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Riesenkalmare: Das Liebesleben des legendären »Kraken«

Ein Vaterschaftstest mit überraschendem Ausgang wirft Fragen über die Fortpflanzung der Riesenkalmare auf. Womöglich ist das Vorbild der mythischen Meeresmonster lebenslang treu.
Videoaufnahme der Arme eines Riesenkalmars, der sich gerade den Köder von der Leine der Kamerafalle schnappt. Das Tier ist ungefähr acht Meter lang.

Ein Fischer aus Kyoto machte im Februar 2020 einen besonderen Fang. In seinem Stellnetz fand er einen über 100 Kilo schweren Riesenkalmar (Architeuthis dux) – das Vorbild des sagenumwobenen Kraken in Mythen und Popkultur. In den Legenden ist er ein fremdartiges Meeresmonster mit glitschigen Tentakeln, das ganze Schiffe in den Abgrund zieht. Tatsächlich aber ist er ein Mysterium. Das frisch gefangene Exemplar wirft nun ein wenig Licht auf eines der größten Rätsel: wie die Meeresgiganten Sex haben.

Der Fischer meldete den spektakulären Fang in seinem Stellnetz den Behörden, und für die Wissenschaft erwies sich der Kalmar als Glücksfall. Ein japanisches Wissenschaftlerteam um Riho Murai und Noritaka Hirohashi von der Universität Shimane stellte fest, dass es sich um ein Weibchen handelte – das Tier hatte anscheinend zuvor eine intime Begegnung. Über seinen Körper verteilt fanden die Fachleute 66 Samenpakete, die sich tief in die Muskulatur gebohrt hatten.

Informationen über diese Tiere, insbesondere ihr Liebesleben, sind außerordentlich rar. Der Riesenkalmar lebt in den Tiefen unserer Ozeane, darum bekommen Forscher meist nur gefangene oder gestrandete Exemplare zu sehen, sterbend oder sogar schon verwesend. Kurze Filmsequenzen des Mollusken-Molochs in seinem natürlichen Lebensraum sind seltene Glücksfälle. Immerhin weiß man, dass die Geschichten vom Kraken weit übertrieben sind.

Mythos und Wirklichkeit

Im echten Leben dürfte Architeuthis nur selten über 18 Meter Körperlänge erreichen, meint der neuseeländische Riesenkalmar-Experte Steve O'Shea. Die meisten werden nicht größer als 13 Meter. Davon entfallen bis zu zweieinhalb Meter auf den Mantel – den hülsenförmigen Vorderteil, an dem Flossen und Augen sitzen – und der Rest auf die Tentakel. Und während ein Krake acht Arme hat, besitzt der Riesenkalmar derer zehn.

Zwei der zehn Arme sind zu langen Fangarmen ausgebildet, an deren keulenartig verbreiterten Enden große Saugnäpfe mit chitinhaltigen Widerhaken sitzen. Gemeinsam mit dem Koloss-Kalmar Mesonychoteuthis hamiltoni ist der Riesenkalmar das größte Weichtier der Erde. Das vor Japan gefangene Exemplar war mit einer Mantellänge von 1,60 Metern und 116 Kilogramm Gewicht noch nicht ganz ausgewachsen. Seine Eierstöcke mit gut entwickelten Eiern deuten aber darauf hin, dass die Kalmardame vermutlich schon geschlechtsreif war.

Wie die Paarung bei diesen Giganten abläuft, ist nur zum Teil bekannt. Doch wie die 66 in den Körper gebohrten Spermapakete zeigen, pflanzen sie sich ganz anders fort als ihre kleineren Verwandten. Vor allem weniger sanft. Bei den meisten Kopffüßer-Arten platzieren die Männchen ihre Spermapakete, die Spermatophoren, gezielt mit einem spezialisierten Arm am Weibchen oder direkt in ihrem Mantel. Die künftige Mutter bewahrt die Liebesgabe oft in einer speziellen Samentasche für später auf. Wie genau das Sperma danach die Eier erreicht, ist noch nicht geklärt.

Sex aus sicherer Entfernung

Architeuthis-Männchen allerdings sind distanzierter als ihre kleineren Verwandten: Sie schießen ihre zehn Zentimeter großen Spermapakete offenbar mit Wucht und wenig gezielt ab. Biologen haben die spitzen Spermatophoren an den Armen und Flossen, Mantel und Kopf und sogar an den Augen von geschlechtsreifen Weibchen gefunden, aber auch an noch jungen Weibchen und selbst an Männchen.

Angelandeter Riesenkalmar | Ein nur etwas über zwei Meter langer Architeuthis ging Fischern 2016 vor Portugal ins Netz.

Dass das Sperma in solchen Paketen überreicht beziehungsweise abgefeuert wird, eröffnet Fachleuten eine zusätzliche Informationsquelle über das Liebesleben der Mega-Mollusken: Vaterschaftstests. Um herauszufinden, wie viele Herren die 66 Samenpakete in den verschiedenen Körperzonen ihrer Angebeteten deponierten, fahndeten die japanischen Biologen zunächst nach genetischen Markern, mit denen sich einzelne Individuen der Riesenkalmare unterscheiden lassen.

Das ist in Japan noch am einfachsten, denn dort gibt es die meisten Gewebeproben solcher Tiere. An den langen Küsten der Inselgruppe werden ungewöhnlich viele Riesenkalmare angespült oder enden in Fischernetzen. Offenbar mögen sie das japanische Meeresbecken mit seinen auch im Winter warmen Strömungen besonders gern. Deswegen konnte das Team immerhin 42 Architheuthis-Exemplare aus japanischen Sammlungen untersuchen und identifizierte dabei vier aussagekräftige Mikrosatelliten-DNA-Sequenzen, die man als SSRs bezeichnet – »simple sequence repeats«.

