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Lückenhaft

Das ehrgeizige Ziel, mindestens zehn Prozent der Landfläche der Erde unter Naturschutz zu stellen, konnte inzwischen erreicht werden. Doch vielen bedrohten Arten nutzen diese Zufluchtsgebiete wenig: Sie leben außerhalb der rettenden Grenzen.
Lückenarten
Am 17. September 2003 konnten die Vertreter von über 70 Staaten und 750 Nichtregierungsorganisationen zufrieden das südafrikanische Durban verlassen. Denn ein ehrgeiziges Ziel, das sich die Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) auf ihrem vierten World Parks Congress im Februar 1992 in Caracas gesetzt hatte, war erreicht worden: Bis zu ihrem nächsten Treffen – die Kongresse finden seit 1962 im zehnjährigen Rhythmus statt – sollten mindestens 10 Prozent der Landfläche der Erde unter Naturschutz gestellt werden.

Inzwischen stehen weltweit 11,5 Prozent der Landfläche unter Schutz; Deutschland hat das Klassenziel mit 9 Prozent nur knapp verfehlt, die gesamte Europäische Union ist mit 14 Prozent sogar vorbildlich. Eigentlich ein schöner Erfolg – eigentlich.

Denn Ana Rodrigues von Conservation International fand doch noch einen Wermutstropfen. Reicht es wirklich aus, einfach nur Flächen sozusagen per Gießkanne unter Schutz zustellen, wollte die Biologin wissen. Zusammen mit 20 Kollegen von 15 Forschungseinrichtungen und Organisationen hatte sie in einer wahren Fleißarbeit die Lage von über 100 000 Schutzflächen mit den Lebensräumen von insgesamt 11 633 Arten verglichen.

Und bei diesem Vergleich offenbarten sich große Lücken: Von 4735 Säugerarten leben 258 außerhalb jeglicher Schutzgebiete. 149 dieser "Lückenarten" gelten als bedroht. So genießen beispielsweise die wenigen Exemplare des Kormoran-Flughundes (Pteropus livingstonii) oder die der in Kolumbien vorkommenden Beutelratte Marmosa handleyi keinerlei Schutz.

Bei den 5454 Amphibienarten ergaben sich 913 Lückenarten mit 411 bedrohten Spezies, darunter mehrere stark bedrohte Goldfröschchen-Arten (Mantella) auf Madagaskar.

Von 1171 bedrohten Vogelarten leben 232 außerhalb der Schutzgebiete, wie der Gelbohrsittich (Ognorhynchus icterotis), von dem es in den kolumbianischen Anden vermutlich weniger als 150 Exemplare gibt, oder der Silberparadiesschnäpper (Eutrichomyias rowleyi) mit nur noch 100 Individuen auf den indonesischen Sangihe-Inseln.

21 der 273 untersuchten Schildkrötenarten sind ebenfalls ohne jeglichen Schutz, darunter zwölf bedrohte, wie die seltene McCords Schlangenhalsschildkröte (Chelodina mccordi) auf der indonesischen Insel Roti oder die Burma-Landschildkröte (Geochelone platynota) aus Myanmar.

Insgesamt leben 1424 Spezies – also 12 Prozent – außerhalb von Schutzgebieten. 267 dieser Lückenarten gelten als gefährdet, 237 als bedroht, und 300 befinden sich sogar in einem "kritischen Gefährdungszustand" (critically endangered). Und das sei nur "die Spitze des Eisbergs", betont Rodrigues. Denn viele endemische Arten, die nur in einem bestimmten Areal vorkommen, konnten bei der Analyse überhaupt nicht erfasst werden. "Sobald wir mehr Daten zur Verfügung haben, werden sich sicherlich viel mehr Lücken im globalen Netz der Schutzgebiete auftun – vor allem in den Ökosystemen des Meeres und der Süßgewässer."

"Dass mehr als 10 Prozent des Festlandes des Planeten unter Schutz stehen, ist ein großer Erfolg des Naturschutzes", meint auch der an der Studie beteiligte Zoologe Gustavo Fonseca von der brasilianischen Universität von Minas Gerais, der ebenfalls für Conservation International tätig ist. "Doch diese Studie zeigt, dass – egal wie attraktiv beliebige Prozentziele politisch gesehen auch sein mögen – wir uns stärker auf die Gebiete konzentrieren müssen, in denen die meisten bedrohten und endemischen Arten leben."

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