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News: Das Erbe der universellen Gestensprache

Die Entwicklung der Sprache, sowohl im evolutiven Maßstab als auch beim einzelnen Menschen, ist seit vielen Jahren Gegenstand eifriger Diskussionen. Eine der strittigen Fragen ist, ob Sprache erlernt werden muß oder einige notwendige Grundkenntnisse angeboren sind. Neuere Untersuchungen zeigen, daß gehörlose Kinder aus sehr verschiedenen Kulturen spontan ähnliche Gesten zur Verständigung entwickeln.
Gehörlose verweisen bei ihrem Kampf um Anerkennung der Gebärdensprache immer wieder darauf, daß ihr System aus Gesten und Mimik eine natürliche Sprachform ist. Die Ergebnisse der Studie von Susan Goldin-Meadow und Carolyn Mylander von der University of Chicago unterstützen ihre Argumentation. Sie deuten stark auf eine angeborene Sprachstruktur, die von tauben Kindern intuitiv genutzt wird (Nature vom 15. Januar 1998).

In den 50er Jahren verfocht Noam Chomsky die Idee, daß Sprache angeboren ist und daß es insbesondere eine „universelle Grammatik“ gibt. In der modernen Sprachforschung dominierte seine Auffassung. Das Erlenen einer Sprache ist eine so schwierige Aufgabe, daß sie ohne einiges angeborenes Wissen von der grammatischen Struktur unlösbar zu sein scheint.

Die Sätze und Fragmente, die ein Kind erlebt, besitzen schließlich manchmal einen grammatischen Aufbau und manchmal eben nicht – ohne daß dies entsprechend gekennzeichnet wäre. Ungeachtet der unterschiedlichen Spracherfahrungen bewegen sich Kinder auf dieselbe Grammatik zu. Folglich existieren starke, angeborene Beschränkungen für die möglichen Sprachstrukturen. Die Fähigkeit, zu verallgemeinern und neue Wörter zu erfinden, erfordert ein bestimmtes Regelwerk, von dem dann ausgegangen werden kann.

Zwar sprechen für die Existenz angeborener Sprachstrukturen zwingende, auf Einzelbeobachtungen beruhende Beweise, doch entwickelten sich in der wissenschaftliche Literatur neue Ideen. Auch die neueren Modelle nehmen an, daß angeborene Fähigkeiten existieren, die dem Erlernen einer Sprache einen einschränkenden Rahmen geben. Sie stellen jedoch in Frage, ob diese Fähigkeiten das Wissen über grammatische Strukturen einschließen. Die neuen Theorien leugnen nicht, daß Kinder mit Fähigkeiten geboren werden, die ihnen das Erlernen der Sprache ermöglichen. Sie sind vielmehr skeptisch, ob diese Kapazitäten das Wissen über linguistische „Universalgesetze“ einschließen.

Auch Susan Goldin-Meadow und Carolyn Mylander haben gefragt: „Was könnte es denn bedeuten, wenn wir sagen, daß Sprache angeboren ist? Oder umgekehrt, daß sie erlernt werden muß?“ Sie wollten wissen: „Welche Aspekte der Sprachentwicklung sind für den Menschen so sehr bestimmend, daß sie sogar unter Lernbedingungen auftreten, die beträchtlich von den typischen abweichen?“

Anstatt sich auf rein anekdotische Hinweise zu verlassen, haben die Forscher einen Weg gefunden, um zu überprüfen, welche Aspekte der Sprachstruktur angeboren sind. „An der Studie nahmen taube Kinder mit einem so umfassenden Gehörverlust teil, daß der Erwerb einer gesprochenen Sprache ausgeschlossen war“, sagt Goldin-Meadow. Taube Kinder, die keinen Kontakt zu herkömmlicher Sprache – gesprochen oder per Zeichen – haben, verwenden dennoch Gesten zur Kommunikation.

Vielleicht neigen die Kinder deshalb dazu, Gesten zu benutzen, weil normal hörende Eltern natürlich beim Sprechen auch Gesten verwenden. Die Bewegungen der normal Hörenden bilden jedoch kaum „Ketten“ wie bei richtigen Sätzen. Bei den beobachteten tauben Kindern ist es aber anders. „Trotz des Fehlens einer zugänglichen herkömmlichen Sprache als Kommunikationsvorbild kommunizieren diese Kinder dennoch: durch ein Gestensystem mit einer Struktur auf Wort- und Satzebene“, bemerkt Goldin-Meadow. Die Kinder produzierten Gestenketten mit einer sprachähnlichen Struktur.

Die Forscher studierten aus China und Amerika stammende Kinder, die trotz unterschiedlicher Kultur und Sprache spontan die gleichen Sprachmuster entwickelten. „Die Kinder kommunizierten zwar über verschiedene Ereignisse,“ sagt Goldin-Meadows, „trotzdem entwickelten sich in den beiden Kulturen strukturelle Ähnlichkeiten. Das verblüffendste Ergebnis war: Die Gesten der tauben Kinder in Amerika hatten mehr Ähnlichkeiten mit denen der tauben Kinder in China, auf der anderen Hälfte des Globus, als mit denen ihrer hörenden Mütter im gleichen Haushalt.“

Die aus Gesten bestehenden Sätze zeigten Ähnlichkeiten in den eingefügten oder gelöschten semantischen Elementen sowie in der Reihenfolge, mit der die Informationen vermittelt wurden. Das sogenannte ergative Sprachmuster, nach dem das Subjekt in intransitiven Sätzen die handelnde Person, in transitiven jedoch das Ziel der Handlung bezeichnet, herrschte in den spontanen Gesten vor. Für Kinder, die zum Beispiel eine Geste mit der Bedeutung „Junge schlagen“ entwerfen, würde immer der Junge geschlagen werden, statt selbst der Schlagende zu sein. Einigen Anhaltspunkten zufolge, gab es die Tendenz, daß transitive Aktionen mit Gesten, die sich im Raum bewegten, verbunden waren. Bei intransitiven Handlungen war diese Tendenz nicht festzustellen. Das ergative Sprachmuster ist zwar auch in vielen gesprochenen Sprachen verbreitet, existiert jedoch weder im Englischen noch im Mandarin-Chinesischen. Folglich stammten die Formen der Gesten nicht von den Eltern.

Die von Chomsky beschriebene „universelle Grammatik“ existiert offenbar wirklich. Seine Annahme, Grammatik hätte man anscheinend eher der Schönheit willen als für einen Nutzen erschaffen, sollte man indes am besten ignorieren. Offenbar kommt die Komplexität der Sprache wirklich aus den Köpfen der Kinder, angereichert mit Dekorationen durch einige Regeln aus Büchern. Die Debatte darüber, welche Aspekte der Sprache angeboren sind, wird durch diese Arbeit nicht beendet, aber mit Sicherheit weiter angeregt.

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