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Parasitologie: Juckt's schon?

Ein kurzer Gedanke an Milben, Läuse oder Flöhe - und schon lässt sich ein zweiter Gedanke - Kratzen! - nur noch sehr schwer kontrollieren. Auch sonst sind Unruhestifter mit Hunger auf die Haut des Menschen hartnäckiger als gedacht. Nachdem sie lange als besiegtes Randproblem sozial schwacher Schichten angesehen wurden, redeten manche zuletzt von ihrem erstaunlichen Comeback.
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Unruhestifter sind nicht immer gleich Unruhestifter, auch wenn sie mit ähnlichem Ziel ähnliche Schwachpunkte attackieren. Krätzmilbe und Bettwanze zum Beispiel gehen ganz unterschiedlich an ihre Beutezüge gegen das größte Organ des menschlichen Körpers heran – die Haut. Während die Wanze Cimex lectularius etwa alle sieben Tage aus ihrem Versteck in der Matratze, dem hölzernen Nachttisch oder einem Tapetenspalt hervor kriecht und sich nur während der etwa halbstündigen Blutmahlzeit auf der Hautoberfläche aufhält, macht die Krätzmilbe Sarcoptes scabiei richtig ernst. Das Weibchen dieser winzigen Spinnentiere, die mit bloßem Auge nicht zu sehen sind, gräbt sich für mehrere Wochen in die oberste Hautschicht ein und legt hier auf ihrer täglichen Wanderung zwei bis drei Eier ab.

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Krätze | Skabies bei einem Kind
Die Aktivität und Absonderungen der Milben sind es dann auch, die das Immunsystem auf den Plan rufen und etwa drei bis sechs Wochen nach der Besiedelung einen extremen Juckreiz an den betroffenen Körperstellen erzeugen. Bevorzugt sind die Fingerzwischenräume, Beugseiten der Handgelenke, der innere Fußrand und auch die Genitalregion, weil hier die Hornschicht der Haut nicht so dick und für den Parasiten leichter zu überwinden ist. Starkes Kratzen, Ekzembildung, Bakterienbesiedelung und eitrige Krusten können die Folge sein. Da ist es kein Wunder, dass Unbehagen aufkommt, wenn im Kindergarten plötzlich das Schild hängt: "Wir haben die Krätze!".

"Ich habe nicht den Eindruck, dass wieder mehr Menschen von der Krätze betroffen sind."
(Henning Hamm)
"Gelegentlich erkranken auch in Deutschland immer mal wieder Menschen an der Krätze", sagt Cord Sunderkötter, Arzt an der Klinik für Hautkrankheiten der Universität Münster. In den letzten Jahren hat Sunderkötter keine Häufung der Krankheitsfälle beobachtet. Ähnliches berichtet Henning Hamm, Dermatologe an der Universitätshautklinik in Würzburg: "Ich habe nicht den Eindruck, dass wieder mehr Menschen von der Krätze betroffen sind." Objektives Zahlenmaterial für die gesamte Bevölkerung gibt es nicht, da ein Krätzmilbenbefall nur dann den Behörden gemeldet werden muss, wenn Gemeinschaftseinrichtungen betroffen sind.

Kaum Grund zur Besorgnis?

Zudem ständen, so die beiden Mediziner, gute Wirkstoffe – etwa das Permethrin – bereit, um die Parasiten wirkungsvoll zu bekämpfen. "Probleme entstehen dann, wenn die Mittel zu kurz angewendet werden, nicht die gesamte Hautoberfläche behandelt wird oder man sich die Hände fälschlicherweise nach dem Auftragen wäscht, obwohl sich gerade hier sehr viele Milben aufhalten können", sagt Henning Hamm. Für eine Übertragung ist in der Regel zwar intensiver Hautkontakt erforderlich, bei alten Menschen oder solchen, deren Abwehrkräfte geschwächt sind, reichen jedoch auch kürzere Berührungen für eine Ansteckung.

