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News: Tödliche Spätfolgen des Klonens?

Wenige wissenschaftliche Techniken haben die Öffentlichkeit so sehr beschäftigt wie das künstliche Klonen von Tieren oder gar Menschen. Doch während in populärwissenschaftlichen Medienberichten bereits eine Zukunft mit Medikamenten aus der Milchtüte und chemieresistenten Arbeitern gezeichnet wird, rätseln Forscher in ihren Labors gegenwärtig noch, wieso die Erfolgsrate der Methode so gering ist. Ein französisches Team überwachte peinlich genau ein Kalb, das aus einer ausgereiften Zelle geklont wurde, von der Geburt bis zum plötzlichen Tod nach sieben Wochen. Bei der Obduktion zeigte sich, daß Thymusdrüse, Milz und Lymphknoten des Tieres sich nicht richtig entwickelt hatten. Nach Meinung der Wissenschaftler könnte es sich dabei um eine Spätfolge des Klonvorgangs handeln.
Beim Klonen von Säugetieren übertragen Wissenschaftler einen Zellkern in eine zuvor entkernte Eizelle. Stammt dieser Kern aus einer embryotischen Zelle, so entwickeln sich in der Regel lebende, normale Nachkommen. Die Technik wurde nach und nach erweitert. Zunächst nutzten die Forscher im Labor kultivierte embryonale Zellen als Kernspender und schließlich ausdifferenzierte fötale Körperzellen, die bereits eine Phase der Spezialisierung durchlaufen hatten, in welcher einige Gene an- und andere abgeschaltet werden. Mit der Geburt des Schafes "Dolly" erblickte zum ersten Mal ein Säugetier das Licht der Welt, dessen erster übertragener Zellkern aus der Körperzelle eines erwachsenen Tieres stammte. Inzwischen ist dieser Schritt auch bei Mäusen und Rindern gelungen.

Die Häufigkeiten von späten Aborten und Todesfällen kurz nach der Geburt sind beim Klonen mit 40 bis 74 Prozent jedoch recht hoch, besonders wenn die Zellkerne aus Körperzellen stammen. Den Grund dafür kennen die Wissenschaftler noch nicht. Sie vermuten, daß entweder die genetische Neuprogrammierung der bereits ausdifferenzierten Zellen nicht richtig verläuft oder das Klon-Verfahren selbst sich irgendwie schädlich auswirkt.

In The Lancet vom 1. Mai 1999 berichten französische Wissenschaftler um Jean-Paul Renard vom Institut National de la Recherche Agronomique von der Entwicklung und dem plötzlichen Tod eines Klon-Kalbes. Der Zellkernspender des Tieres war ein 15 Tage altes Kalb, das selbst geklont worden war. Damals hatten die Forscher eine Embryozelle mit einer entkernten Eizelle verschmolzen. Aus dem Ohr dieses Rindes entnahmen sie diesmal ausdifferenzierte Zellen, die sie – wie es auch bei dem Schaf "Dolly" geschehen war – zunächst in einem nährstoffarmen Medium für einige Tage "hungern" ließen. Anschließend transferierten die Forscher 175 Zellkerne in kernlose Eizellen. In sechs Fällen entwickelte sich der Zellhaufen weiter, fünf Ersatzmütter wurden mit den Embryonen versehen, und in einem Fall kam es tatsächlich zur Schwangerschaft. Schließlich holten die Wissenschaftler das Kalb durch Kaiserschnitt auf die Welt. Mit einem genetischen Test stellten sie fest, daß es tatsächlich ein Abkömmling des Zellkernspenders war.

Eine unmittelbar nach der Geburt vorgenommene Untersuchung wies eine vergrößerte rechte Herzkammer bei dem Kalb nach. Dank entsprechender Medikamente war das Problem jedoch innerhalb einer Woche behoben. Für den Rest seines ersten Lebensmonats entwickelte sich das Tier normal. Vom vierzigsten Tag an sank dann die Hämoglobin-Konzentration im Blut plötzlich ab. Auch die zusätzliche Zufuhr von Eisen konnte den Prozeß nicht aufhalten. Am 51. Tag starb das Kalb an schwerer Anämie.

Die Obduktion erbrachte keine Hinweise auf eine Infektion, organische Fehlfunktion oder Fehlentwicklung. Lediglich der Thymus war mangelhaft ausgebildet. Anhand histologischer Untersuchungen stellten die Forscher fest, daß das Lymphsystem des Kalbes sich nicht richtig entwickelt hatte. Anscheinend waren der Thymus, die Milz sowie die Lymphknoten seit der Geburt zurückgeblieben.

Noch kennen die Forscher nicht den Grund für diese Anomalien. Eine Viruserkrankung war auch mit modernen genetischen Methoden nicht nachzuweisen. Und da das Kern-spendende Tier selbst geklont und ebenso gesund ist wie seine beiden Geschwister, erscheint unwahrscheinlich, daß der tödliche Fehler im Erbmaterial liegt. Die Wissenschaftler nehmen daher an, die Prozedur des Klonens wirke sich möglicherweise schädlich auf die Entwicklung aus. Zwar lassen sich aus einem einzelnen beschriebenen Fall keine verallgemeinerbaren Rückschlüsse ziehen, doch sollten gerade im Hinblick auf eine Diskussion eventueller Klonvorhaben am Menschen die potentiellen Risiken berücksichtigt werden, mahnen Jean-Paul Renard und seine Kollegen.

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