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Virtuelle Nukleartests – Wird der Rüstungswettlauf im Computer fortgesetzt?

Versuchsexplosionen von Kernwaffen sind zwar verboten, doch das Vorhaben der USA, mit Computersimulationen und Begleitexperimenten weiterhin Kernwaffenphysik zu betreiben, könnte die Bemühungen der Rüstungskontrolle zunichte machen.


Die beiden Atombomben, die im August 1945 die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki dem Erdboden gleichmachten, töteten innerhalb weniger Sekunden ungefähr 210000 Menschen. Die heute vorhandenen thermonuklearen Waffen mit vielfach höherer Zerstörungskraft könnten ein ungleich schlimmeres Schreckensszenario anrichten: Würde eine der modernen Wasserstoffbomben über einer der ungebremst wachsenden Weltstädte wie Bombay oder Tokio explodieren, könnte dies schlagartig das Leben von 15 Millionen Menschen auslöschen.

Nach dem Ende des Kalten Krieges gelang es nach jahrzehntelangen Bemühungen schließlich, das nukleare Wettrüsten einzudämmen. Die internationale Staatengemeinschaft einigte sich 1996 darauf, jegliche Versuchsexplosionen von Kernwaffen weltweit zu verbieten. Der sogenannte Umfassende Teststopp-Vertrag (Comprehensive Test Ban Treaty, CTBT) hindert nun die Kernwaffenstaaten daran, Weiterentwicklungen ihrer Bombenkonstruktionen auf gewohnte Weise zu erproben und die Leistungsfähigkeit neuer in das Arsenal aufzunehmender Kernwaffen experimentell zu überprüfen – von 1945 bis 1996 hatten mehr als 2000 Nuklearexplosionen diesem Zweck gedient und so die Entwicklung der Massenvernichtungswaffen vorangetrieben (Spektrum der Wissenschaft, Juli 1997, S. 88). Ein Verbot von Testexplosionen allein reicht zwar nicht aus, um die Verbreitung von Kernwaffen zu verhindern, aber es ist ein ernsthaftes Hindernis für die Entwicklung von Waffen, die auf Kernfusionsreaktionen basieren. Zu diesem Typ Kernwaffen gehören auch die leichteren, kompakteren und leistungsstärkeren Gefechtsköpfe für Raketen, deren Konstruktionsunterlagen China angeblich mittels Spionage und anderer nachrichtendienstlicher Mittel von den USA beschafft haben soll.

 

Das Stewardship-Programm


Trotz des im Teststopp-Abkommen gegebenen Versprechens, den nuklearen Rüstungswettlauf zwischen den Großmächten und die Proliferation – die Verbreitung von Kernwaffen in andere Länder – einzuschränken, haben die USA, Rußland, China, Indien und andere kernwaffenfähige Staaten den Vertrag noch nicht ratifiziert. Viele demokratische Industriestaaten wie Kanada, Deutschland, Australien, Japan, Frankreich und Großbritannien haben dies bereits getan, so daß die USA nun beim Kampf gegen die Proliferation gleichsam das Schlußlicht bilden. Anfang Oktober 1999 erörterten die Länder, die den Vertrag bereits ratifiziert haben, auf einer Konferenz in Wien die Möglichkeiten für ein beschleunigtes Inkrafttreten der Vereinbarungen. Auch die Vereinigten Staaten nahmen daran teil; doch wenige Tage später lehnte der US-Senat die Ratifizierung ab und versetzte damit den weltweiten Bemühungen um Rüstungskontrolle einen herben Schlag (siehe Kommentar Seite 63).

Wenngleich die US-Regierung unter Präsident Bill Clinton die Ziele des Teststopp-Vertrags unterstützt, möchte sie doch nicht auf eine weitere Verbesserung ihres Kernwaffenarsenals verzichten. In einem Punkt nämlich ist sie sich mit der republikanischen Kongreßmehrheit einig: Mit einem speziellen science-based stockpile stewardship and management program (etwa: Programm zur Bestandssicherung und Handhabung des Kernwaffenarsenals mit naturwissenschaftlichen Methoden) soll gewährleistet werden, daß die vorhandenen Kernwaffen stets funktionsfähig bleiben und auch ohne nukleare Versuchsexplosionen modifiziert werden können. Das Programm versucht, die aus umfangreichen Laborexperimenten gewonnenen Daten mit modernen Supercomputern zu verarbeiten, um den Ablauf von Nuklearexplosionen mit bisher unerreichter Leistungsfähigkeit und Genauigkeit räumlich simulieren zu können.

