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Forschungspolitik: Die Furcht der Verräter

Dreiste Datenfälschung in der Forschung führt beinahe schon regelmäßig zu Aufschreien in der Presse. Nicht jeder Fall unredlichen Verhaltens wird jedoch entlarvt. Eine aktuelle amerikanische Studie berichtet, dass nur etwa die Hälfte aller in den USA beobachteten Verstöße tatsächlich gemeldet wird. Wie es um die Ehrlichkeit deutscher Forscher bestellt ist, erzählt Ombudsfrau Ulrike Beisiegel im Gespräch mit spektrumdirekt.
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spektrumdirekt: Frau Beisiegel, als Ombudsfrau der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) befassen Sie sich mit wissenschaftlichem Fehlverhalten: Was genau versteht man eigentlich darunter?

Ulrike Beisiegel: Wissenschaftliches Fehlverhalten bedeutet, dass jemand die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis – also des ehrlichen Umgangs mit Daten und dem geistigen Eigentum Anderer – nicht einhält. Prominente Beispiele wären, dass jemand plagiiert, das heißt abschreibt, ohne den Urheber zu nennen, oder dass jemand Daten fälscht oder manipuliert in dem Sinne, dass sie nicht mehr der Realität entsprechen. Oder dass jemand die Leistungen Anderer, zum Beispiel in Form von Autorenschaft oder Zitaten, nicht adäquat anerkennt.

spektrumdirekt: Wer kontrolliert die Einhaltung dieser Regeln?

Beisiegel: Die Regeln hat die DFG 1997 in der Denkschrift "Zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" verfasst und 1998 veröffentlicht. Für ihre Einhaltung unterliegt das deutsche Forschungssystem im Gegensatz zu anderen Ländern der Selbstkontrolle. Die Besonderheit des deutschen Systems liegt darin, dass wir als Wissenschaftler und eingesetzte Ombudsleute andere Wissenschaftler dazu auffordern, dass jeder, der ein Fehlverhalten beobachtet hat, sich an uns wenden kann. Obwohl wir als Ombudsgremium von der DFG eingesetzt sind, arbeiten wir dabei völlig unabhängig.
Jede Universität und jedes Institut, das Wissenschaft betreibt, hat eigene Ombudsleute. Wenn ein möglicher Fehltritt in Form von Datenfälschung oder Ideendiebstahl gemeldet wird, werden die Ombudsleute tätig und prüfen, ob es sich tatsächlich um einen Verstoß handelt. Wenn schwerwiegendes Fehlverhalten festgestellt wird, wird die Information weitergegeben an die dafür zuständigen Kommissionen, die dann auch Sanktionsmöglichkeiten haben.

spektrumdirekt: Wie viele Verstöße werden pro Jahr gemeldet?

Beisiegel: Wie viele Fälle pro Jahr es insgesamt in Deutschland gibt, wissen wir leider nicht. Die Ombudsleute der DFG erhalten zwischen 30 und 50 Hinweise pro Jahr. Dazu kämen noch die Hinweise, die bei den Ombudsgremien anderer Institutionen eingehen.

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Ombudsfrau Ulrike Beisiegel | Professor Beisiegel ist Sprecherin des Ombudsgremium der DFG für Fragen wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Sie leitet das Institut für Biochemie und Molekularbiologie II am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg.
spektrumdirekt: Von wem erhalten die Ombudsgremien ihre Hinweise?

Beisiegel: Wir erhalten Anzeigen von Wissenschaftlern jeden Ranges von Doktoranden bis hin zu Professoren. Ebenso richten sich die Hinweise auch gegen Forscher in allen Positionen. So kann es vorkommen, dass einem jüngeren Wissenschaftler vorgeworfen wird, er hätte zum Beispiel Daten modifiziert. Es gibt aber auch auch den Fall, dass die Nichtbeachtung von Autorenregeln durch einen Dienstälteren von jüngeren Forschern angezeigt wird.

spektrumdirekt: Wir reden hier ganz spezifisch von angezeigten Verstößen. Bleiben Vorfälle ungeahndet?

Beisiegel: Wir sehen ganz sicher nur die Spitze des Eisbergs, das muss man ganz klar sagen. Leider ist das System der Selbstkontrolle noch nicht selbstverständlich, da viele natürlich Hemmungen haben, einen Kollegen anzuschwärzen – man möchte ja nicht zum Verräter werden. Das läuft natürlich dem System zuwider. Selbstkontrolle funktioniert nur, wenn auch alle mitspielen und die Kollegen auf mögliche Regelverstöße hinweisen. Das ist leider noch nicht zur Selbstverständlichkeit geworden.

spektrumdirekt: Worin begründen sich die Hemmungen, Fehlverhalten Anderer zur Sprache zu bringen?

Beisiegel: Die Hinweisgeber befürchten oft Sanktionen für ihren "Verrat". Bestrafung sollten zwar eigentlich diejenigen befürchten, die den Verstoß begangen haben, aber oft sind es – auf Grund ihrer noch größeren Offenheit – eben doch eher jüngere Wissenschaftler, die beobachtete Verstöße melden. Diese haben natürlich Angst, sich die Karriere zu ruinieren. Was auch durchaus eine Gefahr ist.

spektrumdirekt: Was könnte oder müsste man Ihres Erachtens verbessern, damit Verstöße häufiger gemeldet werden?

Beisiegel: Man müsste das Ombudssystem bekannter machen, da viele es noch nicht kennen. Viele Wissenschaftler wissen gar nicht, dass sie sich mit Hinweisen an uns wenden können. Außerdem müsste man die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis schon in die Lehre einfließen lassen, damit schon die Studierenden in den Anfängen ihrer Forscherlaufbahn damit vertraut werden. Das sind die beiden wichtigsten Punkte.
Ein dritter Punkt ist, dass man den Hinweisgebern mehr Schutz vor Sanktionen bieten müsste. Dazu muss man erreichen, dass sich die Universitätsspitzen, also die Dekanate und die Präsidien, hinter die Hinweisgeber stellen und die Wissenschaftler wirklich dazu auffordern, beobachtetes Fehlverhalten zu melden. Wenn das zur Selbstverständlichkeit wird und die Hinweisgeber keine Nachteile mehr befürchten müssen, dann kommt man sicher dahin, dass das System der Selbstkontrolle besser akzeptiert wird und besser funktioniert. Leider stellen sich die Universitätsspitzen bislang eher hinter die etablierten Wissenschaftler und verteidigen diese vor Anschuldigungen.

spektrumdirekt: Kürzlich gab es in den USA eine Studie über den Anteil der Verstöße, die ungeahndet bleiben. Sind ähnliche Untersuchungen für Deutschland geplant?

Beisiegel: Ansätze gibt es, ja. Eine ähnliche Studie planen wir im Prinzip. Das Problem liegt darin, dass wir als Ombudsleute nebenamtlich tätig sind, wobei eine solche Studie dem Arbeitsaufwand eines Hauptamtes entspräche. Aber ich denke, dass wir daran weiter arbeiten werden und wir in den nächsten Jahren eine ähnliche Studie durchführen und veröffentlichen können.

spektrumdirekt: Frau Beisiegel, herzlichen Dank für das Gespräch.
21.06.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21.06.2008

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