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Tierische Ernährung: Ein Hammerhai ist Teilzeit-Vegetarier

Haie gelten in schlecht informierten Kreisen als ständig blutrünstige Fleischfresser. Das hat noch nie ganz gestimmt - aber nun zeigt sich: Es gibt sogar erfolgreiche Flexitarier unter den Haifischen.
Ein Schaufelnasen-Hammerhai

Haie sind im Lauf der Evolution zu gut ausgestatteten Fleischfressern geworden: Sie sind schnell, stark, mit Zähnen gut bewaffnet und haben eine exzellente Spürnase, mit der sie lohnende Beutetiere auch aus weiter Distanz entdecken. Zudem ist ihr Verdauungsapparat darauf vorbereitet, große Mengen an Fleisch schnell und effizient zu verwerten, um die energieaufwändige Lebensweise des hoch spezialisierten Räubers möglich zu machen. Ausnahmen sind dabei eigentlich nicht vorgesehen – es gibt sie aber, wie ein Haiexpertenteam um Samantha Leigh von der University of California in Irvine nun selbst etwas überrascht in den »Proceedings of the Royal Society B« festhält: Der Schaufelnasen-Hammerhai (Sphyrna tiburo) kann Seegras fressen, gut verwerten und als Vegetarier wochenlang überleben und gedeihen.

Schon früher war aufgefallen, dass der rund ein Meter lange Hammerhai der Tropen sich in küstennahen Seegraswiesen aufhält und gelegentlich – vermeintlich versehentlich auf der Jagd nach Krebsen und Weichtieren – ins Seegras beißt. Leigh und Kollegen wollten nun testen, ob mehr dahintersteckt: Sie gaben gefangenen Schaufelnasen-Hammerhaien drei Wochen fast nur mit Kohlenstoff-13-Isotopen markiertes Seegras und gelegentlich Tintenfische zu fressen. Anhand der Markierung konnten die Wissenschaftler nachvollziehen, ob die Pflanzendiät sofort wieder ausgeschieden oder verdaut und verstoffwechselt wird.

Tatsächlich zeigte sich am Ende, dass die Tiere die Pflanzen sogar sehr effizient verdauen: Mehr als die Hälfte der verwertbaren Fasern der Seegrasrohkost wurde zersetzt und verstoffwechselt. Die Haie zeigten zudem keinerlei Spuren einer Mangelernährung – im Gegenteil, sie nahmen sogar an Gewicht zu. Der Verdauungsapparat der Schaufelnasen-Hammerhaie ist damit offensichtlich alles andere als auf reine Fleischkost optimiert, konstatieren die Forscher erstaunt: Die Tiere verdauen Seegras ebenso effizient wie junge Grüne Meeresschildkröten (Chelonia mydas) und deutlich besser als etwa Pandas, die für ihre merkwürdig suboptimal funktionierende Bambusverdauung allerdings auch bekannt sind.

Die Verdauung der Haie arbeitet offenbar mit einem ähnlichen Satz an Stärke und Zucker abbauenden Verdauungsenzymen wie die Allesfresser unter den Fischen, wie Analysen des Teams nahelegen. Auch im Maul des Hais wird die Nahrung dabei wie bei Pflanzenfressern vorverarbeitet: Die eher haiuntypisch breiten hinteren Zähne zermahlen das Seegras schon im Maul. Womöglich haben die in großer Zahl in den Seegraswiesen der Tropen weidenden Hai-Flexitarier sogar eine bisher übersehene ökologische Funktion, spekulieren Leigh und Kollegen.

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