Eine in das Gesetz zum Verteidigungshaushalt von 1993 eingebundene Anweisung des US-Kongresses gab das Startsignal für das neue Entwicklungsprogramm. Unter Leitung des Büros für Verteidigungsprogramme im zuständigen Energieministerium entwickelte es sich 1995 zu einem auf 15 Jahre angelegten umfangreichen Projekt, das mit den veranschlagten 67 Milliarden Dollar immerhin das Dreifache der Mittel für das Manhattan-Projekt oder der Apollo-Mission beansprucht. Die US-Regierung begründet das Vorhaben damit, sie benötige die Fähigkeit zum "virtuellen Testen", um zu gewährleisten, daß die vorhandenen Kernwaffen in Friedenszeiten sicher gelagert und transportiert werden sowie im Falle eines Nuklearkrieges ihre Aufgaben erfüllen können.

Virtuelle Experimente im Computer würden somit zum Teil die Rolle unterirdischer Versuchsexplosionen übernehmen; denn mit diesen wurde früher überprüft, ob die aufgrund militärischer Vorgaben geänderte Konstruktion eines Kernsprengsatzes den Ansprüchen an die Explosionswirkungen genügt. Allerdings könnten mit diesen Rechner-Experimenten auch völlig neue Waffen entwickelt werden, die dann sogleich für eine Testzündung zur Verfügung ständen, falls sich die USA eines Tages zu einem raschen Ausstieg aus dem Teststopp-Vertrag entschließen sollten.

Mit dem technologisch sehr anspruchsvollen Stewardship-Programm, welches das übliche Wechselspiel zwischen Weiterentwicklung und Erprobung ersetzt, sollen offenkundig diejenigen Wählerschichten beschwichtigt werden, die sich seit langem gegen ein Verbot von Nukleartests stemmen. Ein Scheitern der ehrgeizigen Programmplanung könnte sich allerdings als Bumerang erweisen: Die Gegner des Vertrages würden dann sicherlich die Ratifizierung so lange herauszuzögern suchen oder gar für einen stufenweisen Rückzug aus dem Vertrag plädieren, bis eine virtuelle Erprobung tatsächlich möglich ist.

Selbst wenn das Stewardship-Programm seine Ziele erreichen sollte, so ist es doch aus vielerlei Gründen bereits im Ansatz verfehlt. Aus einer von innenpolitischen Interessen freien Perspektive heraus betrachtet untergraben virtuelle Atomtests das Potential des Teststopp-Vertrags, zu einem Meilenstein für die weitere nukleare Abrüstung zu werden, wie sie der Atomwaffensperrvertrag von 1968 fordert. Die USA waren ein Hauptarchitekt dieses Abkommens, das die Zahl der anerkannten Kernwaffenstaaten auf fünf beschränkte und diese im Gegenzug dazu verpflichtete, "in redlicher Absicht Verhandlungen ... über wirksame Maßnahmen zur Beendigung des nuklearen Wettrüstens in naher Zukunft und zur nuklearen Abrüstung" zu führen.

Mit dem Stewardship-Programm fördert das US-Energieministerium jedoch die Kernwaffenentwicklung, anstatt die durch den Teststopp-Vertrag auferlegten Beschränkungen zu akzeptieren. Ironischerweise könnte das Programm sogar letztlich den politischen Druck zur Rückkehr zu Nuklearversuchen in jenen Ländern verstärken, denen für das virtuelle Testen die erforderliche moderne Technologie fehlt. Zudem ermutigt das Programm den Austausch von neuen Forschungsergebnissen zwischen den Waffenlaboratorien des US-Energieministeriums und der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft; dadurch könnten auch jene Staaten zur Entwicklung von thermonuklearen oder kompakten Kernspaltungswaffen befähigt werden, die bislang nicht darüber verfügen.

Das Energieministerium verfolgt mit dem Stewardship-Programm indes noch ein zweites Ziel: den in Bedrängnis geratenen Kernwaffenlabors neue Perspektiven zu eröffnen. Während des gesamten Kalten Krieges war es diesem Kernwaffenestablishment gelungen, den Kongreß von einem Verbot der amerikanischen Nukleartests abzuhalten. Doch im September 1992 verabschiedete der Kongreß ein befristetes Moratorium für Nuklearversuche und setzte den 30. September 1996 als Stichtag für einen unbefristeten Testverzicht der USA und für Verhandlungen über einen internationalen Teststopp-Vertrag fest. Zweimal verlängerte Präsident Clinton das einseitige Moratorium und entschied im August 1995, das Ziel sei ein Vertrag ohne eine Schwelle für die Sprengstärke, ein sogenannter zero yield – also ein Verbot aller Versuchsexplosionen, unabhängig davon, wie niedrig die freigesetzte nukleare Energie ist. Zu jenem Zeitpunkt hatten die Los-Alamos-, Sandia- und Lawrence-Livermore-Nationallaboratorien seit fast drei Jahren keine unterirdischen nuklearen Testzündungen mehr durchgeführt.

