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Paläodemografie: Volkszählung für die Bronzezeit

Wie viele Menschen in den frühen Dörfern des Vorderen Orients gelebt haben und mit welchen Widrigkeiten sie zu kämpfen hatten, versuchen Anthropologen aus Skelettresten abzulesen.


Der Boden war fruchtbar, das Klima mild und trocken. Vor 5000 Jahren gediehen deshalb im Vorderen Orient schon Ackerbau und Viehzucht. In Dörfern und Städten, Königreichen und Fürstentümern begann dort die Bronzezeit, während europäische Kulturen noch keine Metalle zu verarbeiten wussten.

Der Vordere Orient umfasst auf der heutigen Landkarte ein riesiges Gebiet: das anatolische Hochland der Türkei, weite Landstriche in Iran, Irak und Syrien sowie die als Levante bezeichnete östliche Mittelmeerküste mit Troia als heute wohl bekanntester antiker Siedlung. Unter welchen Bedingungen die Menschen lebten und wie sie ihre Gemeinwesen organisiert haben, versuchen Archäologen anhand von Ruinen und Artefakten zu rekonstruieren. Anthropologen gehen dieselben Fragestellungen aus einem anderen Blickwinkel an: Sie analysieren die Überreste der Menschen selbst.

Gewebe liefern eine Vielzahl von Informationen, denn ein Organismus reagiert auf die Bedingungen, die er in seiner Umgebung vorfindet, und das hinterlässt Spuren. In fünf Jahrtausenden haben Mikroben und die Bodenchemie freilich die meisten Gewebe zersetzt, allenfalls finden die Archäologen noch Knochen und Zähne. Welcher körperlichen Tätigkeit ein Verstorbener einstmals nachging, lässt sich aber anhand der Abnutzung in den großen Gelenken und an der Wirbelsäule ablesen. Infektionskrankheiten wie Knochentuberkulose oder Syphilis hinter­ließen ihre Spuren, ebenso eine Mangel­ernährung. Zum Beispiel ist Eisen Bestandteil der roten Blutkörperchen, bei unzureichender Eisenzufuhr werden zunächst weniger davon gebildet, und der Körper erhält nicht genügend Sauerstoff. In der Folge wird das Blut bildende Ge­webe stärker zur Produktion angeregt, vor allem in bestimmten Regionen des roten Knochenmarks. Dabei wird Knochensubstanz umgebaut, deshalb wirkt das Dach der Augenhöhlen – eine dieser Blut bildenden Regionen – deutlich perforiert. Nahrungsmangel im Kindesalter stört überdies die Bildung von Zahnschmelz der Dauerzähne, erkennbar als Streifen und Grübchen. Hinzu kommen die Folgen von Unfällen und kämpferischen Auseinandersetzungen.

Um Aussagen über die Lebensbedingungen machen zu können, untersuchen wir Anthropologen die Überreste aller Personen, die eine Gemeinschaft bilde­ten. In den letzten Jahren wurden daher mehrere größere Gräberfelder insbesondere in Anatolien intensiv erforscht. Zudem haben wir im Verbund mit anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen unsere Analysetechniken verfeinert beziehungsweise neu entwickelt, um den Knochengeweben immer mehr und immer präzisere Informationen zu entlocken.

Ein Dorf wächst empor

Die Grundfragen bei der Analyse von Skelettresten sind natürlich stets gleich: War es Mann oder Frau? Wie alt war der oder die Verstorbene? Erst danach werden Spuren von Verletzungen oder Krank­heiten gesucht. Ein gutes Beispiel dieser ­Arbeit bietet das Gräberfeld von Demir­cihüyük (zu Deutsch "Hügel des Schmiedes"), im westlichen anatolischen Hochland gelegen. Bereits in den 1970er Jahren hatte der Tübinger Prähistoriker Manfred Korfmann diese Siedlung der Frühen Bronzezeit untersucht. Sie gehörte zu einem prosperierenden sozialen System mit einem Zentrum bei der heutigen Stadt Eskisehir. Von dieser Demircihüyük-Kultur gingen innovative Impulse aus. Bemerkenswert ist beispielsweise das sehr frühe Aufkommen der Töpferscheibe, die über intensive Handelsverbindungen in der Folge bis in die westlich gelegenen Mittelmeerkulturen und insbesondere nach Troia gelangte.

