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News: Obskure Objekte

Nichts zu sehen bei infraroten Wellenlängen, im Bereich des sichtbaren Lichts und in weiten Teilen des Röntgenspektrums. Doch irgendetwas ist da draußen.
Doppelsystem
Partnerschaft ist schick, zumindest bei Sternen. Denn mit ihrem Single-Dasein gehört unsere Sonne vermutlich einer Minderheit an. So sind nur etwa 40 Prozent der mit bloßem Auge sichtbaren Sterne Einzelgänger, der Rest existiert in trauter Zweisam-, Dreisam- oder Mehrsamkeit. Von Gleichberechtigung kann indes häufig nicht die Rede sein, was an den mitunter recht unterschiedlichen Eigenschaften der Partner liegt. So umkreisen sich zuweilen der Rest eines längst verstorbenen Sterns, ein Neutronenstern etwa oder gar ein Schwarzes Loch, und ein Stern in der Blüte seines Lebens. Letzterer wird dabei hemmungslos ausgesaugt und seiner Materie beraubt – ein Schauspiel, was sich im gesamten elektromagnetischen Spektrum bemerkbar macht.

Kein Wunder also, dass schon an die 300 solcher Doppelsysteme aus unserer Nachbarschaft bekannt sind. Doch offenbar befindet sich noch mehr dort draußen. Allerdings nicht sichtbar. So entdeckte das europäische Weltraumteleskop Integral am 29. Januar 2003 ein Doppelsystem, das seinen kannibalistischen Totentanz bis dato wirkungsvoll zu verschleiern wusste. Denn der größte Teil des elektromagnetischen Spektrums wird offenbar von einer dichten Gashülle abgeblockt. Einzig hochenergetische Gamma- und Röntgenstrahlen verraten das Sternenpaar, und gerade auf diese Wellenlängen ist Integral spezialisiert.

So schlossen die Astronomen um Roland Walter vom Integral Science Data Centre in der Schweiz nach eingehender Analyse der Beobachtungsdaten der bis dato unbekannten Gammastrahlenquelle, dass es sich um ein Doppelsystem handeln muss, bestehend aus einem recht dichten Objekt – ein Neutronenstern vielleicht oder ein Schwarzes Loch – und einem äußerst massereichen Begleitstern. Obwohl die Astronomen die genaue Entfernung von IGR J16318-4848, so der Name des Himmelsobjekts, bislang nicht bestimmen konnten, sind sie sich sicher, dass es sich zumindest in unserer Galaxie befindet.

Um die Theorie zu überprüfen, dass tatsächlich eine dichte Gashülle das Licht großer Wellenlängenbereiche abschirmt, bedienten sich die Astronomen nun auch des Röntgenteleskops XMM-Newton. Wie kein anderes Weltraumteleskop detektiert XMM-Newton selbst schwache Röntgenquellen mit hoher Genauigkeit und kann anhand von charakteristischen Absorptionslinien im Spektrum auch Materie nachweisen, die sich in der Sichtlinie befindet. Tatsächlich sah auch XMM-Newton im letzen Februar das Objekt IGR J16318-4848. Mehr noch: Auch die vermutete dichte Hülle kalten Gases ließ sich nachweisen – mit einem Umfang, der in etwa der Erdbahn um die Sonne entspricht.

Bei der abdunkelnden Materie handelt es sich nach Ansicht der Forscher um Teilchen des Sonnenwinds, genauer gesagt um das Gas, das dem superschweren Begleitstern entrissen wird. Die Astronomen argwöhnen, dass dieses Gas von einem Schwarzen Loch gesammelt wird. Auf diese Weise würde es die dichte Hülle bilden, die fast jegliche Energie schluckt, die im Inneren frei gesetzt wird.

Roland Walter erklärt: "Nur Photonen mit der größten Energie – jenseits von zehn Kiloelektronenvolt – können dem Kokon entkommen. IGR J16318-4848 ließ sich deshalb nicht mit Durchmusterungen bei geringer Energie oder bei vorangehenden, weniger empfindlichen Beobachtungen von Gammastrahlenquellen nachweisen."

XMM-Newton und Integral, das dieser Tage übrigens seinen ersten Geburtstag feierte, scheinen also das perfekte Gespann, die verhüllten Doppelsysteme zu entdecken. Und tatsächlich: Bereits zwei weitere Quellen, eingebettet in undurchsichtiges Materie hat das Teleskop-Duo entdeckt. Wer weiß, wie viele ungleiche Paare da draußen noch ihrer Entdeckung harren?

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