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Mythenforschung: "Es ist das Janusköpfige, das uns fasziniert"

Der November naht, und damit auch die Zeit des Gruselns und des Schabernacks - zumindest in den USA, wo in der Nacht des 31. Oktober Halloween gefeiert wird. Ein Fest nicht nur für Kinder, sondern auch für deutsche Monsterforscher wie den Literaturwissenschaftler Uwe Schwagmeier, der den Werwolfmythos untersucht. spektrumdirekt hat sich mit ihm unterhalten.
spektrumdirekt: Herr Schwagmeier, Sie erforschen den Mythos der Werwölfe in der Literatur. Warum?

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Uwe Schwagmeier | Der Literaturwissenschaftler Uwe Schwagmeier von der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg erforscht für seine Dissertation den Mythos des Werwolfs in der deutschen Literatur.
Uwe Schwagmeier: Das Phänomen Werwolf ist noch immer sehr präsent. Das geht los beim Werwolfschlumpf im Spielzeugladen und endet bei Werwolfsromanen und Underground-Filmen zum Thema. Das heißt aber, wir verbinden immer noch etwas mit dem Werwolfmotiv, es ist für uns immer noch sehr interessant. Das ist es, was ich mir in meiner Dissertationsarbeit anschaue.

spektrumdirekt: Aber Sie bearbeiten in ihrem Projekt die literarische Seite des Mythos.

Schwagmeier: Natürlich ist meine Forschung sehr auf das Gebiet der Literatur beschränkt, aber Literatur ist ja auch ein Teil von Kultur, und Kultur ist wiederum eine Art Brennglas, das in der Lage ist, Dinge zu verdichten und auch erinnern zu können – als eine Art kulturellen Gedächtnisses.

spektrumdirekt: Was ist ein Werwolf?

Schwagmeier: Ein Werwolf ist ein Mischwesen. "Wer" heißt Mann oder Mensch. Man stellt sich vor, dass sich der Mensch unter bestimmten Umständen in einen Wolf verwandelt. Häufig wird er enttarnt, indem der Wolf nachts verwundet wird – und am nächsten Morgen hat dann etwa der Nachbar einen Verband an der entsprechenden Körperstelle. Das, was wir heute präsent haben, wenn wir das Wort Werwolf hören, stammt allerdings in der Regel aus dem Kino. Dann denken wir an Verwandlungen zu Vollmond, an Werwolfjäger mit Silberkugeln und spektakuläre Verwandlungsszenen. Das ist jedoch eine sehr junge Vorstellung.

spektrumdirekt: Das heißt, der Werwolf, wie wir ihn kennen, war nicht immer so?

Schwagmeier: Nein, die Tradition ist sehr heterogen. Im Mittelalter etwa gab es den Werwolfgürtel, den man sich zur Verwandlung in einen Wolf anlegte. Dieses magische Utensil wird zum Beispiel in den deutschen Sagen der Gebrüder Grimm beschrieben. Das Interessante daran ist eine willentliche Verwandlung. Das steht ja ganz im Kontrast zu unserer heutigen Vorstellung, nach welcher der Werwolf ein verfluchter, ein gestrafter Mensch ist, ein Gehetzter, der leidet. Am Werwolf merkt man, dass Mythen etwas Lebendiges sind, das immer weiter wächst und sich verändert – entsprechend der jeweiligen Zeit.

spektrumdirekt: Seit wann gibt es denn Werwölfe?

Schwagmeier: In der oralen Tradition geht das bis in früheste Bereiche zurück, etwa mit Wolfskulten in der vorklassischen Antike. Als Gründungsdokument gilt jedoch der Lykaos-Mythos, den Ovid in seinen "Metamorphosen" aufgezeichnet hat. Darin wird der arkadische König Lykaos von Zeus in einen Wolf verwandelt, weil der ihn mit Menschenfleisch bewirtete.
Plinius tradiert aber auch kurzzeitige Verwandlungen: Menschen gehen durch einen See, kommen auf der anderen Seite als Wolf wieder heraus und leben dann neun Jahre als Wölfe, bis sie sich wieder zurückverwandeln.

spektrumdirekt: Warum hat sich der Mythos denn so gewandelt?

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Uwe Schwagmeier mit Wolfsskulptur | Uwe Schwagmeier findet den Werwolf-Mythos auch außerhalb der Literatur häufig wieder: in Spielzeugläden, Underground-Filmen oder wie hier in Form einer Skulptur.
Schwagmeier: Das Kino hat unsere Vorstellung sehr verändert. Die klassischen Monstergestalten haben eine starke Heimat in den Universal-Studios der 1930er Jahre. Dracula, die Mumie, das Ding aus dem Sumpf, the Wolfman – diese Figuren sind dort zu einer Zeit entstanden, als der Horrorfilm gerade erst begann. Hier wurden gezielt bestimmte Aspekte der Mythen herausgegriffen, um damit Geld zu verdienen. Eine Werwölfin etwa hätte man in den 1930er Jahren kaum in die Kinos bringen können. Das war in den 1960ern zu Zeiten der feministischen Bewegung anders.

spektrumdirekt: Was ist das faszinierende am Werwolf-Mythos?

Schwagmeier: Die Doppelgesichtigkeit, dieses Janusköpfige. In manchen Filmen ist es möglicherweise auch die Freiheit, die ausgelebte Triebhaftigkeit, das Unangepasstsein, das Leben ohne schlechtes Gewissen. Das ist ein anderes körperliches Erleben, das auch an Erotik gekoppelt sein kann.

spektrumdirekt: Gibt es einen wahren Kern in der Werwolf-Sage?

Schwagmeier: Im Mittelalter und der frühen Neuzeit wurde immer wieder beobachtet, dass Menschen sich für Wölfe hielten. Vielen dieser Patienten wurde eine bestimmte Form der Blässe bescheinigt. Angeblich waren sie tageslichtscheu, heulten des Nachts; manche Beobachter sprechen von Leichenfresserei. Viele berühmte Forscher der frühen Neuzeit hielten dieses Verhalten für eine Form der Melancholie, man könnte also sagen, für eine geistige Erkrankung, die so genannte Lykanthropie. Auch die moderne Psychologie kennt noch Krankheitsbilder, in denen ein Patient behauptet, er sei ein Wolf.
In der Zeit der Hexenverfolgung gab es zudem den Vorwurf der Werwolferei, der so manchen Mann auf den Scheiterhaufen brachte.
27.10.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 27.10.2007

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