Wie im Vorderen Orient üblich waren die Gebäude aus Lehmziegeln errichtet worden, also einem vergänglichen Material. Neue Bauten entstanden dann auf den Überresten der alten, sodass sich dieses Gemeinwesen langsam in die Höhe schob. Dabei blieb die Grundstruktur erhalten: Einzelne Wohnhauskomplexe standen dicht an dicht wie Tortenstücke um einen kreisrunden Innenhof mit eingetieften Vorratsgruben. Besonders auffallend: Das kleine Dorf hatte sich mit einer umlaufenden Mauer geschützt und konnte nur durch eines von vier Toren betreten werden. Mussten die Bewohner Überfälle befürchten?

Auf einer Anhöhe, nur wenige hundert Meter von der Siedlung entfernt, liegt ihr Gräberfeld. In einem Kraftakt haben es die Kollegen vom Deutschen Archäologischen Institut Istanbul unter der Leitung von Jürgen Seeher 1990 und 1991 vollständig erschlossen. Bei der Öffnung der Gräber und Bergung von Skelettresten waren wir beteiligt, um alle für uns relevanten Informationen selbst zu erheben. Die Zuordnung der Funde zu den Bodenschichten und damit ihre Datierung waren eine knifflige Angelegenheit: Auf dem Gelände wird Getreide angebaut, landwirtschaftliche Geräte wie der Pflug hatten bereits oberflächlich liegende Gräber "gestört".

Insgesamt gab es 497 Gräber, nicht jedes enthielt noch Skelettreste. Als Särge dienten zumeist große Tontöpfe, in die man die Toten eng verschnürt in Hockstellung gelegt; ein zweiter Topf diente mitunter als Deckel. Auch einige durch Steinplatten begrenzte Gräber sowie einfache Erdbestattungen gab es in Demircihüyük.

Knochenschwund verrät das Alter der Toten

Alle Skelette waren stark zerfallen. Ließ sich anhand der Beckenform das Geschlecht eindeutig bestimmen, wurden bei diesen Toten etwa fünfzig Parameter an den Extremitätenknochen erhoben, zum Beispiel bestimmte Durchmesser und Umfangmaße. Eine statistische Analyse ermöglichte sodann, auch anderen Skeletten ihr Geschlecht zuzuordnen. Auf diese Weise fanden wir heraus, dass Männer immer auf die rechte, Frauen immer auf die linke Seite gelegt worden waren.

Wie alt ein Mensch geworden war, lesen Anthropologen herkömmlich am Grad der Umbauprozesse ab, denen das Skelettsystem unterworfen ist. Mit zunehmendem Alter überwiegt dabei der Abbau von Knorpel- und Knochensub­stanz. Insbesondere schwindet, beginnend ab etwa dreißig Jahren, die schwammartige Bälkchenstruktur in den Enden der langen Röhrenknochen, die den Knochen gegen Druck- und Zugbelastung festigt. Zudem verändert sich allmählich die mikroskopische Struktur des Knochens: Die ursprünglich geordneten röhrenförmigen Baueinheiten (Osteone) werden abgebaut und von nachwachsenden Einheiten überlagert. Im Mikroskop sehen diese Strukturen dann wie "angeknabbert" aus. Es gibt aber auch Hartgewebe wie den Zahnschmelz, die, einmal gebildet, unverändert bleiben. Andere wachsen im Laufe eines Lebens beständig, wie der Zahnzement.

Zur Beurteilung von Kinderskeletten bietet sich ein einfaches Kriterium an: Im Alter von etwa drei Jahren vervollständigen Kleinkinder ihr Milchgebiss, ab etwa sechs Jahren wird es durch ein Dauergebiss ersetzt. Das Gräberfeld von Demircihüyük bot hier Interessantes: Es fehlten Milchgebisse in der Bildungsphase, offenbar waren dort keine Kinder unter drei Jahren beigesetzt worden. Es wäre nun völlig unsinnig anzunehmen, dass es solche Trauerfälle in dieser Gemeinschaft nicht gegeben hätte. Die Analyse weltweiter Daten zeigt vielmehr, dass die Sterblichkeit im Kindesalter einem festen Muster folgt. So ist vor allem das erste Lebensjahr voller Risiken, und in vorindustriellen Gemeinschaften sterben unter ungünstigen Lebensbedingungen vierzig Prozent der Säuglinge. Das folgende Abstillen fordert bis zu zwanzig Prozent weitere Opfer, denn der Immunschutz der Mutter fehlt und die Infektionsgefahr wächst.

