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Blütenbestäubung: Perfektionierte Eigenbrötlerei

Orchideen haben sich einiges einfallen lassen, um stets ein Insekt oder auch mal einen Vogel, eine Fledermaus oder einen Frosch als willigen Bestäuber zu rekrutieren. Doch was tut eine Orchidee, die in einer insektenarmen Gegend blüht, in der nicht einmal Wind weht, der die Pollen zur nächsten Blüte tragen könnte?
<i>H.&nbsp;amesianum</i>
Sie ist ein bemitleidenswertes Pflänzchen: Die Orchidee Holcoglossum amesianum wächst auf Baumstämmen in chinesischen Bergwäldern auf 1200 bis 2000 Metern Höhe und blüht ausgerechnet in der Zeit von Februar bis April, wenn dort gerade Trockenzeit herrscht. Insekten lassen sich um diese Jahreszeit nur selten blicken und kommen als Bestäuber daher kaum in Frage. Es weht nicht einmal Wind, der zur Not diesen Dienst übernehmen könnte – wahrlich keine günstigen Voraussetzungen, um den Transport des Pollens zu seinem Bestimmungsort zu gewährleisten.

Doch H. amesianum wäre keine rechte Orchidee, wenn sie nicht eine clevere Möglichkeit gefunden hätte, die Bestäubung auch unter solch widrigen Umständen zu garantieren. Diese Knabenkrautart geht dabei ihren ganz eigenen Weg, wie das Team von LaiQiang Huang von der Tsinghua-Universität in Shenzen nun an fast 2000 Blüten dieser Art beobachtete.

H. amesianum in der natürlichen Umgebung | H. amesianum lebt im chinesischen Bergwald auf Baumstämmen.
Als erste Maßnahme pfeift H. amesianum einfach auf den Kontakt mit ihren Artgenossen und begnügt sich lieber mit sich selbst: Sie entscheidet sich für die bei Orchideen eher seltene Selbstbefruchtung. Als zweite Maßnahme entwickelte sie eine ausgefeilte Technik, den Pollen zielgenau auf dem eigenen Griffel zu positionieren – obwohl dieser durch das für Orchideen typische Rostellum räumlich von vom pollenproduzierenden Staubbeutel getrennt ist.

Selbstbestäubungsmechanismus von H. amesianum | a: Schema der Blüte, b: offene Blüte, bevor die Selbstbestäubung beginnt, c: die Kappe über dem Staubbeutel öffnet sich, d: das Stielchen richtet sich auf, e: das Stielchen biegt sich um das Rostellum herum, f: das Stielchen biegt sich nach oben in Richtung Griffel, h: das Pollenpäckchen gelangt auf die empfängnisbereite Stelle des Griffels
Die Orchidee geht folgendermaßen vor: Wenn die Blüte vollständig geöffnet ist, klappt die Kappe weg, die bis dahin das auf einem Stielchen sitzende Pollenpäckchen (Pollinium) bedeckte. Nun beginnt sich das Stielchen zu strecken, neigt sich erst nach vorne, dann nach unten und manövriert so das Pollinium um das wie eine Nase nach vorne aus der Blüte herausragende Rostellum herum. Hat es dieses Hindernis erst umgangen, biegt sich das Stielchen immer weiter nach hinten und oben, bis schließlich das Pollenpäckchen zielgenau auf dem Griffel angelangt. Das Pollinium beschreibt somit auf seiner Reise zum weiblichen Teil der Blüte einen Kreis von nahezu 360 Grad und muss sich dabei teilweise gegen die Schwerkraft stemmen.

Nicht allen Blüten gelingt dieses Kunststück, doch etwa die Hälfte aller Pollenpäckchen erreicht sicher ihr Ziel – und ist dies erst einmal gelungen, so ist die Befruchtung nahezu garantiert.

Blüten von H. amesianum | H. amesianum verzichtet vollkommen auf Fremdbestäubung.
H. amesianum befruchtet sich ausschließlich mit dieser raffinierten Technik, die bisher bei keiner anderen Blütenpflanze beobachtet wurde, Fremdbestäubung ist ihr vollkommen fremd. Die Wissenschaftler vermuten, dass dieser Mechanismus zur Selbstbefruchtung eine Anpassung an den trockenen und insektenarmen Lebensraum ist und halten es für möglich, dass auch andere Arten in ähnlich beschaffenen Gebieten auf diese Bestäubungstechnik zurückgreifen.

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