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News: Fatale Nachlässigkeit

Bei Menschen mit Veitstanz ist das Protein Huntingtin defekt und hält sich darum nicht mehr an seine Aufgaben. Dabei richten offenbar nicht nur seine Fehlleistungen Schaden an, sondern es vernachlässigt vor allem auch wichtige Pflichten. So regt es normalerweise die Produktion einer Substanz an, die für das Überleben von Nervenzellen unerlässlich ist. In der mutierten Form jedoch kümmert es sich nicht mehr darum, und den Neuronen geht der Nachschub aus. Und das wird für sie zum Todesurteil.
Die Erbkrankheit Chorea Huntington oder Veitstanz betrifft in Europa und Nordamerika etwa jeden siebten von hunderttausend Menschen. Meist im Alter zwischen 35 und 45 beginnen die Betroffenen, an unwillkürlichen Zuckungen zu leiden, die sich im Laufe der Zeit zu langanhaltenden Muskelkrämpfen ausweiten. Neben den körperlichen Beschwerden lässt auch meist die Gehirnleistung nach, und nach zehn bis 15 Jahren endet die Krankheit mit dem Tod.

Auslöser der Erkrankung ist eine Mutation auf dem kurzen Arm des Chromosoms 4. Sie bewirkt, dass in das Protein Huntingtin zu viel von der Aminosäure Glutamin eingebaut wird. Das Protein erhält dadurch eine andere Struktur und arbeitet nicht mehr richtig. Die fatale Folge ist, dass Nervenzellen absterben, und zwar auch in zwei besonders wichtigen Bereichen des Gehirns: Zum einen in den Basalganglien, die bei der Bewegungskoordination eine Rolle spielen, sowie zum anderen in der Hirnrinde, die für geistige Fähigkeiten entscheidend ist.

Doch welche Aufgaben hat überhaupt die nicht veränderte Huntingtin-Variante? Eine Frage, der sich auch Elena Cattaneo von der University of Milan und ihre Kollegen widmeten. Sie züchteten menschliche Nervenzellen, die entweder die normale oder die mutierte Version des Proteins herstellten. Dann verglichen sie deren Gehalte an neurotrophen Faktoren – Substanzen, die für das Wohlergehen von Neuronen entscheidend sind. Zu diesen Verbindungen gehört auch der neurotrophe Gehirnfaktor (brain derived neurotrophic factor, BDNF). Dessen Konzentrationen, die in den gesunden Zellen recht hoch lagen, gingen in den Zellen mit dem defekten Gen stark zurück. Offenbar reguliert das Protein also unter anderem das Ablesen des Gens für BDNF.

Nervenzellen im Striatum, einem Abschnitt der Basalganglien, sind jedoch auf BDNF angewiesen, um zu überleben. Allerdings stellen sie den Faktor nicht selbst her, er wird ihnen aus der Großhirnrinde angeliefert. Wird dort nun aufgrund des mutierten Huntingtins weniger BDNF produziert, ist der Nachschub gestört – was die Forscher an den Gehirnen von entsprechend genetisch veränderten Mäusen nachweisen konnten. Und auch in dem Gehirn eines verstorbenen Huntington-Patienten entdeckten sie Spuren auf eine verminderte Transkription des neurotrophen Faktors.

"Es ist noch sehr viel zusätzliche Forschung nötig, bevor diese Erkenntnisse Patienten helfen werden", warnt Cattaneo vor verfrühten Hoffnungen auf eine Behandlungsmethode für die Krankheit. Doch die Forscherin ist zuversichtlich, dass sich nun neue Wege für die Suche nach einer Therapie öffnen – sei es, das Huntingtin zu ersetzen oder seine Aktivität zu steigern. Eine weiterer Ansatz bietet sich darin, die Gehalte an BDNF in irgendeiner Weise zu erhöhen. Zuvor jedoch müssen die Wissenschaftler erst einmal verstehen, in welcher Form Huntingtin in das Ablesen des BDNF-Gens eingreift. Das ist zumindest ihr Ziel für die nächsten paar Monate.

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