Zwar widerstehen die Knochen von Säuglingen und Kleinkindern den Einflüssen der Bodenchemie deutlich schlechter als das Skelett eines Erwachsenen. Doch dass diese Bevölkerungsgruppe im Gräberfeld von Demircihüyük vollkommen fehlte, legte den Schluss nahe, ihr sei eine spezielle Beisetzung zuteil geworden. Und tatsächlich ergab eine Überprüfung der Funde aus der Siedlung genau die Zahl an Säuglings- und Kleinkinderskeletten, die wir auf Grund der Statistik der übrigen Altersgruppen erwartet hatten.

Diese Sitte, Nachkommen bis zum Alter von drei Jahren in der Siedlung selbst zu bestatten, wurde schon bei anderen Siedlungen der Frühen Bronzezeit im Vorderen Orient nachgewiesen, doch nirgends lebte man so konsequent danach wie in Demircihüyük. Offenbar hatte etwa jedes dritte Neugeborene seinen dritten Geburtstag nicht erlebt. Auch wenn es nur eine Vermutung ist: Vielleicht dokumentiert diese Bestattungssitte, wie schmerzhaft Eltern und Gemeinschaft den Verlust ihrer Kinder empfunden haben.

Nach dem Abstillen nimmt das Sterberisiko zunächst ab, um dann ab einem Alter von 15 Jahren für das weitere Leben allmählich anzusteigen, bedingt durch Unfälle, Arbeitsbelastungen und Gewalt. Doch die Analyse der Skelette Erwachsener zeigte: Unerwartet viele Männer kamen schon in jungen Jahren zu Tode.

Jahresringe im Zahnzement

Einige waren offenbar in kämpferische Händel verwickelt gewesen und erlagen den Verletzungen, die sie sich dabei zuzogen. Besonders eindrücklich zeigen das Hiebverletzungen an Schädeln, vermutlich von Steinäxten, wie sie in großer Zahl in der Siedlung und im Gräberfeld gefunden wurden. Da es meist besonders kräftige Männer waren, liegt die Vermutung nahe: Diese Jugendlichen gehörten zu einer Art Schutztruppe, die Angriffe auf die Siedlung abwehrte.

Eine individuelle Altersschätzung war lange Zeit recht problematisch, denn Veränderungen am Skelett wie das Verstreichen der bei Kindern und Jugendlichen noch erkennbaren Schädelnähte, die die einzelnen Schädelknochen verbinden, die erwähnte Auflösung der Knochensubstanz am Ende der langen Röhrenknochen oder die Abnutzung der Zähne werden immer auch von Umweltfaktoren beeinflusst, entsprechend groß war die Fehlerbandbreite. Seit kurzem aber gibt es eine treffliche Alternative: Mit meinen Mitarbeitern am Rostocker Max-Planck-Institut für demographische Forschung habe ich in einer Arbeitsgruppe von James W. Vaupel die als Tooth Cementum Annulations (TCA) seit den 1950er Jahren zur Altersbestimmung in Wildtierpopulationen genutzte Methode auch für den Menschen validiert.

Wie die Dendrochronologie misst sie "Jahresringe", nur nicht an Holz, sondern im Zahnzement. Diese Substanz wird nämlich im Jahresrhythmus in konzentrischen Ringen um das Dentin der Zahnwurzeln abgelagert. Die Gründe dafür sind noch nicht genau bekannt, doch dürften das jahreszeitlich wechselnde Nahrungsangebot, die zu- und abnehmende Dauer von Tageslicht wie auch die Temperatur ein Rolle spielen.

Auf 2,5 Jahre genau

An etwa siebzig bis achtzig Mikrometer dicken Wurzelquerschnitten zeigen sich diese "Jahresringe" als optische Hell-Dunkel-Banden bei 400facher Vergrößerung im Durchlichtmikroskop und werden gezählt. Damit lässt sich das Sterbealter eines Menschen auf 2,5 Jahre genau bestimmen. Diese Genauigkeit zeigte sich in den vergangenen zwei Jahren bei Blindversuchen mit fast 400 Zähnen, die bei Ärzten gesammelt wurden und von denen das Alter der Patienten bekannt war.

