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Welchen Sinn macht Depression? Das depressive Geschehen als Schutz und Botschaft


Daß Depression, Melancholie, mit Traurigkeit einhergehende Erkrankungen nicht lediglich Defekte psychischer Gesundheit sind, sondern auch Anteile enthalten, die mit Sinnfragen, Wesensvertiefungen und existentiellen Fragen zu tun haben, ist eine in der Geschichte der Psychiatrie immer wieder auftretende Hypothese, die viele Psychiater auch in der Therapie nutzen. Es ist ja therapeutisch vielversprechender, den depressiv Kranken nicht nur darüber aufzuklären, daß das Defekthafte, tief Unangenehme seines Leidens vorübergehender Natur ist, sondern sich Anteile seiner Krankheit gleichsam zum Partner zu machen und für einen tiefergehenden therapeutischen Prozeß zu nutzen.

Diesen Einbezug meint Daniel Hell, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, wenn er eingangs die Depression mit "einer Dame in Schwarz" vergleicht: "Tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und höre, was sie zu sagen hat" (ein Ausspruch, der dem Psychoanalytiker Carl Gustav Jung zugeschrieben wird). Depression hat immer zumindest auch mit Sinnfragen zu tun, mit Themen innerer Wertewelten, die man heute, im Zeitalter postmodern-polymorph-hedonistischen Wertewandels, zu eliminieren versucht – wobei gerade dieser Versuch nach Hell Melancholie herbeiführen kann.

Daß Melancholie-Potentiale in jedem Menschen stecken und die schwer krankhaften Formen lediglich deren Vergröberungszustände sind, hat bereits Kurt Schneider, ein während der vierziger Jahre in München tätiger Psychiater, vermutet. Die evolutionäre Psychobiologie geht von der Annahme aus, daß alles, was im Seelenleben des Menschen normal ist, letztlich evolutionär sinnvoll sein müsse, sonst hätte es sich nicht herausgebildet. Depressives Verhalten muß also einen Sinn haben; Hell stellt in seinem Buch eine als "integrativ" bezeichnete Synopsis dieser evolutionsbezogenen Befunde dar, zusammen mit biochemisch-pharmakologischen und therapeutischen Aspekten.

Seine zentrale These ist, daß Depression gewissermaßen jenseits der Trauerarbeit steht: "Sie ist Gefühllosigkeit, Nicht-traurig-sein-Können, existentielle Leere." Er zeigt, daß depressives Erleben vorübergehend Kreativität auslöscht: "Der depressive Mensch fühlt sich räumlich in sich selbst eingeschlossen, und er fühlt sich zeitlich in seiner Entfaltung gehemmt. Er empfindet eine allgemeine Blockiertheit."

Hell versucht nun auf verschiedenen heuristischen Ebenen (Biochemie, Ethologie, Systemtheorie und klinische Psychopathologie) zu zeigen, daß die bewußte, bewältigende Trauer, welche die "Anerkennung eines Verlustereignisses voraussetzt" (das heißt die Trauerarbeit im Sinne von Sigmund Freud), abzutrennen ist von einer Form "erstarrender Hilflosigkeitsgebärde", die evolutiv früher anzusetzen ist und die eine bewußte Trauerarbeit verhindert. Zu sehr ist der Patient von Erstarrung und Entfremdung, einer "Verwinterlichung" geprägt: "Depression als nicht zugelassene Trauer". Überspitzt könnte man im Sinne Hells sagen: Der Depressive kann vor lauter "Trauer" nicht trauern. Dies hat nun, wie Hell zeigt, eine psychobiologische und eine biochemisch-pharmakologische Seite, was bedeutet, daß sowohl psychotherapeutische als auch pharmakologische Methoden therapeutisch im Sinne des integrativen Konzepts sinnvoll sein können.

Kritisch zu fragen ist, wieso in der synoptischen Darstellung das von dem Amerikaner M. E. Seligman etablierte Konzept der "erlernten Hilflosigkeit" nicht vorgestellt wird, obwohl es präzise in die Grundvorstellungen Hells hineinpaßt; ebenfalls zitiert er nicht die weiterführenden Arbeiten auf diesem Gebiet (zum Beispiel von Fritz Henn, der in New York tätig ist). Auch fehlt die gesamte neuere, höchst aufschlußreiche Literatur zur evolutionären Psychobiologie. Bei aller Anerkennung für das Bemühen um Integration: Dem Buch haftet doch ein gewisser populärwissenschaftlicher Zug an, der wohl damit zu tun hat, daß der Autor auf den dargestellten Gebieten keine eigene Forschungserfahrung hat. Dagegen ist es immer da, wo klinische Realität der Depression vorgestellt wird, packend und realitätsnah geschrieben. So ist auch der im Schluß dargestellte Leitfaden für Angehörige Depressiver sehr zu empfehlen; er hilft, schwere Fehler im Umgang mit den Kranken zu vermeiden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1994, Seite 114
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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