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Evolution: Die frühe Meise fängt den Wurm

Gegenwärtig läuft ein weltweites Großexperiment, dessen Ausgang ungewiss ist: der Klimawandel. Werden dadurch Millionen Arten aussterben? Oder können sie sich doch anpassen? Holländische Kohlmeisen geben zumindest für sich eine Teilantwort.
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In einem sehr bekannten Kinder- und Volkslied heißt es, alle Vöglein seien schon da und würden den Frühling verkünden, was sicherlich richtig ist. Denn es ist Lenz, wenn Amsel, Drossel, Fink und Star lauthals singen, um sich die besten Partner und Reviere zu sichern. Unterstützt werden sie in diesem Konzert von allerlei Zugvögeln, die sich jährlich auf den beschwerlichen Weg aus den Tropen machen, um hierzulande ihre Kinder großzuziehen.

Je nach Art beginnen Brutvorbereitung und Jungenaufzucht früher oder später im Jahr: Überwinternder Waldkauz und Kreuzschnabel etwa lassen sich noch selbst von Schnee und Eis im Februar nicht bremsen, Pirol und Mauersegler steigen dagegen als Zugvögel erst recht spät im Mai und Juni in das Geschehen mit ein – alles natürliche Verhaltensmuster. Und auch Wetterunbilden können das Brutgeschäft immer wieder verzögern oder beschleunigen.

Nun macht sich aber zunehmend stärker ein neuer Mitspieler in diesem jahreszeitlichen Ablauf bemerkbar, der die Regeln von Ökosystemen völlig neu bestimmt: Der Klimawandel hält nachdrücklich Einzug in die Natur, lässt die Temperaturen steigen und den Frühling früher beginnen. Ist das aber überhaupt ein Problem für Vögel, da sie doch so flexibel zu sein scheinen?

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Kohlmeise am Nistkasten | Der durch den Klimawandel verursachte frühere Frühlingsbeginn stellt die Vogelwelt auf eine Bewährungsprobe, denn ihre Insektennahrung wird nun auch früher aktiv. Nur Arten – oder Individuen – die sich daran anpassen können, finden dann genügend Futter für ihren Nachwuchs.
Dies ist gegenwärtig eine der wichtigsten Fragen des Naturschutzes und der Ökologie, entscheidet sich doch darin über Wohl und Wehe einer Spezies. Schließlich stehen viele Arten ohnehin schon durch menschliche Eingriffe in die Natur mit dem Rücken an der Wand und vor dem Aussterben. Der Klimawandel erhöht diesen Selektionsdruck nur noch weiter.

Ausleseprozesse dieses Typs bevorzugen wiederum jene Individuen, die sich am schnellsten und besten daran anpassen, und sie sind demnach Evolution par excellence. Um nun herauszufinden, welche konkreten Auswirkungen die Umweltveränderungen auf die Entwicklung von Vögeln haben, warfen Wissenschaftler um Daniel Nussey vom Niederländischen Institut für Ökologie einen Blick auf eine 32-jährige Zeitreihe brütender Kohlmeisen (Parus major) im Hoge Veluwe, einem holländischen Nationalpark.

Während der 1970er Jahre war dort die Welt noch in Ordnung, denn die Weibchen legten ihre Jungenaufzucht zeitlich mit dem Höhepunkt der Raupensaison – der bevorzugten Kükennahrung – zusammen: Je nach Witterung geschah dies mal früher, mal später, aber immer in einem relativ engen Zeitrahmen. Durch die Parallelität der Ereignisse war dafür gesorgt, dass die Mütter immer ausreichend Fressen fanden: Die Bestandszahlen waren zwar einzelnen Schwankungen unterzogen, blieben aber über die Jahre auf hohem Niveau relativ konstant.

Knapp zehn Jahre später ließen jedoch steigende Durchschnittstemperaturen das Frühjahr stets früher einziehen. Vegetation und Insekten passten sich rasch an und begannen ihren Lebenszyklus ebenfalls dauerhaft früher – heute etwa um zwei weitere Wochen pro Jahr eher als 1985.

Und die Kohlmeisen? Sie waren überwiegend die Benachteiligten, denn viele reagierten nicht so flexibel und behielten ihre Bruttermine bei. Und just als sie die meisten Mäuler zu stopfen hatten, krabbelten kaum mehr Proteinquellen durch ihre Jagdgründe. Folglich verhungerten viele Nestlinge, und die Population schrumpfte: ein Menetekel für die globale Artenvielfalt?

Nicht unbedingt, denn nun kam auch die Zeit einiger reaktionsschneller Individuen, deren Stammeslinie bereits zuvor als zeitlich äußerst beweglich ausgemacht wurde: Sie verlegten ebenfalls ihren Brutbeginn nach vorne und passten so die Insektenschwemme exakt ab – ähnlich variabel reagierten sie und ihre Vorfahren schon in den Jahren zuvor auf Wetterschwankungen. Und weil sie daher genügend Nahrung für ihre Jungen finden, vergrößern sie ihr Gelege und bringen insgesamt auch doppelt so viel Nachwuchs durch wie ihre später brütenden Verwandten.

Da diese Fähigkeit zum Frühstart anscheinend von Generation zu Generation weitergegeben wird, lässt sie auf eine dementsprechende genetische Verankerung schließen. Sie könnte sich auf Dauer durchsetzen, sofern sich die Prognosen der Klimaforscher bewahrheiten – wovon gegenwärtig auszugehen ist. Nachfolgende Meisen-Jahrgänge sind dann insgesamt womöglich besser gegen klimatische Unbilden gewappnet.

Ist also alles gar nicht so schlimm mit dem "Treibhauseffekt", wenn die Evolution dafür nicht doch eine Antwort hat? Die Wissenschaftler wollen keine Entwarnung geben, denn die Nutznießer mit hohem Bruterfolg wiegen die Fehlschläge ihrer Artgenossen – bislang – lange nicht auf: Die Population schrumpft deshalb weiterhin. Was aber bei einem Allerweltsvogel wie der Kohlmeise vielleicht noch zu verkraften ist, wird für den vom Aussterben bedrohten Seggenrohrsänger (Acrocephalus paludicola) schon zum Problem – ganz zu schweigen von lokal oder ökologisch noch stärker eingeschränkten Spezies.

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