Dass Menschen früherer Zeiten auch schon Zahnzement in diesem Rhythmus gebildet haben, belegen Untersuchungen an einem Spitalfriedhof des späten 17. und 18. Jahrhunderts in Basel. Über die dort Bestatteten liegen noch Krankenakten sowie das Geburts- und Sterbedatum vor. Bei ihnen sind die saisonalen Hell-Dunkel-Banden sogar noch kontrastreicher und damit deutlicher abgebildet als heute: Ohne gut geheizte Wohnungen in der kalten Jahreszeit und ohne Nahrung aus dem Supermarkt waren die Menschen den Jahreszeiten weit mehr ausgeliefert. Schließlich konnten meine Mitarbeiter und ich auch nachweisen, dass selbst lange und schwere Krankheiten die Ringbildung im Zahnzement nicht stören. Damit war der Weg frei, TCA bei Skeletten der Bronzezeit einzusetzen.

Auf diese Weise haben wir im Nachhinein Proben einiger Toten von Demircihüyük untersucht. Nun erst ließ sich Paläodemographie betreiben: Wie hoch war in jener Siedlung der Frühen Bronzezeit die mittlere Lebenserwartung? Zu diesem Zwecke wurden Methoden der modernen Demographie variiert, beispielsweise das Sterbetafelkonzept.

Das setzt die Anzahl der in einem bestimmten Alter Gestorbenen eines Jahres mit der Zahl der Gleichaltrigen in der Bevölkerung in Beziehung und kommt so auf ein genaues Sterberisiko für jedes Alter. Normiert auf eine theoretische Ausgangsbevölkerung von beispielsweise 100000 Personen, die alle Altersstufen nach dem berechneten Sterberisiko durchlaufen, bis auch die letzte Personen gestorben ist, lassen sich dann verschiedene Gemeinschaften miteinander vergleichen. Zeigen sich dabei in bestimmten Altersjahren "Sterbegipfel", weist das auf besondere Risiken hin, denen dieser Teil der Bevölkerung ausgesetzt war. Gemeinsam mit den Kollegen anderer Disziplinen suchen Paläodemographen dann nach den Ursachen.

Ein Ergebnis war absehbar: Die Lebenserwartung von Frauen war in Demircihüyük ungleich geringer als das der Männer, nur wenige erreichten ein hohes Alter. Das ist typisch für die vorindustrielle Zeit und in allen Kulturen anzutreffen. Denn erst eine gute medizinische Versorgung sowie Verbesserungen im sozialen Bereich begrenzen die Risiken von Schwangerschaft und Geburt, die Mehrfachbelastungen durch Kinder, Haushalt und Feldarbeit. Auch war es fast immer Aufgabe der Frauen, Kranke zu pflegen – ihr Risiko einer tödlichen Infektion lag damit deutlich über dem der Männer. Nur 28 Prozent der erwachsenen Frauen jener Siedlung wurden fünfzig Jahre oder älter, hingegen 46 Prozent der Männer.

Über zwei Jahrhunderte hinweg wurde Demircihüyük immer wieder im gleichen Stil erneuert. Die Annahme liegt deshalb nahe, seine Bevölkerungsstruktur sei etwa konstant geblieben. Dann dürften entsprechend der Größe des Gräberfeldes etwa 63 Personen gleichzeitig dort gelebt haben (die Ergebnisse der Sterbetafelberechnung, auf die Gesamtzahl der Gräber bezogen, zeigten die Anzahl der Personen, die bei gleichem Alter gleichzeitig gewohnt haben). In jedem Haus lebten durchschnittlich fünf Menschen, vermutlich ein Elternpaar mit durchschnittlich zwei Kindern und einem Säugling. Ergänzt wurde eine solche Familie durch einen Großelternteil. Diese Schätzung entspricht einem Raumbedarf von etwa zehn Quadratmetern umbauten Raumes pro Person.

Eine solche fünfköpfige Familie benötigt, reichlich bemessen, etwa 1500 Kilogramm Weizenmehl pro Jahr. Das entspricht pro Person und Tag knapp einem Kilogramm Mehl, aus dem sich drei sättigende Brotfladen herstellen lassen. Die Vorratsgruben in den Innenhöfen waren aber deutlich größer ausgelegt, als es die Siedlung erfordert hätte. Konnten die Bewohner sozusagen aus dem Vollen schöpfen?

