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Geschlechtergerechte Sprache: Das Gendersternchen kehrt das Problem um

Das generische Maskulinum lässt eher an Männer denken, auch wenn Frauen explizit mitgemeint sind. Das Gendersternchen hat allerdings einen gegenteiligen Effekt.
Drei Würfel: auf einem ist ein Mann, auf einem eine Frau abgebildet, dazwischen ein Gleichzeichen

Wer von »Bürgern« redet, meint damit auch die Bürgerinnen, so lautet ein Argument gegen das Gendern und für die männliche Form, das generische Maskulinum. Doch tatsächlich weckt das Wort »Bürger« eher die Vorstellung von einem Mann. Bei der Formulierung »Bürger*innen« allerdings tauchen vor dem inneren Auge eher Frauen auf. Zu diesem Ergebnis kamen Psychologinnen und Psychologen der Universitäten Kassel und Würzburg anhand von Experimenten. Wie sie im »Journal of Language and Social Psychology« berichten, lässt nur die Formulierung »Bürgerinnen und Bürger« gleichermaßen an Männer und Frauen denken.

Das Team um Anita Körner und Fritz Strack hatte mehr als 500 Versuchspersonen über eine Forschungsplattform angeworben und ihnen einige dutzend Satzpaare präsentiert. Der erste Satz traf eine Aussage über eine Gruppe von Menschen: Mal wurden explizit beide Geschlechter genannt, etwa »Apothekerinnen und Apotheker«, mal kam das generische Maskulinum (»Apotheker«) zum Einsatz, mal das Gendersternchen (»Apotheker*innen«), die derzeit verbreitetste inklusive Variante. Die Beispiele waren so gewählt, dass die bezeichnete Gruppe keinem starken Geschlechterstereotyp unterlag. Außerdem wurden die Probandinnen und Probanden vorab informiert, dass in allen Varianten grundsätzlich beide Geschlechter gemeint waren.

Dennoch veränderte die Formulierung die Interpretation. Ein Beispiel: »Die Zuhörer waren schon vor Ort. Man konnte sehen, dass ein Teil der Männer gelangweilt war.« Führt der zweite Satz den ersten sinnvoll fort? Folgte auf das generische Maskulinum – wie in diesem Fall – eine Aussage über »Männer«, so fanden 82 Prozent die Satzfolge sinnvoll. War im zweiten Satz jedoch die Rede von »Frauen«, erschien das nur 71 Prozent der Befragten stimmig. Umgekehrt im Fall eines Gendersternchens im ersten Satz: Standen nun im zweiten Satz »Frauen«, fanden das 83 Prozent sinnvoll, und wenn dort »Männer« auftauchten, waren es 78 Prozent. Wurden dagegen im ersten Satz beide Geschlechter genannt (»Zuhörerinnen und Zuhörer«), erschien es gleichermaßen zulässig, wenn im Folgesatz nur von »Männern« oder nur von »Frauen« die Rede war.

Studien in anderen Sprachen, wie Englisch, Französisch, Spanisch, waren beim generischen Maskulinum zum gleichen Ergebnis gekommen. An den Ergebnissen änderte sich auch nichts, wenn die Antworten getrennt nach Geschlechtern oder nach ihrer Einstellung zum Gendern ausgewertet wurden. Der beschriebene »Bias« (deutsch: Verzerrung) sei überdies aufgetreten, »obwohl die Versuchspersonen explizit informiert wurden, dass die beiden Genderformen alle Geschlechter repräsentieren sollten«, heißt es in der aktuellen Studie. Das lasse auf automatische Assoziationen schließen. Eine mögliche Erklärung ist semantisches Priming. Das bedeutet: Die männliche Wortform aktiviert die mentale Repräsentation von Männern und beeinflusst so die weitere Verarbeitung.

Gendern mit Sternchen dreht den Bias

Dass das Gendersternchen offenbar mehr mit Frauen verbunden wird, könnte erklären, warum sich eher Männer gegen das Sternchen wehren: Vielleicht fühlen sich manche von ihnen ebenso wenig als »Bürger*innen« wie manche Frauen als »Bürger«. Der Bias nach dem generischen Maskulinum war in der vorliegenden Studie allerdings größer als der nach dem Gendersternchen. Fraglich ist außerdem, ob sich die beiden Effekte nach jahrhundertelanger systematischer Benachteiligung von Frauen überhaupt mit einem Maß messen lassen.

Allein die Nennung beider Geschlechterformen erzeugte gleichermaßen eine Vorstellung von Männern wie Frauen. Wäre das also die beste Lösung? So weit gehen die vier Psychologinnen und Psychologen in ihren Schlussfolgerungen nicht. Sie weisen auf offene Fragen hin. Unter anderem hatten sie mit der Studie lediglich mentale Repräsentationen von Männern und Frauen untersucht, nicht aber von anderen Geschlechtsidentitäten – für die das Sternchen ebenfalls stehen soll.

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