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20 Jahre Online-Enzyklopädie: Happy Birthday, Wikipedia!

Die Wiki-Software sollte zunächst nur dazu dienen, Ideen für ein Online-Lexikon zu sammeln. Heute beherbergt sie mit mehr als 55 Millionen Beiträgen in knapp 300 Sprachen die größte Enzyklopädie der Welt.
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Nachschlagewerke als dicke, in Leder gebundene Bücher sind nicht ausgestorben, auch 20 Jahre nach der Gründung der Online-Enzyklopädie Wikipedia nicht. Doch während die klassischen Lexika nur noch in wenigen Haushalten zu finden sind und dort oft genug in den Bücherregalen verstauben, begleitet die Wikipedia die Nutzer im Alltag. So schauen sich einer Studie zufolge zumindest Menschen in den reicheren Industriestaaten (OECD) im Durchschnitt neun Wikipedia-Artikel pro Monat an.

Der wichtigste nichtkommerzielle Dienst der Internetgeschichte begann am 15. Januar 2001 wie so viele Online-Projekte mit dem Gruß der Programmierer: »Hello World.« Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales tippte die beiden Worte in eine neue Wiki-Software ein, die einen schnellen Aufbau eines Online-Lexikons ermöglichen sollte.

Der Mann aus den Südstaaten der USA hatte schon kurz nach dem Studium an den aufblühenden Finanzmärkten Geld genug gemacht, um ein sorgenfreies Leben führen zu können. Mit zwei Partnern gründete er 1996 die Firma Bomis, die ähnlich wie Yahoo einen Webkatalog pflegte. Zum Angebot von Bomis gehörte auch »The Babe Engine«, eine Suchmaschine für Bilder von spärlich bekleideten Frauen.

Der erste Versuch scheiterte

Wales verfolgte aber auch schon damals den Plan, ein Online-Nachschlagewerk aufzubauen. Der erste Ansatz für »Nupedia« war ganz klassisch. Mit Larry Sanger stellte Wales im Jahr 2000 einen Chefredakteur ein. Dieser sollte Beiträge bei Experten bestellen und für die Veröffentlichung sorgen. Doch der festgelegt siebenstufige Review-Prozess erwies sich als teuer und ineffizient. Es wurden viel zu wenige Artikel veröffentlicht, im ersten Jahr nur 21.

Das Experiment mit der Wiki-Software war eigentlich nur als ein Sammelbecken gedacht, wo die ersten Ideen für eine Online-Enzyklopädie im Internet zusammengetragen werden sollten, sagt der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch, der über die Wikipedia geforscht hat. »Aber sehr schnell zeigte sich dann, dass dieses Sammelbecken das eigentlich Spannende war.« Während die ursprünglich von Wales geplante Enzyklopädie sehr schnell scheiterte, habe Wikipedia schnell eine große Zahl von Freiwilligen angezogen, die innerhalb von Wochen schon Tausende von Artikeln produzierten.

Sanger verließ Wikipedia Anfang 2003 und sagte in einem Interview, er habe die Nase voll von den »Trollen« und »anarchistischen Typen«, die »gegen die Idee sind, dass jemand irgendeine Art von Autorität haben sollte, die andere nicht haben«. Doch diese Kritik konnte den Aufstieg nicht verhindern: 20 Jahre nach der Gründung gibt es mehr als 55 Millionen Beiträge in knapp 300 Sprachen, verfasst von unzähligen Freiwilligen.

Wenn nur die von Menschen verfassten Artikel gezählt würden, läge die deutsche Wikipedia direkt hinter der englischen Ausgabe an der Spitze

Im Buch »Wikipedia-Story« des langjährigen Insiders Pavel Richter lobt Wikipedia-Mitbegründer Wales dabei die Rolle der deutschsprachigen Community: »Kurz nachdem wir die deutsche Wikipedia gestartet haben, stellte sich heraus, dass die Deutschen offenbar ein besonderes Verhältnis zur Idee hinter Wikipedia haben. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass Deutsch zwar auf der Liste der am häufigsten gesprochenen Sprachen weltweit nur auf Platz 13 steht, die deutsche Wikipedia aber die viertgrößte aller Ausgaben ist?«

Wenn nur die Artikel von menschlichen Autorinnen und Autoren gezählt würden, läge die deutsche Wikipedia sogar direkt hinter der englischen Ausgabe an der Spitze. Die Versionen auf Platz zwei (Cebuano, eine auf den Philippinen gesprochene Sprache) und drei (Schwedisch) wurden nämlich mit Texten von umstrittenen Software-Robotern des Schweden Lars Sverker Johansson aufgeblasen.

