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Verhaltensforschung: Pfiffige Familien-Bande

Vier Augen sehen mehr als zwei: eine alte Weisheit, die auch in Tierkreisen zählt. Viele Arten schließen sich deshalb zur Sicherheit in Schwärmen und Herden zusammen - einer wird den Feind schon erblicken. Eine afrikanische Vogelart setzt dagegen ganz auf die eigene Familie und gezielte Aufpasser.
Elsterdrossling auf Position
Elsterdrosslinge sind Tiere mit Familiensinn: In Gruppen von 3 bis 15 Individuen ziehen sie durch die Trockenwälder und Savannen des südlichen Afrikas und kümmern sich dabei umeinander – Arbeitsteilung inklusive. So müssen die Jugendlichen ihre gerade flügge gewordenen Geschwister füttern, damit ihre Eltern schon wieder die neuen Nesthäkchen umsorgen können. Mehrere Generationen leben also in enger Verbindung zusammen und verteidigen auch ihr Territorium gemeinsam vehement gegen Eindringlinge von außen.

Elsterdrossling auf Nahrungssuche | Elsterdrosslinge suchen ihre Nahrung überwiegend auf und im Boden. Ihr Blick ist deshalb oft nach unten gerichtet – Feinde aus der Luft könnten sich also unbemerkt nähern.
Viele Vögel benötigen jedoch auch viel Futter, das die weißschwarzen Drosslinge der Art (Turdoides bicolor) bevorzugt im Untergrund suchen, wo sie Insekten oder Würmer mit ihrem Schnabel im Erdreich aufstöbern. Das hat jedoch einen gravierenden Nachteil: Ihr Blick ist zumeist gen Boden gerichtet, während Feinde vor allem aus der Luft drohen. Die Elsterdrosslinge stecken also in der Zwickmühle zwischen erhöhter Wachsamkeit und eventuellem Magenknurren oder vollem Bauch bei gefährlicherem Leben.

Ein Dilemma, das die Tiere bisweilen durch einen Verbündeten umgehen, wie die Biologen um Amanda Ridley von der University of Cape Town vor einigen Monaten schrieben. Der Trauerdrongo (Dicrurus adsimilis) begleitet die Drosslinge bisweilen und warnt sie zuverlässig vor Habicht, Schlange und Co – mit Erfolg, denn in neun von zehn Fällen stürzen die dankbaren Zuhörer ins Dickicht und entgehen so dem Frühableben. Doch altruistisch liefert der Drongo seine Dienste nicht ab: Jeder dritte Alarm ist in Wirklichkeit ein falscher, und während die Drosslinge im Versteck kauern, stibitzt der Beobachter die bereits aufgestöberte Beute.

Warum also nicht gleich die Aufsicht selbst übernehmen, die Nahrung im Familienkreis belassen und wirklich zuverlässig die Gruppe schützen? Dass die Drosslinge durchaus auf diese Möglichkeit bauen, zeigen nun Biologen um Linda Hollén von der University of Bristol in der Kalahari. Im Laufe ihrer fünfjährigen Forschungsarbeit hatten sie mehrere Drossling-Verbände derart an menschliche Anwesenheit gewöhnt, dass sie die Tiere aus nächster Nähe studieren und ihr Tagesgeschäft problemlos verfolgen konnten.

Elsterdrossling auf Position | Damit ihre Artgenossen ungestört fressen können, stellen die Familienverbänder der Elsterdrosslinge immer wieder einzelne Wachposten ab. Sie sollen verhindern, dass ihre Verwandten leicht erbeutet werden.
Demnach platzieren nach Futter umherstreifende Elsterdrosslinge tatsächlich eigene Wachposten auf Büschen mit guter Rundumsicht. Ihre Artgenossen haben sie dabei stets im Blick, denn normalerweise entfernen sie sich niemals weiter als zwanzig Meter auseinander, was zudem den schnellen Wechsel zwischen den Beobachtern ermöglicht – zwischen handgestoppten 12 Sekunden und 6 Minuten 20 Sekunden dauern die Einsätze in Habacht-Stellung, bevor die Tiere einander ablösen. Reihum stellen sich dafür alle erwachsenen Vögel zur Verfügung, während ihre Artgenossen das Erdreich umgraben. Damit ist gewährleistet, dass die Konzentrationsfähigkeit nicht leidet und jeder selbst ausreichend nach Futter suchen kann.

Während ihrer Wache halten die Drosslinge steten Kontakt zu ihren Verwandten, in dem sie immer wieder Signallaute von sich geben: Teilweise sekündlich stoßen sie leise Rufe aus, die dem Rest der Gruppe versichern sollen, dass ihr Posten aufpasst und die Luft rein ist. Die fressenden Vögel müssen also keinen Sichtkontakt herstellen, sondern reagieren bereits allein auf die Pfiffe – selbst wenn die Töne nur vom Band kommen, wie ein entsprechendes Experiment zeigte.

Elsterdrossling auf der Waage | Im Laufe der Forschungsarbeiten hatten sich die Vögel schon so gut an die menschlichen Beobachter gewöhnt, dass sie von selbst auf kleine Waagen stiegen, um sich ihr Gewicht abnehmen zu lassen.
Derart behütetet, können sie sich vollkommen der Nahrungssuche widmen: Die Tiere suchen in einem größeren Umkreis und längere Zeit nach Beute, verlieren kaum deren Spur, wagen sich weiter auf offene Flächen vor und richten ihren Kopf seltener gen Himmel, als in Zeiten in denen niemand oder ein Trauerdrongo aufpasst. Wie Holléns Team feststellen durfte, zahlt sich diese Selbstinitiative jedenfalls aus. Verglichen mit Artgenossen, die auf fremde Hilfe angewiesen waren oder seltener Beobachter abstellten, nahmen die bewachten Tiere mehr Biomasse auf und wogen dementsprechend mehr. Eine Erkenntnis, die die Forscher der guten "Zusammenarbeit" mit den Vögeln verdanken: Sie hatten ihre Schützlinge so weit abgerichtet, dass diese auf Kommando herbeiflogen und sich selbstständig auf kleine Waagen stellten.

Am Ende profitieren jedenfalls alle von der internen Zusammenarbeit, meinen die Biologen – nicht nur was die Ernährungssituation anbelangt. Sie steigert die Lebenserwartung und senkt die Zahl der Verluste – und hilft letztendlich die Familie zu vergrößern. Mehr Verwandtschaft bedeutet wiederum mehr Beobachter und vor allem mehr Hilfe, wenn die Gruppe von Feinden oder Konkurrenten attackiert wird. Und auf die Hilfe falscher Freunde wie der Trauerdrongos können die Drosslinge dann auch pfeifen.

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  • Quellen
Hollén, L. et al.: Cooperative Sentinel Calling? Foragers Gain Increased Biomass Intake. In: Current Biology 10.1016/j.cub.2008.02.078, 2008.

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