Partnersuche in der Tiefsee

Gespannt machten sich die Fachleute um Murai und Hirohashi mit ihrem neu entwickelten genetischen Instrumentarium an die Vaterschaftsanalyse. Das Ergebnis kam völlig unerwartet: Alle 66 Spermapäckchen ihres Forschungsobjekts stammten von einem einzigen Männchen. Damit hatten die Fachleute nicht gerechnet, denn eigentlich legt der Lebensraum des Riesenkalmars eine andere Fortpflanzungsstrategie nahe.

Mit der dunkelroten Tarnfärbung und den riesigen, lichtempfindlichen Augen ist Architeuthis perfekt an die dunklen Meerestiefen von 400 bis 1000 Metern angepasst. Beobachtungen mit unbemannten Tauchrobotern zeigen, dass Tiefsee-Tintenfische offenbar andere Vermehrungszyklen haben als ihre Verwandten aus den oberen Meeresbereichen. Langlebigkeit, ein langsamer Stoffwechsel und vor allem seltene Fortpflanzung sind auch bei weiteren Tiergruppen ganz typisch für die nahrungsarme und kühle Tiefsee.

Das heißt insbesondere auch: Jede Gelegenheit muss genutzt werden. Zum Beispiel paart sich der legendäre Tiefsee-Vampir Vampyroteuthis bis zu 38-mal, legt dabei aber immer nur wenige Eier ab, schließt Tintenfischexperte Henk-Jan Hoving von GEOMAR aus einer Analyse von 47 großen Vampirweibchen aus der Sammlung des Santa Barbara Museum of Natural History in Los Angeles. Hoving denkt, dass diese Tintenfische mit dem extravaganten roten Mäntelchen mindestens drei bis acht Jahre alt werden.

Sind Riesenkalmare monogam?

Die japanischen Biologen vermuten, dass auch Architeuthis sich nur selten zur Fortpflanzung trifft: Darum müssten Weibchen jede der wenigen Chancen zur Begattung ergreifen, am besten sogar mit mehreren Partnern. Dafür spricht ebenfalls, dass viele Kopffüßer noch einen anderen Teil des Fortpflanzungszyklus in Gruppen absolvieren. So hatte ein Wissenschaftlerteam um Anne M. Hartwell von der Akron University in Ohio im Pazifik in 3000 Meter Tiefe etwa 1000 Tiefseekrakenmütter gefilmt, die dort gemeinsam brüteten.

Möglicherweise allerdings, legt jetzt das überraschende Ergebnis aus Japan nahe, ist dieses Bild irreführend. Denn in der Tiefsee gibt es eine weitere Paarungsstrategie, die den Anforderungen des Lebensraumes gerecht wird: lebenslange Treue. Perfektioniert hat das der Tiefsee-Anglerfisch. Das Weibchen fängt als junger Fisch ein oder mehrere winzige Männchen ein, die mit ihr verschmelzen und nur noch auf die Funktion als Samenspender begrenzt sind.

So weit gehen Riesenkalmare nicht – aber vielleicht sind die 66 Samenpakete von lediglich einem Männchen ein Indiz dafür, dass sich auch die Kopffüßer auf Lebenszeit paaren. Das allerdings ist bisher nur eine Hypothese von mehreren. Alternativ könnte der im Fischnetz gestorbene Tiefseekalmar vielleicht noch nicht lange erwachsen gewesen sein und hatte sich deswegen erst ein einziges Mal gepaart.

Postkoitaler Snack

Eine andere mögliche Erklärung wäre, dass nach der Kopulation ein spezieller Mechanismus weitere Paarungen verhindert, wie es bei vielen Tiergruppen üblich ist. Ein Hinweis darauf könnten die tiefen Bisswunden des untersuchten Kalmars sein, die vom Schnabel eines anderen Architeuthis dux stammen könnten. Hatte das Männchen das Weibchen etwa absichtlich verletzt, um es für weitere Paarungen zu schwach zu machen? Damit hätte er sich die alleinige Vaterschaft für alle Nachkommen gesichert.

Die Verteilung der Samenpakte am ganzen Körper zeigt, dass das Männchen sein gut verpacktes Erbgut offenbar wenig gezielt, vermutlich aus größerer Distanz, auf das Weibchen abgefeuert hat. Möglicherweise musste es seinerseits fürchten, als postkoitaler Snack des Weibchens zu enden. Fälle von Kannibalismus bei Riesenkalmaren sind dokumentiert – vielleicht geschieht das auch bei der Paarung. Das, betonen die japanischen Forscher, sei bislang aber reine Spekulation.

Hirohashi beschäftigt sich schon lange intensiv mit der Fortpflanzung von Tintenfischen und den beiden möglichen Fortpflanzungsstrategien der Tiefseekalmare. Ob Riesenkalmare nun monogam sind oder zur Vielmännerei neigen und was genau vor und nach der Kopulation geschieht, lasse sich an diesem einzelnen Exemplar nicht klären, erklärt er. Der logische nächste Schritt: noch mehr Vaterschaftstests. Die Fachleute wollen nun Spermatophoren anderer Architeuthis-Exemplare untersuchen. Hirohashi hält engen Kontakt zu Aquarien, Forschungsinstituten und Fischern – damit auch der nächste Riesenkalmar frisch auf seinem Seziertisch landet.

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