Direkt zum Inhalt

News: Genetisch fixierte Sozialstrukturen

Auch wenn es seit den 60er Jahren offiziell außer Kraft gesetzt ist, hat das Kastensystem der Hindu immerhin 3000 Jahre lang die Wahl des Ehepartners strengen Einschränkungen unterworfen. Der Einfluß des starren Sozialsystems war so groß, daß er deutliche Spuren in den Genen der modernen Hindu hinterlassen hat. In diesen spiegelt sich wider, daß Frauen durch Heirat in eine höhere Kaste aufsteigen konnten, während Männer in der Kaste ihrer Geburt bleiben mußten.
Um den Einfluß der sozialen Regeln auf das menschliche Genom zu untersuchen, arbeiteten Michale Bamshad und Scott Watkins von der University of Utah in Salt Lake City mit den indischen Anthropologen Bhaskara Rao und J.M. Naidu von der Andhra University in Vishakhapatnam zusammen. Ihre Ergebnisse präsentierten sie auf dem Jahrestreffen der American Association of Physical Anthropology Anfang April 1998.

Die Wissenschaftler sammelten Blutproben von 300 Männern, die nicht miteinander verwandt waren und von allen Ebenen der hinduistischen Kastenhierarchie stammten. Sie verglichen dann zum einen die DNA des Y-Chromosoms, welche ausschließlich genetisches Material von der väterlichen Linie des Stammbaumes umfaßt, zum anderen DNA aus Mitochondrien, einem Zellkörperchen, das nur von der Mutter an ihre Kinder beiderlei Geschlechts weitergegeben wird.

Die genetischen Ähnlichkeiten zwischen Probanden aus verschiedenen Schichten waren dabei je nach untersuchter DNA verschieden stark ausgeprägt. Während die Y-Chromosome zweier Kasten klar auseinanderzuhalten waren, verschwammen die Unterschiede, sobald die mitochondriellen Gene betrachtet wurden. Die Forscher sehen dies als Zeichen dafür, daß die weiblichen Vorfahren der Testpersonen für eine gewisse Vermischung der Gene innerhalb eng verbundener Kasten gesorgt haben, indem sie durch Heirat ein oder zwei Ebenen aufstiegen. Historische Aufzeichnungen belegen, daß die Frauen dabei stets nur auf-, aber nicht abstiegen. Im Gegensatz dazu vermochten die männlichen Vorfahren nur selten eine Kastengrenze überwinden. Für jede Gruppe existierte eine typische Sammlung von Genen auf dem Y-Chromosom.

Der Molekularanthropologe Mark Stoneking von der Pennsylvania State University merkt dazu an, daß diese Ergebnisse ein typisches Muster wiederspiegeln, das in Kulturen auf der ganzen Welt zu finden ist: Frauen können auf der sozialen Leiter nach oben klettern, wenn sie höhergestellte Männer ehelichen, wogegen Männer von geringem Ansehen keine "gute Partie" machen können, da für sie Frauen aus den höheren Schichten unerreichbar sind.

Die Untersuchung erbrachte noch ein weiteres interessantes Resultat: Die Angehörigen der meisten Kasten haben einen asiatischen Ursprung, jene aus den obersten Ebenen ähneln jedoch ihrer DNA nach dem kaukasischen Typ. Das paßt gut zur Geschichte des Landes, nach welcher das Kastensystem von Kaukasiern eingeführt wurde, die aus dem Nordwesten stammten.

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

  • Quellen

Partnerinhalte