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News: Mit dem 'inneren Auge' fühlen

Wir Menschen haben gerne Übersicht und lieben es daher, wenn alles seinen Platz hat. Doch in der Natur sind scharfe Grenzen eher die Ausnahme, hier herrschen vernetzte Strukturen und dezentrale Organisation vor. Anscheinend ist auch unser ganzer Stolz - das Gehirn - nicht so klar in Bereiche mit verschiedenen Aufgaben gegliedert, wie Wissenschaftler das bislang angenommen haben. Wenn wir mit den Fingerspitzen etwas ertasten sollen, sind nämlich tatsächlich Hirnzentren aktiv, die eigentlich einem Bereich zur optischen Wahrnehmung zugeordnet werden. Der Ausspruch "etwas vor dem inneren Auge sehen" ist also gar nicht so falsch.
Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken, Riechen – jeder Sinn hat im Gehirn seinen zugehörigen eigenen Bereich, in dem die Informationen verarbeitet werden. Eine klare Aufteilung, die sich bildhaft in vielen Lehrbücher der Neurobiologie niedergeschlagen hat. Doch nach und nach mehren sich die Zweifel am Modell von der strikten Arbeitsteilung. Neue Experimente mit modernen bildgebenden Verfahren, die sichtbar machen, welche Hirnzentren an verschiedenen Tätigkeiten beteiligt sind, weisen auf eine verwischte Aufgabenverteilung und Mehrfachbelegungen der Bereiche hin. "Der Grad von Zusammenarbeit zwischen den Sinnen, den wir in unserer Arbeit festgestellt haben, könnte verbreiteter sein, als allgemeinhin angenommen", meint der Neurologe Krishnankutty Sathian von der Emory University School of Medicine.

Zusammen mit seinen Kollegen erweiterte Sathian Versuche, die andere Wissenschaftler mit Blinden durchgeführt hatten. Während die Testpersonen Texte in Braille ertasteten, war ihr visueller Cortex aktiv an der Informationsverarbeitung beteiligt. Sathian führte seine Experimente mit sehenden Probanden durch. In einem ersten Durchgang drückte sein Team den Teilnehmern, deren Augen geschlossen oder zusätzlich noch verbunden waren, ein Objekt mit einer Rille auf die Fingerspitzen. Alleine durch Tasten versuchten die Probanden zu bestimmen, ob die Vertiefung quer oder längs zu ihrem Finger verlief (Nature vom 7. Oktober 1999). "Die Teilnehmer erzählten uns, sie hätten sich 'mit dem inneren Auge' die Orientierung der Rille an der Fingerspitze vorgestellt. Das veranlaßte uns zu der Annahme, die visuelle Bilddarstellung vereinfache diese Tastaufgabe", sagt Sathian.

Zur Überprüfung ihrer Hypothese ließen die Forscher ihre Freiwilligen abermals eine Reihe von Tests durchlaufen, darunter wieder die Frage nach der Richtung der Rille. Außerdem sollten sie entscheiden, ob die Vertiefung breit oder schmal war. Während des Versuchs blockierten die Wissenschaftler mit Hilfe einer harmlosen transcranialen magnetischen Stimulation vorübergehend bestimmte Gehirnzentren. Wie sich herausstellte, verschlechterte sich die Fähigkeit, die Orientierung korrekt zu ertasten, wenn eine Schlüsselregion des visuellen Cortex gehemmt wurde. Die Bestimmung der Spaltbreite blieb dagegen weiterhin gleich erfolgreich. Eine Blockade des somatosensorischen Cortex hingegen beeinflußte beide Aufgaben.

Aus den beiden Versuchsblöcken schließen die Wissenschaftler, daß die visuelle Bearbeitung im Gehirn mithilft, die Orientierung einer Markierung zu ertasten. Eventuell könnten die entsprechenden Bereiche an allen Richtungsunterscheidungen beteiligt sein.

"Diese Ergebnisse sind nicht nur wichtig, um zu verstehen, wie das Gehirn normalerweise sensorische Informationen verarbeitet, sondern auch, wie diese Prozesse verändert werden durch Blindheit, Gehörlosigkeit oder Verlust des Tastsinns...", meint Sathian.

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