"Unsere Budgets wurden in den vergangenen sechs Jahren drastisch gekürzt", hob Siegfried S. Hecker, Direktor in Los Alamos, im September 1997 hervor. "Unsere Leute erwogen, das Kernwaffenprogramm zu verlassen. Der Produktionsbereich schien hoffnungslos daniederzuliegen. ... Diese Situation hat sich mit der Einführung des science-based stockpile stewardship program in den vergangenen zwei Jahren dramatisch umgekehrt." In der Tat übertrifft die jährliche Förderung des Programms mit 4,5 Milliarden Dollar nun die Ausgaben des Energieministeriums für Kernwaffenaktivitäten zur Zeit des Kalten Krieges von im Mittel 3,7 Milliarden Dollar pro Jahr.

Mit diesem enormen Budget hat das Energieministerium ein ehrgeiziges Programm zum Management des Kernwaffenarsenals auf den Weg gebracht. Das Rückgrat des Programms bilden drei der derzeit schnellsten Supercomputer der Welt, die jeweils mehrere tausend massiv parallel arbeitende Mikroprozessoren enthalten und zwei Billionen Rechenoperationen in der Sekunde ausführen können (Bild unten). Es ist diese enorme Rechenleistung, welche die räumliche Simulation von nuklearen Explosionen ermöglicht. Bis zum Jahr 2005 will das Energieministerium noch über hundertmal schnellere Computer verfügen.

Indes reicht das Steigern der Rechenleistung allein nicht aus. Die präzise räumliche Modellierung der Explosionsvorgänge erfordert umfangreiches Wissen über das Verhalten der in den Kernsprengsätzen eingesetzten Materialien bei extremen Temperaturen und Drücken. Um dieses Datenmaterial zu bekommen, müssen die unterschiedlichsten Laboranlagen errichtet werden. Weitere Großexperimente sind anschließend erforderlich, um die mit den Supercomputern erstellten Simulationen zu überprüfen. Ein ohne reale Versuchsexplosionen schwierig nachzuprüfender Vorgang während der Zündung eines thermonuklearen Sprengkörpers betrifft beispielsweise die "Strahlungshydrodynamik" – die Umwandlung der von der Primärstufe durch eine Kernspaltungsexplosion freigesetzte Röntgenstrahlungsenergie in die hohen Temperaturen und Drücke, die für das Ingangsetzen einer Kernfusion in der Sekundärstufe erforderlich sind.

Unter anderem aus diesem Grund läßt das Energieministerium neue oberirdische Anlagen erbauen, darunter die 1,7 Milliarden Dollar teure "National Ignition Facility" in Livermore (Kalifornien). Wenn diese Einrichtung irgendwann nach 2005 ihre volle Betriebsbereitschaft erreicht hat, wird man mit Hochleistungs-Laserstrahlen versuchen, Röntgenstrahlungspulse von solcher Form und Dauer zu erzeugen, die ein winziges gefrorenes Tröpfchen aus den Wasserstoffisotopen Deuterium und Tritium so zu komprimieren und gleichmäßig zu erhitzen vermögen, daß sie unter Energieabgabe miteinander verschmelzen.

Ein derartiges Waffenforschungsprogramm fördert die Proliferation auf unterschiedlichste Weise. Außenpolitisch betrachtet offenbart es eine Scheinheiligkeit, welche die moralische und politische Glaubwürdigkeit der USA unterminiert. Bestimmte Staaten werden sich wohl nur so lange an die Bedingungen des Teststopp-Vertrags gebunden fühlen, wie sie überzeugt sind, daß auch die USA in ähnlicher Weise eingeschränkt werden. Es ist unwahrscheinlich, daß andere Kernwaffenstaaten mit dem Stewardship-Programm vergleichbare Fähigkeiten zur Entwicklung und Zertifizierung von Kernwaffen in einem ähnlichen Zeitraum erreichen können, was die Wahrnehmung eines strategischen Ungleichgewichts verstärken und somit eine Abkehr von dem Vertrag zur Folge haben könnte.