Tatsächlich ließen sich an den Skeletten von Erwachsenen wie auch von Kindern kaum ernährungsbedingte Mangelerscheinungen ablesen. Das mag ein Hinweis darauf sein, warum das Dorf die Schutzmauer und eine wehrhafte Truppe benötigte: Die Anbauflächen lieferten einen höheren Ertrag als unbedingt notwendig. Die Vorratskammern von Demircihüyük waren gefüllt, Hungerperioden schienen gebannt. Das verschaffte zum einen soziale Freiräume, die das Leben lebenswert machten. Zum anderen konnten die Bewohner Getreide gegen Güter von bleibendem Wert wie beispielsweise bronzene Gebrauchsgegenstände tauschen – an der Grenze des anatolischen Hochplateaus zur Küste gelegen war ihnen der Handel wohl nicht fremd. All dies erregte aber wahrscheinlich auch den Neid weniger begünstigter Nachbarn. Manch eine Siedlung in der Region mag schlechter dagestanden, ja vielleicht sogar Hunger gelitten haben.

Vielleicht wären die Bewohner von Demircihüyük aber selbst voller Neid gewesen, hätten sie Ikiztepe (zu Deutsch "Zwillingshügel") einen Besuch abstatten können. Etwa 600 Kilometer entfernt an der türkischen Schwarzmeerküste, nahe der heutigen Stadt Bafra gelegen, gedieh Ikiztepe zu einem Warenumschlagplatz zwischen den Kulturen Südosteuropas und des anatolischen Hochlands. Zudem lebten dort geschickte Handwerker, die mit der Innovation Bronze meisterhaft umzugehen verstanden.

4000 Jahre in der Schlacke konserviert

Ein groß angelegtes Grabungsprojekt der Universität Istanbul untersuchte diesen Hügel seit Mitte der 1980er Jahre bis 2001 unter der Leitung des Prähistorikers Önder Bilgi. Unserer Arbeitsgruppe bot das zugehörige Gräberfeld optimale Bedingungen, denn es wurde auf den verkohlten Ruinen einer älteren Siedlung angelegt. Die schlackeartige Brandschicht hatte Skelette wie auch Grabbeigaben vor aufsteigender Bodenfeuchte geschützt. Die kann sonst verheerende Wirkung haben: Wasser zerstört das Kristallgitter von Hydroxylapatit, dem Hauptbestandteil des Knochenminerals. Mitunter kristallisiert die nun gelöste Kalziumverbindung auf der Knochenoberfläche wieder aus und bildet eine dicke Sinterschicht, unter der die Oberflächenstruktur des Knochens nicht mehr erkennbar ist. Nicht so in Ikiztepe: Der Erhaltungszustand der mehr als 4000 Jahre alten Skelette entsprach dem einer heutigen Leiche, vierzig Jahre nach ihrer Bestattung.

Mit südosteuropäischen Völkern teilten die Bewohner von Ikiztepe das robuste Aussehen, das sich deutlich von dem der grazilen Anatolier unterschied, darüber hinaus auch stilistische Elemente ihrer Kultur. Nicht weniger als 659 Gräber und eine Vielzahl an Beigaben dokumentieren den Reichtum der Siedlung. Neben der üblichen Ausstattung mit Trink- und Essgeschirr gaben die Hinterbliebenen den Männern Waffen (siehe Foto Seite 18), den Frauen Schmuck, den Kindern Spielzeug mit in die Grablege. Dass all die bronzenen Waffen wie Messer, Kurz- und Langschwerter auch zum Kampf gedient haben, bezeugen zahlreiche Hieb- und Schnittverletzungen an männlichen Schädeln.

Hier offenbarte sich dem Anthropologen eine weitere Facette der Siedlung: Die Bewohner von Ikiztepe waren nicht nur geschickte Handwerker und Händler, sondern verfügten wohl auch über einige medizinische Kenntnis. Denn selbst schwer Verletzte, die einer länger dauernden Pflege und Versorgung mit heilkräftigen Pflanzen bedurften, haben oft noch Jahre überlebt, wie Heilungsspuren an den Wundrändern dokumentieren. Das wäre ohne Reinigen und steriles Abdecken der offenen Verletzungen kaum möglich gewesen.

Ein geradezu spektakuläres Beispiel bot ein bei seinem Tode etwa 40-jähriger Mann. Ihm war eine mehr als Handteller große Fläche des Schädeldaches im Hinterhauptsbereich durch einen Hieb flach weggesprengt worden. Offenbar hat ihn jemand über lange Zeit kompetent gepflegt, denn die Kopfschwarte muss sich wieder über der freiliegenden dura mater, der harten Hirnhaut, geschlossen haben.