Die deutschsprachige Community hat auch stark dazu beigetragen, dass sämtliche Ideen einer Kommerzialisierung verworfen wurden. »Niemand wurde durch sie zum Milliardär, Werbung gibt es nicht«, stellt Richter fest, der von 2011 bis 2014 Vorstand und Geschäftsführer der deutschen Wikimedia-Fördergesellschaft war. Zunächst sei die Wikipedia nur als ein Internetprojekt von ein paar Nerds angesehen worden. Etablierte Nachschlagewerke hätten sie zunächst ignoriert, schließlich heftig bekämpft.

Die renommierten Lexika hat Wikipedia aber seit Jahren hinter sich gelassen. Nach 244 Jahren gab der Verlag der Encyclopaedia Britannica 2012 bekannt, dass diese nur noch digital erscheint. Zwei Jahre später zog der Brockhaus – hier zu Lande das Maß aller Nachschlagewerke – nach. Die Wikipedia kommt dagegen mit vergleichsweise kleinen Summen aus: Die Wikimedia Foundation, die die Infrastruktur des Online-Lexikons finanziert und mehr als 100 Programmierer bezahlt, nimmt jährlich über 120 Millionen Dollar an Spenden ein. Der deutsche Förderverein Wikimedia Deutschland verfügt mit mehr als 80 000 Mitgliedern über einen Jahresetat von rund 18 Millionen Euro.

Ein Fehler, der 15 Jahre unentdeckt blieb

Wie alle Medienprojekte, an denen Menschen mitarbeiten, ist die Wikipedia nicht fehlerlos. So wurde erst nach Jahren entdeckt, dass der Rhein nicht 1320 Kilometer lang ist, sondern nur 1230 Kilometer. Der Zahlendreher stand zuvor aber auch in gedruckten Lexika.

Gravierender sind Fehlleistungen wie die falsche Behauptung, dass in einem deutschen Konzentrationslager in Warschau 200 000 Polen vergast worden seien. Es gibt zwar keinen Zweifel, dass es das Konzentrationslager Warschau gegeben hat, dieses war aber kein Vernichtungslager, wie 15 Jahre lang in der englischen Wikipedia zu lesen war. »Es bleibt ein dunkler Schatten auf der Geschichte der Wikipedia, in diesem zentralen Fall über einen so langen Zeitraum versagt zu haben«, schreibt Richter.

Immerhin ist der Beitrag um das Warschauer Lager auch ein Beweis, dass bei wichtigen Artikeln früher oder später die Qualitätskontrolle doch funktioniert. Wikipedia-Forscher Dobusch sieht das Fehlerrisiko bei kleinen Beiträgen höher als bei großen Themen: »Wenn ich die Wikipedia benutze, dann muss mir bewusst sein, dass sie umso vertrauenswürdiger ist, je populärer und wichtiger ein Thema ist. Denn das bedeutet, dass mehr Menschen sich dafür interessieren, mehr Menschen diese Artikel lesen, drüberschauen oder Fehler beanstanden und korrigieren.«

Neun von zehn Wikipedia-Autoren sind Männer

Mitbegründer Wales betont oft, dass funktionierende Communitys die Voraussetzung für eine Qualitätssicherung seien: »Communitys, in denen die Mitglieder respektvoll und freundlich miteinander umgehen; Communitys, die offen sind für Menschen aus jeder Religion, jeden Geschlechts, jeder politischen Ausrichtung und jeder sozialen Herkunft.« Allerdings kommt die Wikipedia bei dieser Herausforderung seit Jahren nicht von der Stelle. Rund 90 Prozent der Autoren sind Männer, die meisten von ihnen aus westlichen Industrienationen. Und nicht wenige meinen, dass die Diskussionskultur in der Gemeinde stark verbesserungswürdig sei.

Ein Impuls für die Zukunft kommt aus der deutschsprachigen Community und heißt »Wikidata«, eine für Maschinen lesbare Wissensdatenbank. Wie Richter in einem Gespräch mit der dpa sagt, gehöre die Zukunft der künstlichen Intelligenz. Mit Wikidata werde eine wichtige Grundlage, nämlich strukturiertes maschinenlesbares Wissen, von Anfang an auf eine gemeinnützige Basis gestellt. »Das bedeutet, dass wir als Gesellschaft nicht in die Abhängigkeit von Google, Facebook, Alibaba und anderen Internetriesen kommen.«

(eli)

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