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Kernwaffentests: Insel stärker verstrahlt als Tschernobyl

Während des Kalten Kriegs testeten die USA auch reihenweise Kernwaffen im Pazifik. Der radioaktive Fallout ist heute noch extrem hoch.
Kernwaffentest auf den MarshallinselnLaden...

Knapp 70 Kernwaffen haben die USA zwischen 1946 und 1958 auf dem zu den Marshall-Inseln gehörenden Bikini-Atoll und dem Eiland Eniwetok gezündet – darunter als größte Bombe »Castle Bravo«, die 1000-mal stärker war als die Atombomben, die auf Hiroschima und Nagasaki abgeworfen worden waren. Es handelte sich bei ihr sogar um einen der größten Kernwaffentests, welchen die USA je durchgeführt hatten. Diese Versuche haben bis heute Spuren hinterlassen, wie Emlyn Hughes von der Columbia University in New York und sein Team in »PNAS« berichten. »Castle Bravo« pulverisierte nicht nur eine in der Nähe geschaffene künstliche Insel und riss einen Krater mit 1,5 Kilometer Durchmesser und 75 Meter Tiefe in das Atoll. Die Kernwaffe hinterließ auch stark radioaktiven Fallout, der bis heute nachweisbar ist und teilweise die bei den Reaktorunfällen in Tschernobyl und Fukushima gemessenen Werte übertrifft.

Für ihre Arbeit tauchten die Wissenschaftler direkt in den Krater und sammelten dort rund 130 Sedimentproben ein, in denen sie verschiedene radioaktive Isotope wie Plutonium-239 und -240, Americium-241 und Bismut-207 nachwiesen. Für Plutonium-239 und -240 lag die Radioaktivität demnach bei 54 Picocurie pro Gramm, was zwei Becquerel oder etwa 120 Zerfällen pro Minute und Gramm entspricht. Zudem weisen sie eine lange Halbwertszeit von 24 000 und 6500 Jahren auf, so dass sie noch lange strahlen werden. Die Strahlungswerte liegen um das Zehnfache höher als auf benachbarten Inseln und machen den Testort zum am stärksten kontaminierten Ort der Marshall-Inseln. Der Fallout der Tests ging auch auf die Atolle Eniwetok, Rongelap und Utirik nieder, zudem versenkten die USA hier teilweise radioaktiv kontaminierte Kriegsschiffe, die den Tests ausgesetzt waren.

Die Werte übertrafen stellenweise Messungen aus den Sperrzonen von Tschernobyl und Fukushima (hier etwa von Americium-241). Auf dem Bikini-Atoll wiesen Hughes und Co in manchen Proben zudem mehr Plutonium nach, als in Tschernobyl oder Fukushima gemessen wurde. Eine weitere Untersuchung galt den Werten von Zäsium-137 in Früchten auf den Inseln, die teilweise ebenfalls über internationalen Sicherheitsvorgaben lagen. Die Wissenschaftler schließen, dass die vier nördlichen Inseln Runit, Enjebi, Bikini und Naen insgesamt stärker belastet sind als viele Gebiete rund um Tschernobyl. Menschen sollten sich hier nicht länger als nötig aufhalten.

Die Inseln wurden vor den Tests evakuiert, doch durften ihre Bewohner wenige Jahre nach Einstellung der Versuche wieder zurückkehren – nur um die 1970er Jahren wieder umgesiedelt zu werden, da die Strahlenbelastung zu hoch war. Bisherigen Schätzungen zufolge sollten sie ab spätestens 2040 wieder bewohnbar sein, doch könnte sich auch dies als verfrüht erweisen. Für die Marshall-Inseln ist das auch ein demografisches Problem, denn heute konzentriert sich die Bevölkerung auf zwei dicht besiedelte Inseln. Die Natur beginnt dagegen langsam wieder den Krater zurückzuerobern. Zumindest an den Rändern haben sich wieder Korallen angesiedelt; im Zentrum dominieren allerdings noch Bakterienrasen sowie Seegurken.

30/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30/2019

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