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Verhalten: Selbstlos in Teilzeit

Selbstloses Verhalten im Familienverband, um die eigenen Gene über Umwege zu fördern, ist ein inzwischen landauf, landab nachgewiesenes Phänomen. Warum aber opfert sich ein Individuum für andere auf, mit denen es keine Blutsbande verbindet?
Seitenfleckleguan
Lange Zeit galten Altruismus und Kooperation im Tierreich als rätselhaft: Welchen Sinn sollte es haben, den eigenen Fortpflanzungserfolg, mithin das Maß aller Dinge aus biologischer Sicht, zu Gunsten anderer hinten an zu stellen und deren Nachwuchs zu unterstützen? Welche Belohnung könnte dazu verführen, sich mit einem Gouvernantenposten zufrieden zu geben? Kümmerte man sich nur um sich selbst und die eigenen Sprösslinge, fiele die Erfolgsquote doch bedeutend höher aus. Ganz abgesehen vom Problem der Schmarotzer, die sich schnell einfinden, sobald ein anderer bereit ist, mehr als üblich zu investieren. Wie sich davor schützen?

Die Lösung bei den bislang bekannten Fällen lag darin, dass nicht einfach irgendjemand in den Genuss der aufopferungsvollen Initiative gerät, sondern Verwandte. Die Belohnung für den Altruisten bestand dementsprechend darin, dass er damit zwar nicht direkt seine eigenen Gene, wohl aber die Gene seiner Sippschaft fördert. Und wie zahlreiche Experimente zeigen, reguliert sich die Ausbeuterfrage von selbst: Wechselten alle Beteiligten zu egostischer Denke, zerstörte dies bald die gesamte Gemeinschaft zum Schaden aller – insofern treten Schmarotzer zwar immer wieder auf, doch entwickelten sich verschiedenste Mittel und Weg, sie in Schach zu halten.

Ist Altruismus also eine Familienangelegenheit? Danach sah es aus – bis Barry Sinervo von der Universität von Kalifornien in Santa Cruz und seine Kollegen auf ein Beispiel stießen, das irgendwie nicht ins Schema passte: die Seitenfleckleguane (Uta stansburiana). Hier nämlich, so stellten die Forscher vor drei Jahren fest, verhalten sich Männchen kooperativ, die überhaupt nicht miteinander verwandt sind. Der Clou an der Sache jedoch ist, dass die zusammenarbeitenden Tiere, die gemeinsam ihr Revier gegen Artgenossen verteidigen, genetisch sehr ähnlich sind. Und diesen Aspekt nahmen die Forscher nun noch etwas genauer unter die Lupe.

Seitenfleckleguane | Die drei Akteure im Schere-Stein-Papier-Machtspielchen: Orange (links) erobert mit Vorliebe aggressivst Nachbarterritorien – und ist kaum zu stoppen. Ihm daher unterlegen sind die blaukehligen Vertreter (Mitte), die bekannt dafür sind, sich intensiv um ihre Weibchen zu kümmern und daher selten der Schlitzbubenstrategie der Gelben (rechts) zum Opfer fallen. Diese nutzen lieber die Herumtreiberei der orangen Artgenossen, um sich hinter deren Rücken die einsamen, zu Hause gebliebenen Weibchen zu schnappen. So ist jeder mal über-, mal unterlegen.
Kooperationen treten hier nur bei den blaukehligen Farbvarianten auf, die sich in ihrem Verhalten vor allem dadurch auszeichnen, dass sie sich intensiv um ihre Weibchen kümmern. Sie müssen sich gegen orangekehlige Nachbarn zur Wehr setzen, die ständig aggressiv und meist erfolgreich ihr Revier auszudehnen versuchen. Schaden erleiden diese Usurpatoren nur durch gelbkehlige Artgenossen, die kein eigenes Revier besitzen, sondern sich hinter dem Rücken der Männchen auf Eroberungsfeldzug deren Weibchen begatten. Bezüglich Fortpflanzungserfolg ist in diesem Dreiersystem damit jeder Beteiligte einem anderen über- und dem Letzten unterlegen, wie bei dem Kinderspiel Schere-Stein-Papier: Für eine gewisse Zeit behält einer die Oberhand, dann ist wieder ein anderer dran.

Die verschiedenen Kehlfarben werden dabei von einem Gen kontrolliert. Und als die Forscher sich das Erbgut von Vätern und ihren Sprösslingen sowie den gesamten Fortpflanzungserfolg ansahen, kamen sie des Rätsels Lösung auf die Spur: Die Selbstlosigkeit findet nur in Teilzeit statt. In Phasen, in denen die Bedrängung durch orangekehlige Nachbarn besonders groß ist, stellt ein beteiligtes Männchen die eigenen Interessen völlig zurück und wirkt als Puffer gegen die machthungrigen Möchtegern-Invasoren. Sein Bündnispartner kann sich so ganz der Nachwuchsförderung widmen.

Auf lange Sicht aber gleicht das Verhältnis eher Mutualismus – also einer Beziehung zu gegenseitigem Nutzen. Denn bezüglich der Sprösslingszahlen schneiden in jenen Zeiten, in denen die orange gefärbten Artgenossen seltener sind, beide Partner gut ab. Vor allem zeugen sie mehr Nachkommen als blaue Gesinnungsgenossen, die lieber als Einzelgänger durchs Leben gehen (das jeweilige Verhaltensmuster wird vererbt): Deren Bilanz sieht zwar besser aus als die der Teilzeit-Altruisten, jedoch deutlich schlechter als die der Nutznießer in schweren Zeiten. Und im Langzeit-Vergleich werden sie ebenfalls von den kooperierenden Partnern überflügelt.

Hier zeigte sich nun die genetische Basis des Lebensstils: Wäre allein das Erkennen der blauen Kehlfarbe ausschlaggebend für die Zusammenarbeit, sollte sich diese querbeet durch die Träger dieser Farbvariante ausbilden. Die blauen Einzelgänger jedoch offenbarten einige Unterschiede in ihren Erbanlagen – mindestens drei weitere genetische Faktoren sind demnach nötig, damit ein Tier kooperationswillig ist, ermittelten die Wissenschaftler.

Der Langzeitnutzen sei es, der die Selbstlosigkeit, die sonst eher als Auslaufmodell enden könnte, am Leben erhält, schließen Sinervo und seine Kollegen. Schließlich bliebe den Partnern ja die Option, in ungünstigen Zeiten wieder eigene Wege zu gehen – die Tiere leben selten länger als eine Fortpflanzungs-Saison, was kümmerte sie da die Folgen der nächsten Jahre? Doch vor diese Wahl gestellt, erwies sich keiner der Leguane im Experiment als Schlappschwanz: Einmal in eine Partnerschaft eingetreten, standen sie auch dazu.

Woran allerdings die Blaukehler potenzielle Kooperationspartner erkennen, bleibt noch unklar. Die daran gekoppelten Gene beeinflussen womöglich weitere Verhaltensweisen, wie den Rhythmus des Kopfnickens, oder aber Körpermerkmale wie den Geruch. Nur eins scheint sicher: die Zusammenarbeit im richtigen Leben basiert offenbar auf einer Art Kooperation auf Genebene.

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