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Zoologie: Tiere

Die Große Bild-Enzyklopädie mit über 2000 Arten
Aus dem Englischen von Gabriele Lehari, Christiane Gsänger und Toni Neuner. Dorling Kindersley, München 2001. 624 Seiten, € 66,–


Alles über Tiere, und das in einem Band? Für einen Zoologen ist die Vorstellung zugleich faszinierend und verwirrend, auch wenn der Band groß und schwer ist. Schließlich schätzt man die Zahl der Tierarten auf irgendwo zwischen zehn und fünfzig Millionen.

Natürlich ist so ein Buch gewichtet nach öffentlichem Interesse, nicht nach Artenzahlen. Die Säuger beispielsweise kriegen 174 Seiten, die "Wirbellosen" nur 76. Während bei Säugern manche Ordnungen bis zu 25 Seiten erhalten, haben nur neun Stämme der Wirbellosen überhaupt eigene Kapitel, und viele davon gerade mal eine Seite.

Aber das Buch ist prall mit Information gefüllt. Eine typische Doppelseite zeigt bis zu zehn Arten, sämtlich mit Farbbildern, dazu mindestens ebenso viele Verbreitungskarten und zu jeder Art Angaben über Größe, Gewicht, Sozialstruktur, Bestandsgefährdung, Piktogramme für den Lebensraum und einen Textblock mit sonstigem Wissenswerten.

Die 73 Textautoren sind allesamt sehr bekannte und in ihrem Spezialgebiet ausgewiesene Fachleute. Ihnen standen wissenschaftliche Berater zur Seite: je einer für Säuger, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische und drei für die Wirbellosen.

Besonderen Wert, so der Herausgeber David Burnie im Vorwort, legte man einerseits auf die Probleme des Artenschutzes, andererseits auf die Darstellung neuester Erkenntnisse. So werden Afrikanischer Waldelefant, Borneo- und Sumatra-Orang, Östlicher und Westlicher Gorilla als eigene Arten geführt – was zum Beispiel beim Orang noch keineswegs die Mehrheitsmeinung der Taxonomen ist. An einigen Stellen erscheint die Aufsplitterung auch suspekt. Mir ist noch nie ein seriöses Lehrbuch begegnet, das zehn Arten von Pferdeartigen aufzählt, und dieses Buch zeigt auch nur fünf (Bergzebra als sichere und Kiang als fragliche Art sind nicht dargestellt).

Auf den oberen Ebenen ist dafür die Klassifikation stellenweise zu grob und veraltet. So verwenden die Autoren den alten Begriff "Halbaffen" weiter und stellen den Koboldmaki dazu, obwohl die seit langem übliche Klassifikation nach feuchter oder trockener Nase ihn deutlich näher zu uns als zu den Lemuren und Loris stellt. Die Robben werden noch als eigene Ordnung geführt, obwohl ihre enge Verwandtschaft mit den Landraubtieren das nach heutiger Auffassung nicht mehr rechtfertigt, und die Wale stehen nicht bei den Paarhufern, wo sie nach neuesten Erkenntnissen hingehören (Spektrum der Wissenschaft 7/2002, S. 26). Die Beuteltiere sind nach heutiger Mehrheitsmeinung in fünf Ordnungen anstatt in eine einzugliedern. Auch auf der höchsten Ebene der Systematik gibt es Widersprüche zu modernen Biologiebüchern: Archäbakterien und Protisten werden als Reiche des Lebens schlicht unterschlagen.

Das Buch beginnt mit einer Reihe von einführenden Kapiteln. Eine tabellarische systematische Grobübersicht sowie für jede Klasse eine Doppelseite zu Anatomie, Verhalten und Lebenszyklen können nur sehr oberflächliche Informationen geben. Besser sind schon die Kapitel über Gefährdung und Schutz sowie über die wichtigsten Ökosysteme und die Anpassungen der Tiere daran. Erfreulicherweise bekommen auch die Stadtlebensräume ein solches Vier-Seiten-Kapitel. Sehr gut und verständlich ist auch die Einführung in Evolutionsgeschichte und Systematik; sogar die kladistische Methode der Stammbaumrekonstruktion ist gut dargestellt.

Im Hauptteil des Buches werden zunächst für jede Tiergruppe (alle Klassen der Wirbeltiere, auffällige Großgruppen der Wirbellosen) Gemeinsamkeiten in Anatomie, Physiologie, Ökologie und Verhalten zusammengefasst; einzelne Kapitel (bei den Wirbeltieren auf Ordnungsniveau oder noch darunter) gehen dann auf Details ein. Beispielsweise bringt das Buch für die Raubtiere (Carnivora) zunächst auf einer Doppelseite neun Farbfotos, zwei anatomische Zeichnungen und Kurzbeschreibungen zu Anatomie, Jagdverhalten, Ernährung, Kommunikation, Sozialstruktur und Systematik. Es folgen acht Seiten für die Hunde, davon wieder eine für die Familie insgesamt, mit allgemeiner Charakteristik, Anatomie, sozialen Gruppen und Beziehung zu Menschen. Die restlichen sieben Seiten sind insgesamt 25 Arten gewidmet. Der Wolf hat dabei eine eigene Doppelseite, während die anderen Arten je nach "Bedeutung" oder unserem Kenntnisstand mit bescheidenerem Platz vorlieb nehmen müssen. Die anderen Raubtierfamilien folgen dann in vergleichbarem Stil.

Das Buch endet mit je einer Tabelle für bedrohte Arten pro Großkapitel, einem vierseitigen Glossar mit etwa 250 Begriffen sowie 22 fünfspaltigen Registerseiten, die sämtliche besprochenen Arten mit ihren deutschen und wissenschaftlichen Namen sowie die wichtigsten allgemeinen Begriffe enthalten.

Alles, was da steht, ist interessant, mitteilenswert und zum größten Teil auch aktuell und korrekt. Wer die vergleichsweise wenigen Fehler mit sicherem Blick entdeckt oder sich nichts aus ihnen macht, dem kann das Buch vorbehaltslos empfohlen werden. Also ein Buch für interessierte, tierbegeisterte Laien und für absolute Fachleute zugleich.

Den Studierenden würden die – vermeidbaren – Schwächen schon stören. Aber die beiden anderen Zielgruppen gleichermaßen zu bedienen ist schon fast so eine Meisterleistung wie das monumentale Buchprojekt selbst!

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003, Seite 99
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003

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