Des weiteren erfordert eine langfristige Bestandssicherung mit virtuellen Nuklearexplosionen eine wesentlich engere Zusammenarbeit zwischen den der Geheimhaltung verpflichteten Kernwaffenspezialisten und der offenen wissenschaftlichen Gemeinschaft. Wo früher quasi die Zertifizierung eines Kernwaffendesigns mit einem realen Atomtest erfolgte, werden sich die Entwickler stärker auf ihre wissenschaftliche Expertise stützen müssen. Kürzlich vertrat Stephen M. Younger, Direktor für Kernwaffentechnik am Los-Alamos-Nationallaboratorium, die Ansicht, daß die nicht-geheime wissenschaftliche Begutachtung der grundlegenden Waffenforschungen die Rolle der Atomtests als "Oberschiedsrichter" einnehmen könnte.

Die Rolle, die das Stewardship-Programm der Akademikergemeinde zuweist, geht freilich weit über übliche Begutachtungen und gelegentliche Diskussionen hinaus. Es müssen auch Spitzenwissenschaftler an den Universitäten angeworben werden. Gefördert durch Fünfjahres-Stipendien – die zusammen Dutzende von Millionen Dollar umfassen – entwerfen fünf universitäre Forschungszentren und eine Reihe weiterer Institutionen die mathematischen Modelle und Algorithmen, mit deren Hilfe die komplexe Physik aller Phasen einer nuklearen Explosion simuliert wird. Die Wissenschaftler bearbeiten dabei verwandte Fragestellungen aus der Grundlagen- und angewandten Forschung – etwa die Physik pulsierender Sterne oder die Thermodynamik von Gasturbinen und Raketentriebwerken –, um physikalische Modelle und Rechenverfahren zu verfeinern und zu validieren, die dann später gewissermaßen "hinter dem Zaun" für die Verbesserung der Computercodes für die Simulation von Kernexplosionen zum Einsatz kommen.

Younger hat diese Ausweitung der Waffenforschung an der Grenze des Wissens als willkommene Form "wissenschaftlicher Abschreckung" bezeichnet, welche die in den Zeiten des Kalten Krieges üblichen Machtdemonstrationen – etwa durch Raketentestflüge oder Atomexplosionen – ersetzen werde. Wenn ausländische Wissenschaftler von den Fortschritten der US-Kollegen in der Kernforschung erfahren, werden sie sich fragen müssen, ob nicht weitere Ergebnisse vorliegen, zu denen sie wegen der Geheimhaltung keinen Zugang haben.

Diese Einstellung hat eine ernste Schattenseite: Dadurch, daß ein Großteil der wissenschaftlichen Arbeit im Rahmen des Stewardship-Programms öffentlich durchgeführt wird, dürften auch andere Länder ihr Wissen über die Physik von Kernwaffen erheblich erweitern. Ob dieses Wissen dann tatsächlich in die Entwicklung solcher Waffen umgesetzt wird, hängt natürlich von den jeweiligen politischen Verhältnissen ab. Aber in einer instabilen Welt voller schlummernder Konflikte liegt die Verbreitung auch nur latenter Fähigkeiten zur Entwicklung verbesserter Kernwaffen nicht im Interesse der USA oder der Weltsicherheit.

Die Befürworter des derzeitigen Stewardship-Programms haben mit ihren Argumenten die politischen Entscheidungsträger und den Gesetzgeber unter Druck gesetzt nach dem Motto: Entweder ihr gebt uns 4,5 Milliarden Dollar pro Jahr für das virtuelle Testprogramm und nehmt die damit verbundenen Proliferationsrisiken in Kauf, oder das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Sicherheit des vorhandenen Kernwaffenarsenals geht bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts verloren. Doch dieses Argument sticht nicht; vielmehr gründet es sich auf eine Verkettung von Irrtümern.

