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News: Die Hüter eines gesunden Magens

Unser Verdauungstrakt gehört uns nicht allein. Millionen von Bakterien besiedeln den menschlichen Magen und Darm und leben dort normalerweise friedlich, ohne uns Probleme zu bereiten. Aber diese Koexistenz ist nicht das Ergebnis einer pazifistischen Grundeinstellung der Mikroben, sondern vielmehr die Leistung einiger spezieller, nicht krankheitserregender Bakterien. Diese ‚Schiedsrichter' verhindern die Entstehung von Entzündungsprozessen, die bei der Flut an fremden Organismen in unseren Eingeweiden ansonsten nicht ausbleiben würden.
Der Magen-Darm-Trakt des Menschen und anderer Wirbeltiere bietet Millionen kleinster Mikroben ein Zuhause, wobei das empfindliche Gleichgewicht zwischen ungefährlichen Bakterien und potenziellen Krankheitserregern durch wachsame Zellen des Immunsystems sorgsam gehütet wird. Die harmlosen Bakterien waren bisher nur dafür bekannt, dass sie Vitamine aufschließen und somit deren Aufnahme durch die Darmzotten ins Blut ermöglichen – keine unwichtige Aufgabe. Aber im Prozess der friedlichen Koexistenz hatten sie angeblich nur eine Außenseiterrolle. Doch da haben die Wissenschaftler sie wohl unterschätzt.

Die Mauerblümchen haben weit mehr zu bieten, wie der Pathologe Andrew S. Neish und sein Team von der Emory University School of Medicine in Atlanta nun entdeckten. Sie untersuchten zwei nicht virulente Stämme von Salmonellen, die natürlicherweise im Magen-Darm-Trakt vorkommen: Salmonella typhimurium und Salmonella pullorum. Diese Bakterien sitzen auf der innersten Schicht der Magen-Darm-Wand, die als Epithelium das Lumen des Verdauungstrakts auskleidet. Hier erfüllen sie eine ganz spezielle Aufgabe: Sie fangen einen entzündungsfördernden Faktor (NF-kB) auf seinem Weg in den Zellkern der Epithelzellen ab, wo er normalerweise eine ganze Kaskade von Entzündungsprozessen in Gang setzen würde. Denn NF-kB ist ein so genannter Transkriptionsfaktor, der an die DNA im Zellkern bindet und das Ablesen spezieller Gene aktiviert.

Um diesen Faktor erst gar nicht in die Nähe der Epithelzellen zu lassen, nehmen ihn die harmlosen Salmonella-Stämme in ihr Zellinneres auf. Mögliche Entzündungen können somit gar nicht erst entstehen (Science vom 1. September 2000). "Jetzt haben wir einen Mechanismus gefunden, durch den ungefährliche Bakterien den Entzündungsweg blockieren und Zellen im Verdauungstrakt daran hindern, so zu reagieren, wie alle anderen Zellen reagieren würden", sagt Neish.

Dieses Wissen könnte auch helfen, den Krankheitsverlauf von entzündlichen Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts wie Morbus Crohn und eiternden Darmkatarrhen zu verstehen. Denn bei diesen Krankheitsbildern entwickelt sich eine chronische Entzündung, die möglicherweise durch den Zusammenbruch des natürlichen Gleichgewichts entsteht. Auch auf das wachsende Feld der Probiotik – zu dem beispielsweise der Lacto-Bazillus in Milchprodukten gehört – könnte die Entdeckung ein neues Licht werfen. Auch hier könnten sich Bakterien verstecken, die auf die Zusammensetzung unserer Darmflora einen positiven Einfluss ausüben. Also ist es vielleicht doch nicht nur ein geschickter Schachzug der Werbung.

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