Chirurgie in der Bronzezeit

Bei einem derart großen Areal wäre die Durchblutung sonst nicht gewährleistet worden. Danach galt es nur noch, diesen empfindlichen Bereich vor Verletzungen zu schützen. Dass dem Mann das über längere Zeit hinweg geglückt ist, zeigen die Spuren an den Wundrändern, die bei einer frischen Wunde noch scharfkantig sind. Während des Heilungsprozesses wird aber die Knochenneubildung angeregt, wodurch sich die Wundränder abrunden. Dieser Prozess dauert mehrere Monate.

Möglicherweise haben Heiler auch die Knochenränder mit Messern geglättet und Knochensplitter entfernt, um die Wundheilung zu beschleunigen. Solche Techniken, das sei nur erwähnt, waren bekannt und wurden sogar eingesetzt, um größere Knochenareale des Schädels zu entfernen. Dafür war im Vorderen Orient bereits sehr früh die Kreuzschnitttechnik entwickelt: Mit scharfen Messern hat man nach dreiseitigem Aufschneiden und Zurückklappen der Kopfschwarte die Konturen eines Rechtecks in den Schädelknochen geschnitten und dies so oft wiederholt, bis die dem Gehirn zugewandte innere Begrenzungsschicht des Knochens durchtrennt war. Der Grund für einen derart riskanten Eingriff dürfte vermutlich meist eine Krankheit oder Verletzung gewesen sein. Zwei weitere Schädel vom Ikiztepe dokumentieren diese Operationstechnik ebenfalls, da aber Heilungsspuren fehlen, vielmehr noch die Kratzspuren des Operationswerkzeuges zu erkennen sind, haben diese Patienten den Eingriff nicht überlebt.

Angesichts solcher Errungenschaften hätte sich einem Besucher aus Demircihüyük das Bild einer prächtigeren Siedlung geboten, die sich dementsprechend ebenfalls gegen Angreifer zur Wehr setzen musste. Was seinem Blick aber vielleicht entgangen wäre: Der Gesundheitszustand der Bevölkerung von Ikiztepe war vermutlich schlechter als bei ihm daheim. Insbesondere Kinder bis zehn Jahre lebten mit einem hohen Risiko. Spuren an Knochen und Zähnen deuten auf fleisch- und vitaminarme Kost hin. Zudem drohten lange Krankheiten – der Ort lag im sumpfigen Mündungsgebiet des Flusses Kizilirmak, auch heute noch ein Malariagebiet. Diese Krankheit hinterlässt Spuren am Skelett – die Schädelknochen werden durch die verstärkte Blutbildung dicker.

Vieles verraten die Überreste aus den Gräbern prähistorischer Niederlassungen, nur eines im Allgemeinen nicht: Wie stark die Bevölkerungsentwicklung im Laufe der Jahrhunderte auf Grund klimatischer Schwankungen mit dementsprechend guten und schlechten Ernten fluktuiert hat. Denn eine Datierung mit der Kohlenstoff-14-Methode kann nur auf bestenfalls vierzig Jahre genau erfolgen – unsere Analysen mitteln somit zwangsläufig über die Zeit, in der ein Gräberfeld in Betrieb war. Eine Lösung bieten Analogieschlüsse: Sofern eine moderne Siedlung ähnlichen Bedingungen unterworfen ist wie eine pähistorische, lassen sich beispielsweise Sterbe- und Geburtenregister heranziehen, um die Dynamik der Bevölkerungsentwicklung zu erfassen und – unter aller gegebener Vorsicht – auf eine prähistorische Gemeinschaft zu übertragen.

Im äußersten Süden der Türkei nahe Urfa am Euphrat bedeckt heute der Atatürk-Stausee eine in alter Zeit durch Handelswege geprägte Region. Einige archäologische Stätten wurden in den 1980er Jahren vor der großen Flut in Notgrabungen untersucht, darunter der Siedlungshügel Lidar Hüyük. Ich gehörte zum Team des Archäologen Harald Hauptmann, damals Universität Heidelberg. Die Archäologen und ihre Helfer legten gewaltige Treppenschnitte in die Flanken des etwa dreißig Meter hohen Hügels, um eine Chronologie der Besiedlung zu erstellen. Auch ein Gräberfeld wurde entdeckt, doch Feuchte und Trockenheit im jahreszeitlichen Wechsel hatten nur wenige Knochenfragmente übrig gelassen.