Michael Hilbert vom Landesamt für Gesundheit und Arbeitssicherheit in Kiel hat beobachtet, dass die Krätze in Altenheimen nicht regelmäßig, sondern eher wie Ebbe und Flut in größeren Abständen von mehreren Jahren gehäuft auftritt: "Mal sind fünf oder sechs Heime betroffen, dann wird wieder gar nichts gemeldet." Die Ursache für diesen Wechsel zwischen gehäuftem Auftreten und einzelnen wenigen Fällen ist nicht klar erkennbar. Aber es gibt einige Aspekte, warum der unangenehme Hautparasit in Deutschland gelegentlich den Altenpflegeeinrichtungen zu schaffen macht.

Alte Menschen klagen häufig nicht so schnell über den Juckreiz, und oft wird in den Einrichtungen zu spät oder gar nicht an Krätze gedacht. Aber gerade in Gemeinschaftseinrichtungen "muss die Milbenquelle gefunden werden, sonst wird es schwer, die Krätze hier überhaupt auszurotten", sagt Hilbert. Bei Älteren tritt zudem gelegentlich eine Verstärkung des Krankheitsbildes auf, die mit einer rasanten Milbenvermehrung einhergeht. Während im Normalfall nur fünf bis 15 Milben auf einem Wirt hausen, können es bei der hartnäckigen Scabies norvegica schnell Tausende sein – mit der entsprechend höheren Ansteckungswahrscheinlichkeit.

Hilbert rät den Einrichtungen für den Ernstfall einen "Hygieneplan-Krätze" aufzustellen, in dem Fragen nach einem kooperierenden Hautarzt, der Schutzausrüstung für die Beschäftigten und der Medikamentenbeschaffung vorab geklärt werden. "Ich würde auch raten, Schilder im Haupteingangsbereich der betroffenen Einrichtungen aufzustellen, etwa – Stopp Krätze! – um eine Weiterverschleppung in die Familien der Besucher und Angestellten zu verhindern", sagt der Kieler Mediziner.

Globalisierte Krätze

Ein echtes Gesundheitsproblem ist die Krätze im Gegensatz zu den Industriestaaten in vielen armen Ländern dieser Welt. Schätzungen gehen von jährlich 300 Millionen Erkrankten weltweit aus. In manchen Gebieten Afrikas sind in bestimmten Risikogruppen sogar 40 bis 80 Prozent der Menschen betroffen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig: Neben der Armut und mangelnder ärztlicher Versorgung ist noch ein anderer Missstand mitschuldig: Die internationale Forschung hat die Parasitenerkrankung jahrzehntelang vernachlässigt, und so stehen bis heute etwa keine einfach zu handhabenden, aussagekräftigen Diagnoseverfahren zur Verfügung.

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Bettwanze (Cimex lectularius) | Die nachtaktiven Parasiten saugen ein Vielfaches ihres Körpergewichts an Blut.
Nicht leicht zu diagnostizieren ist auch die Aktivität der Bettwanze, deren Anwesenheit zwar unangenehm ist, aber in der Regel im Gegensatz zur Krätze keine schweren gesundheitlichen Folgen nach sich ziehen kann. "Die Stiche der Bettwanzen sind anfänglich nicht von Mückenstichen zu unterscheiden", sagt Martin Leverkus, Arzt am Universitätsklinikum in Magdeburg. Eine gewisse "Straßenbildung" an Armen, Beinen, auf dem Rücken und im Gesicht lässt sich zwar zu Beginn beobachten aber "auch Flöhe hinterlassen häufig gleich eine Reihe von Stichen", erklärt Leverkus.

Allerdings reagieren die Menschen sehr unterschiedlich auf die Besuche der Bettwanzen, deren Stich schmerzlos erfolgt. Martin Leverkus hat zusammen mit anderen deutschen und amerikanischen Forschern herausbekommen, dass ein Eiweiß im Speichel der Bettwanzen für die Entstehung allergischer Hautreaktionen verantwortlich ist. Diese Entdeckung gelang mit Hilfe einer 43-jährigen Patientin, die sich kurz nach einem Hotelaufenthalt in England mit einer Reihe von stark juckenden Blasen an Armen, Händen und Beinen in der Klinik vorgestellte.