Zunächst einmal kann ein derart kostspieliges Projekt zur Durchführung von Computersimulationen nicht allein mit der Absicht gerechtfertigt werden, die nuklearen Gefechtsköpfe sicher und zuverlässig zu halten. Die Sicherheit von Kernwaffen läßt sich eher mit Umzäunungen, Bunkern, bewaffnetem Wachpersonal, Alarmanlagen und anderen Maßnahmen gewährleisten. Die Anfälligkeit der Gefechtsköpfe gegenüber einer unbeabsichtigten oder unautorisierten Zündung ist ein Problem, das in der Konstruktion der Sprengsätze selbst liegt, nicht aber eine Folge der Alterung von Materialien oder ähnlichem ist. Auch nimmt die Empfindlichkeit der chemischen Explosivstoffe, die in dem Primärteil der Gefechtsköpfe verwendet werden, gegenüber mechanischen Schlägen oder Feuer im Laufe der Zeit nicht zu. Und die Elektronik, die den Zugriff zu dem Zündsystem eines Sprengsatzes blockiert, kann mit rein konventionellen Verfahren – also ohne Zuhilfenahme von Atomtests – geprüft und gegebenenfalls erneuert werden.

Möglich ist jedoch, daß nach langer Lagerungsdauer die Sollsprengstärke eines Gefechtskopfs infolge von Alterungseffekten nicht mehr erreicht wird. Aber die Erfahrungen mit der routinemäßigen Überprüfung der Kernwaffenbestände in den USA zeigen, daß zur Wartung der nuklearen Komponenten – im Unterschied zu ihrer Modifikation oder Weiterentwicklung – keine Kernwaffentests erforderlich sind. In einem 1996 veröffentlichten Bericht wird vielmehr aufgeführt, daß von den zwischen 1958 und 1993 aufgespürten 830 Defekten an Kernwaffen weniger als ein Prozent durch Versuchsexplosionen gefunden wurden. Nach 1970 standen nur elf der 387 Tests in direktem Zusammenhang mit der Überprüfung der Zuverlässigkeit gelagerter Waffen. "Nur ein kleiner Teil unserer Atomtests in der Vergangenheit dienten der Prüfung der Zuverlässigkeit des Arsenals, weil wir eine Reihe anderer Prüftechniken zur Verfügung hatten", bestätigte auch C. Paul Robinson, der Direktor der Sandia-Nationallaboratorien, in einem Brief an einen Senator, der sich nach den potentiellen Auswirkungen eines Testverbots erkundigt hatte.

Weil die Waffenforscher sich so selten auf Kernwaffenversuche gestützt haben, um alterungsbedingte Fehler aufzuspüren und zu beheben, gibt es auch keinen zwingenden Zusammenhang zwischen einem Stewardship-Programm und der weiteren Sicherheit und Zuverlässigkeit des Kernwaffenarsenals. Vielmehr taugen die High-Tech-Computersimulationen und die Fusionsexperimente des Programms dazu, die Fähigkeiten der USA zur Weiterentwicklung von Kernwaffen zu verbessern. Die Notwendigkeit für solche Modernisierungen ist allerdings fraglich, denn die USA verfügen bereits über die technischen Fähigkeiten, um vorhandene, in Versuchen erprobte Kernsprengsätze in neue Raketen und Bomben zu integrieren, ohne daß dazu ein umfangreiches neues Projekt zur Simulation von Explosionen vonnöten wäre. Ingenieure können die nicht-nuklearen Waffenkomponenten wie Neutronengeneratoren, Gaszuführvorrichtungen, Zündkapseln, Batterien, integrierte Schaltkreise, Radarsysteme und Höhenmesser weiterentwickeln, ohne den Kernsprengsatz selbst zu verändern.

Die Befürworter der virtuellen Nuklearversuche erachten es auch für notwendig vorherzusagen, wann die Leistungsfähigkeit der Gefechtsköpfe infolge des radioaktiven Zerfalls der Kernmaterialien oder anderer Alterungsprozesse abnimmt. Anhand dieser Prognosen würden die Zeitpläne für die erforderliche Erneuerung der Gefechtsköpfe im Arsenal optimiert, was die Produktionskosten senken hülfe. (Solange unterirdische Versuchsexplosionen erlaubt waren, wurden Kernsprengköpfe noch vor Ablauf ihrer nicht genau bekannten "Haltbarkeitsdauer" nicht durch baugleiche Exemplare ersetzt, sondern durch neue, weiterentwickelte Modelle.)

Doch um die Sicherheit und Zuverlässigkeit der Waffen zu erhalten, ist es nicht unbedingt erforderlich, exakt vorhersagen zu können, wann ohne Wartung Fehler auftreten würden. Es reicht aus, wenn im Rahmen sorgfältiger Inspektionen des eigentlichen Explosionsteils einer Bombe festgestellt wird, daß die beobachteten Alterungseffekte die Toleranzschwelle erreichen, die man aus den früheren Testexplosionen abgeleitet hat. Bei den weit zahlreicheren nicht-nuklearen Komponenten können durch geeignete Prüfverfahren und regelmäßigen Austausch der entsprechenden Teile Alterungseffekte entdeckt und beseitigt werden.