Bis zum Bau des Dammes stand ein Dorf am Fuß des Hügels. Es war weitestgehend unberührt von der städtischen Zivilisation geblieben. Elektrischen Strom gab es nicht, das Trinkwasser stammte aus einer Quelle am Dorfrand, Abfälle wurden in den Euphrat oder direkt vor der Haustür entsorgt. Die Häuser bestanden aus Lehmziegeln mit Flachdächern, wobei angrenzende Gebäude oft nur über Nachbarhöfe erreichbar waren – in der Jungsteinzeit war dort schon so gebaut worden. Ackerbau und Viehzucht bildeten die Lebensgrundlage, uralte Traditionen wie das Brotbacken über offenem Feuer und das Mahlen des Getreides mit der Steinmühle gehörten zum Alltag. Zur Zeit der Grabungen lebte der nächste Arzt kaum erreichbar auf der anderen Euphratseite und besaß eine einzige, recht stumpfe Spritze. Wenn ich mit dem VW-Bus des Teams in die nächste, achtzig Kilometer entfernte Stadt fuhr, durfte ich das halbe Dorf mitnehmen.

Lebendige Vergangenheit

Kurz: Die Lebensbedingungen hatten sich seit prähistorischer Zeit nicht wesentlich verändert. Tatsächlich entsprach die nach Alter aufgeschlüsselte Lebenserwartung derjenigen frühbronzezeitlicher Siedlungen, insbesondere die Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit erreichten die genannten dreißig Prozent. Auch die Altersverteilung entsprach der in Demircihüyük oder Ikiztepe.

Wir haben die Bevölkerungsstruktur von der Dorfgründung Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Verlassen anhand der Erinnerung der Bewohner rekonstruiert. Es hat uns beispielsweise überrascht, aus den – allerdings nur aus jüngerer Zeit verfügbaren – Informationen zu Eheschließungen zu erfahren, wie konsequent eine solch kleine Siedlung von etwa 450 Menschen durch Verheiraten junger Menschen mit Einwohnern von Nachbardörfern soziale Kontakte pflegte und Besitzstandswahrung betrieb. Dabei versuchten Familien mit Landbesitz offenbar ihre männlichen Erben im Dorf zu halten. Wer keinen eigenen Grund besaß, suchte seine Töchter an reichere Familien zu vermitteln, eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen, sozial aufzusteigen.

Bei der Betrachtung dieser Dorfbevölkerung hatten wir das Gefühl, eine Zeitreise in die Bronzezeit zu machen. Die Vergleiche mit rekonstruierten Bevölkerungsdaten prähistorischer Siedlungen zeigten Parallelen, zudem offenbarten sich Facetten des Lebens, die sich durch archäologische und anthropologische Untersuchungen nicht erschließen lassen. Beispielsweise wurde das Wissen über Abstammung, Familienstrukturen und verstorbene Verwandte bei den nachmittäglichen Teerunden im Dorf weitergegeben. Gemeinsame Beratungen über günstige Erntezeiten, der Einsatz gemeinsamer Geräte und die Absprache gegenseitiger Hilfeleistungen trugen zu der Überlebensfähigkeit der kleinen Gemeinde bei. Diese Liste ließe sich beliebig weiterführen. Es ist anzunehmen, dass auch im prähistorischen Lidar ähnlich wirksame soziale Strategien genutzt worden sind.

Da wir mangels ausreichender Knochenfragmente keine Möglichkeit hatten, die einzelnen prähistorischen Gräber chronologisch zu ordnen, zeigte uns die moderne Bevölkerung zudem, welche Schwankungen bezüglich Geschlechts- und Altersstruktur sowie Bevölkerungsgröße in der Gemeinschaft aufgefangen werden mussten. So erhielten wir ein realistisches Bild über die Dynamik, mit der auch bronzezeitliche Siedlungen leben musste. Eine Infektionskrankheit konnte eine empfindliche Lücke reißen, eine Missernte das ganze Dorf gefährden. Doch auch wenn die Angst vor solchen Katastrophen immer gegenwärtig war: Schmuckstücke und Kinderspielzeug unter den Funden der prähistorischen Siedlung unterstreichen, dass auch damals Zeit für soziale Kontakte blieb.

Literaturhinweise

Der Alte Orient. Von 12000 bis 300 v. Chr. Von Annie Caubet und Patrick Pouyssegur. Komet-Verlag 2001.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2003, Seite 1
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