"Kein Hotel würde zugeben, schon einmal mit Bettwanzen zu tun gehabt zu haben"
(Martin Leverkus)
Ähnliche Stiche hatte die Patientin schon ein Jahr zuvor an sich entdeckt, als sie im selben Hotel abgestiegen war. Die Diagnose "Bettwanzenstiche" wurde durch die Erzählungen der Reisenden erleichtert, die bei ihrem zweiten Besuch nachts kleine braune Tierchen im Hotelzimmer registrierte. Normalerweise entdeckt man die mahagonibraunen, drei bis fünf Millimeter großen, flachen Tierchen, die auch Tapetenflunder genannt werden, nur bei genauer Durchforstung des Schlafzimmers. Der Befall variiert stark, gefunden wurden etwa vier Wanzen in einem Haushalt (wer die wohl gezählt hat!) und 5000 Exemplaren in einem einzigen Bett.

Ein Indikator für einen Wanzenbefall ist jedoch keineswegs, wie allgemein angenommen wird, die Sauberkeit oder gar die Anzahl der Bewohner in einer Wohnung. Bettwanzen treten vielmehr dort gehäuft auf, wo ein reges Kommen und Gehen von insbesondere internationalen Übernachtungsgästen herrscht. "Kein Hotel würde natürlich je zugeben, dass es schon einmal mit Bettwanzen zu tun gehabt hat", sagt Martin Leverkus.

Diagnose Bettwanzenstich

Zwar sind Bettwanzen in Zentraleuropa in den letzten 50 Jahren selten geworden, aber in letzter Zeit wird gerade aus Großstädten mit viel Reiseverkehr ein verstärktes Aufkommen der ungeliebten Blutsauger gemeldet. "In den letzten fünf Jahren haben die Bettwanzenfälle in Berlin zugenommen", sagt Karolina Bauer-Dubau vom Institut für Tropenmedizin an der Charité. Das Institut registriert für den Bereich der Hauptstadt zur Zeit etwa 158 bis 200 Fälle pro Jahr. "Die tatsächlichen Zahlen dürften aber um das Drei- bis Vierfache höher liegen", schätzt die Berliner Parasitologin. Betroffen sind etwa Geschäftsreisende, die die Tiere unbemerkt einschleppen. "Oft dauert es vier bis sechs Wochen, bis man überhaupt etwas merkt", sagt Bauer-Dubau.

"Eine Entwesung der Wohnung sollte nicht in Eigenregie durchgeführt werden"
(Karolina Bauer-Dubau)
Sie rät allen, die bereits im Urlaub einen Wanzenverdacht haben, das Gepäck nicht mit in die Wohnung zu nehmen, die Kleidung bei 60 Grad zu waschen oder bei minus 18 Grad drei Tage einzufrieren. Koffer, Reisetaschen und auch Handgepäck sollten in dicht verschlossene Plastiktüten gepackt, zunächst zum Beispiel auf dem Balkon gelagert und von einem Fachmann mit einem Insektizid behandelt werden. Hat sich die Bettwanze im Heim eingenistet, muss ebenfalls ein professioneller Schädlingsbekämpfer zu Rate gezogen werden, Karolina Bauer-Dubau: "Eine Entwesung der Wohnung sollte nicht in Eigenregie durchgeführt werden."

Für einen Anstieg der Bettwanzen-Vorfälle mag auch verantwortlich sein, dass Menschen, die jünger als 50 Jahre alt sind, in der Regel nicht mehr wissen, was Wanzen überhaupt sind. Auch der typische Geruch, der von öligen Sekreten der Schädlinge herrührt, wird verkannt oder andere erste Anzeichen für einen Befall, wie Exkrementpünktchen in der Nähe der Wanzenverstecke oder diskrete Blutfleckchen auf Betttuch oder Matratze.

Dabei begleiten die nachtaktiven Parasiten, die wie wir ein warmes Bett lieben, den Menschen schon seit Jahrtausenden – nicht immer nur als Störenfried. Der griechische Arzt Dioskorides etwa schrieb der Hämolymphe der Bettwanzen elf medizinische Heilwirkungen zu, unter anderem vermischt mit Schildkrötenblut hilfreich bei äußeren Wunden. Auch die chinesische Heilkunst sieht die Sache locker: "Man zerstampfe sieben Bettwanzen gründlich mit etwas gekochtem Reis und trage die Paste auf die Wunde auf. Sie wird eine schnelle Heilung bewirken."
01.05.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01.05.2007

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