Mit diesem Ansatz ließe sich der Zeitplan für die Wartungs- und Austauscharbeiten zwar nicht völlig optimieren, doch würden die Zusatzkosten bei weitem nicht die enormen Investitionen und hohen jährlichen Fixkosten erreichen, die das Stewardship-Programm verursacht. Da zudem Rüstungskontrollvereinbarungen das Arsenal künftig weiter schrumpfen lassen werden, würden sich die potentiellen Einsparungen durch einen wirklich optimalen "Fahrplan" für den Nachbau der Gefechtsköpfe ebenfalls vermindern.

 

Widersprüche schaden den USA


Angesichts dieser Bedenken ist zu fragen, warum das Stewardship-Programm trotz seiner Proliferationsrisiken gerade von den Kreisen in den USA unterstützt wird, deren Anliegen die nationale Sicherheit ist. Grundsätzlich sollte es darum gehen, diejenigen Probleme zu minimieren, die auftreten können, wenn die mit Atomtests erfahrenen Wissenschaftler und Ingenieure in den Ruhestand gehen. Es wurden zwar einige Lösungsstrategien vorgeschlagen, aber nur eine wurde jemals ernsthaft in Erwägung gezogen: die Ausbildung einer neuen Generation von Waffenentwicklern, die in neuen Großforschungseinrichtungen und mit Supercomputern virtuelle Versuchsexplosionen erzeugen können. Dies ist ein kostspieliger Ersatz für das frühere Kernwaffenprogramm, mit dem nun eher die Leistungsfähigkeit von Waffenentwicklern als diejenige der Waffen aufrechterhalten wird.

Deutliche politische und technische Vorteile für das Nichtverbreitungsregime würden sich ergeben, wenn man anerkennt, daß es unter den Einschränkungen eines Teststopps nicht nötig und wohl auch nicht möglich ist, die Kenntnisse und Erfahrungen, die das heutige Personal in den Kernwaffenlabors mit dem Durchführen von Versuchsexplosionen erworben hat, in einer neuen Generation von Waffenforschern zu duplizieren. Im Gegenteil, es sollte an den vorhandenen Kernsprengsätzen tunlichst nichts mehr verändert werden, damit die Probleme, die auftreten könnten, minimal bleiben. Das würde bedeuten, daß das testerfahrene Personal Standards aufstellt, mit denen einige wenige, relativ wartungsarme Gefechtskopftypen auch künftig nachgebaut werden können. Solchermaßen zertifizierte Komponenten könnten mit großem Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit jederzeit gefertigt werden.

Ein genauer Blick auf die Fakten läßt keinen Zweifel daran, daß ein moderates, technisch weniger aufwendiges und eng ausgelegtes StewardshipProgramm, das sich auf den Ersatz von Waffenkomponenten beschränkt, ein sicheres und zuverlässiges Kernwaffenarsenal gewährleisten könnte. Zugleich würde es eher der Verpflichtung zur nuklearen Nichtverbreitung gerecht. Die Widersprüche des derzeitigen Ansatzes, der sich auf die virtuelle Kernwaffenentwicklung stützt, schaden nicht nur den USA selbst, sondern offenbaren auch eine große Unsicherheit darüber, welche Rolle man den Kernwaffen künftig für die nationale Sicherheit der USA zuordnen möchte.

Noch ist die Politik der US-Regierung und des Kongresses von einer Doppelstrategie beherrscht: Einerseits wird der Wille bekundet, die Proliferation einzudämmen und auf eine Abschaffung aller Massenvernichtungswaffen hinzuarbeiten; andererseits möchte man die nukleare Überlegenheit der USA erhalten und steht internationalen Abrüstungsinitiativen eher passiv gegenüber. Die Debatte über diesen Schlingerkurs wird im Wahljahr 2000 sicherlich verstärkt in die Öffentlichkeit getragen werden.

Literaturhinweise


Nuclear Weapon Development without Nuclear Testing? Von Richard L. Garwin und Vadim A. Simonenko. Erhältlich unter www.fas.org/rlg/dev_no_test.htm im World Wide Web.

Maintaining a Nuclear Deterrent under the Test Ban Treaty. Von Sidney Drell, Raymond Jeanloz und Bob Peurifoy in: Science, Bd. 283, S. 1119–1120 (1999).


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2000, Seite 60
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2000

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