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China: Prähistorische Steinwerkzeuge älter als erlaubt

Auch im Fernen Osten haben Forscher Steinwerkzeuge gefunden, die eigentlich nur ein innovativer Homo sapiens hätte herstellen können. Sie sind allerdings so alt, dass es sie dort gar nicht geben dürfte: Irgendetwas ist falsch.
Feines Werkzeug

Aus Europa und Afrika kennen Archäologen die so genannte Levallois-Technik, mit der unsere prähistorischen Vorfahren das Beste aus Steinwerkzeugen herausgeholt haben. Ihr technischer Fortschritt begann, als sie nicht mehr wie althergebracht an einem Steinbrocken herumschlugen, bis dieser eine gewünschte Form annahm und etwa zum brauchbaren Faustkeil wurde. Stattdessen lernten die Altsteinzeit-Ingenieure, Schläge gezielt so zu setzen, dass nicht der Ambossbrocken zum Werkzeug wurde, sondern das an ihm abgeschlagene Material. So entstanden schließlich deutlich überlegene, schmale und klingenartige Abschläge. Nach lange gängiger Lehrmeinung starteten vielleicht der Neandertaler in Europa, sicher aber die Homo sapiens in Afrika diesen Innovationsprozess unabhängig voneinander vor rund 200 000 bis 300 000 Jahren – und Letztere brachten die Kulturtechnik dann in den Rest der Welt. Neue Studien und archäologische Funde kratzen jetzt allerdings heftig an dieser wohl allzu simplen Hypothese.

Schon Anfang 2018 meldeten Archäologen Zweifel daran an: Sie hatten eindeutig nach Levallois-Art hergestellte Steinwerkzeuge in Indien gefunden, die genauso alt waren wie die typischen Werkzeuge in Europa und Asien. Allerdings nehmen Forscher bisher auch an, dass Homo sapiens zu dieser Zeit noch gar nicht bis nach Südasien gewandert waren – wer hatte dann also die Werkzeuge hergstellt?

Eben diese Frage stellen sich im Fachblatt »Nature« nun auch Bo Li von der University of Wollongong in Australien und seine Kollegen nach Ausgrabungen in der Guanyindong-Höhle im Süden Chinas: Hier stellten sie unter Tausenden von Abschlägen mindestens 45 Levallois-Werkzeuge sicher, die nach ihrer Analyse 160 000 und 170 000 Jahre alt sind. Der H. sapiens soll dabei erst vergleichsweise kürzlich vor 40 000 Jahren in der Region angekommen sein.

Dieses zeitliche Szenario der Migration ist umstritten, leider fehlen aber eindeutige Belege, Skelette des typischen modernen Menschen aus älterer Zeit sind in China nicht gefunden worden. Demnach könnte gut stimmen, was auch die Forscher in Indien zuletzt angenommen haben: Die innovative Levallois-Abschlagtechnik ist von vielen Menschenarten weltweit unabhängig voneinander immer wieder erfunden worden und kein Alleinstellungsmerkmal des jungen, dann global erfolgreichen Homo sapiens. Oder vielleicht doch – dann aber müsste er es deutlich früher auch nach Süd- und Ostasien geschafft haben, ohne hier dann Fossilien neben den kulturellen Spuren hinterlassen zu haben. Li und Co halten das durchaus für möglich – und auch andere Indizien verlagern den vermuteten Zeitpunkt der Auswanderung von modernen Menschen aus Afrika immer weiter in die Vergangenheit.

Geklärt wird das Rätsel vielleicht erst, wenn in Zukunft doch noch sehr alte Knochen moderner Menschen in Asien aufgespürt werden – am besten solche, aus denen man mit neuen Techniken analysierbares genetisches Material für eine genaue Verwandtschaftsanalyse gewinnen könnte. Bis dahin ist die Hypothese plausibel, dass ältere Verwandte des afrikanischen Sapiens-Modells auch technologisch ebenbürtig gewesen sein könnten. In Frage kommen in China hier auch die mysteriösen Denisova-Menschen, die man allerdings bislang nur in Form weniger Fossilien einer Höhle und als genetisch fassbare Geisterpopulation kennt.

47/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 47/2018

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