anderen gibt es in den Nanowissenschaften noch sehr viel zu tun, so daß gute Wissenschaftler keine Angst vor zu großer Konkurrenz haben müssen.



Spektrum: Mit der Bezeichnung "Nano" verbinden sich eine Menge Erwartungen und Hoffnungen. Welche davon ist Ihrer Meinung nach die am frühesten zu realisierende, welche die utopischste?



Kotthaus: Was die Mikrosystemtechnik schon zu leisten vermag, wird in wenigen Jahren auch im Nanometermaßstab möglich sein: eine Zusammenführung von Elektronik und Sensorik. Diese Systeme werden freilich noch lokaler und noch empfindlicher messen und einzelne Moleküle detektieren sowie einzelne Elektronen zählen können. In weiter Ferne hingegen sehe ich den Quantencomputer. Gleichwohl ist er auch heute schon ein unbedingt lohnendes Forschungsthema.



Spektrum: Da wir gerade bei Zukunftsvisionen sind: Gelegentlich erreichen uns Anfragen von Lesern, die eine Berichterstattung über die Ideen des amerikanischen Nano-Propagandisten K. Eric Drexler vermissen, beispielsweise über molekulare Maschinen, die durch den Körper wandern und Zellen reparieren. Was würden Sie so einem Leser antworten?



Kotthaus: Herr Drexler hat es mit Bravour geschafft, basierend auf den Ideen des amerikanischen Physikers Richard Feynman, Visionen einer Nanowelt publikumswirksam zu vermarkten. Eigene wichtige Forschungsbeiträge zur Nanowissenschaft aus seiner Feder sind mir nicht bekannt. Möglicherweise braucht es mitunter sol-che Propagandisten, um Aufmerksamkeit auf ein noch junges Forschungsgebiet zu lenken. Vielleicht hat Drexler in den USA einige Börsen geöffnet. Seine Visionen sind jedenfalls noch weit entfernt von realer Wissenschaft.



Spektrum: Ganz persönlich: Was macht für Sie den Reiz der Nanowissenschaften aus?



Kotthaus: Daß auf der Nanoskala verschiedene Wissenschaften zusammenkommen, um eine noch unbekannte Welt zu gestalten und zu studieren: Chemiker können mittlerweile gezielt Moleküle herstellen, die bis zu 100 Nanometer groß sind, Physiker erzeugen Strukturen bis herunter zu wenigen Nanometern, und Biologen haben ebenfalls erste Werkzeuge, um in diesen Dimensionen kontrolliert zu arbeiten. Ich hoffe, daß viele junge Wissenschaftler diesen Reiz ebenfalls spüren, denn Arbeit gibt es wie gesagt genug.



Spektrum: Und was ist Ihre größte Sorge?



Kotthaus: Daß vorschnell zu viel versprochen wird. Vielleicht ist das die wahre Gefahr durch Trittbrettfahrer. Wer gute Wissenschaft macht, wird finanzielle Förderung erhalten. Weniger qualifizierte Forscher trommeln manchmal zu laut, um wahrgenommen zu werden. Damit können sie aber enormen Schaden anrichten. Mit der Kernphysik wurden in den sechziger Jahren beispielsweise viel zu hohe Erwartungen verbunden, heute wird sie von einer breiten Schicht der Bevölkerung mißtrauisch beäugt. Wir müssen aufpassen, daß wir nicht die "Kernphysiker" kommender Jahrzehnte werden. n



Das Gespräch führte Dr. Klaus-Dieter Linsmeier, Redakteur bei Spektrum der Wissenschaft


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1999, Seite 96
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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