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News: Über das Liebesleben der alten Römer

Mit der 'Prostitution in der römischen Antike' beschäftigt sich sich die Dissertation einer Wissenschaftlerin der Universität Tübingen. Soziale, ethische, ökonomische, rechtliche und religiöse Aspekte der käuflichen Liebe wurden in dieser Arbeit neu untersucht und neu bewertet.
Die Altphilologin und Historikerin Bettina Eva Stumpp von der Universität Tübingen hat in ihrer Studie – die auch als Buch veröffentlicht wurde – soziale, ethische, ökonomische, rechtliche und religiöse Aspekte der Prostitution im Imperium Romanum erfaßt und kommt zu dem Schluß, daß Prostitution ein Kernbereich antiken Sexuallebens war, der einen fest verankerten Platz neben dem ehelichen Leben hatte.

Huren wurden damals nicht als moralisch disqualifiziert angesehen, wie in der Gegenwart noch immer üblich: Das Geschäft mit sexuellen Dienstleistungen war schließlich in den Jahrhunderten legal, in denen Rom die Geschicke des Abendlandes lenkte. Hurjungen und Strassenmädchen waren keine Geächteten, sondern gehörten zur ärmeren Bevölkerung, die von der gesellschaftlichen Elite generell mit Verachtung gestraft wurde. Allen verhaßt waren eigentlich nur die Zuhälter und Zuhälterinnen, wie uns – freilich etwas überzogen – die Komödie berichtet: "Das Kupplervolk ist unter den Menschen, wie mir dünkt, nichts anderes als was die Fliegen, Bremsen, Flöh und Läuse sind: Nur da zur Last, zur Qual, zum Ekel, gut zu nichts".

Allein die Menge an Wörtern, die man im Lateinischen für "Prostituierte" kannte – und an die sich kein Vokalbeln büffelnder Lateinschüler erinnern dürfte, weil sie sorgsam aus dem vorgeschriebenen Grundwortschatz verbannt sind – zeugt vom Variantenreichtum der sexuellen Angebote. Nur wenige dieser Begriffe fanden Eingang in die romanischen Sprachen wie zum Beispiel das lateinische Wort lupa, was Wölfin, Hure bedeutet, im Spanischen loba wiederkehrt, nicht zu vergessen freilich die prostituta, was dem heutigen offiziellen und neutralen Begriff für Prostituierte zugrundeliegt.

Ohne die im römischen Reich verbreitete Sklaverei wäre ein so ausgedehnter Prostitutionsmarkt – wie er sich in den Städten des Reiches auf Schritt und Tritt verfolgen läßt – unmöglich gewesen. Frauen, Mädchen und Jungen wurden nicht nur verschleppt oder geraubt und landeten so in der erzwungenen Prostitution, manchmal verkauften sie sich aus Hunger und Verzweiflung auch selbst. Sklaven und Sklavinnen mußten ihren Besitzern lange Zeit sexuell zu Willen sein, ob nun im privaten oder im öffentlichen Bereich. So äußert sich ein Sklave im antiken Roman Satyrikon: "14 Jahre habe ich seinem Vergnügen gedient. Und was der Herr befiehlt, ist keine Schande. Ich verschaffte auch meiner Herrin Befriedigung".

Vor dem römischen Recht waren Prostituierte lange Zeit schutzlos, und man braucht wenig Phantasie, sich das Leben vieler als elendes Vegetieren in stickigen Kammern vorzustellen. Erst die Kaiser des zweiten Jahrhunderts nach Christi traten den schlimmsten Auswüchsen, wie zum Beispiel Gewaltanwendung, mit gesetzlichen Maßnahmen entgegen. An eine Abschaffung der Prostitution oder gar der Sklaverei dachten sie jedoch ebensowenig wie ihre christlichen Nachfolger auf dem Thron.

Im Gegenteil, zu Jubiläen und Gedenktagen streuten die Herrscher nebst anderen "milden Gaben" münzähnliche Eintrittsmarken für Bordellbesuche unters Volk, die mit Beischlafszenen geschmückt waren, und schließlich profitierte der kaiserliche Fiskus in erheblichem Maße von den Steuern, die die Prostituierten erwirtschafteten. Aus der Hauptstadt Rom ebenso wie aus den entlegensten Gebieten des Riesenreiches, von der Krimhalbinsel bis zur Karawanenstadt Palmyra in der syrischen Wüste und aus der ägyptischen Provinz bis zum Roten Meer stammen die Belege, die davon zeugen, wie genau man es mit der Einziehung der "Hurensteuer" nahm, für die es mancherorts extra "Hurenzinspächter" gab. Offenbar war Kaiser Caligula im Jahre 40 nach Christi dem "Caesarenwahn" noch fern, als er diese neue Steuer ersann; denn nicht nur füllte sich das gebeutelte Staatssäckel, sondern als einzige seiner Maßnahmen überlebte diese sogar die Stürme der Völkerwanderung und blieb im Ostteil des Reiches noch bis ins 8. Jahrhundert bestehen.

Sperrbezirke oder speziell ausgewiesene Rotlichtviertel gab es entgegen der Behauptung mancher Forscher nicht. Desgleichen fehlten große Bordelle und ausgedehnte Eroscenter. Dafür konnten die Kunden, meist Händler, Handwerker, Tagelöhner, Fischer und Sklaven, in eines der zahlreichen Stundenhotels gehen, die oft an eine Kneipe oder an eine Imbißbude angeschlossen waren.

Aber es war sowieso ein Leichtes, ein Mädchen oder einen Knaben für eine "schnelle Nummer", was im Lateinischen sinngemäß mit der "Venus parabilis" zu übersetzen wäre, zu finden. Die Käuflichen posierten in den beliebten Säulenhallen, die vor der südlichen Mittagshitze schützten, lungerten im Circus herum, konnten in den Bädern gleich mit der Eintrittskarte gelöst werden oder suchten sich Freier in den Geschäftsstraßen und auf dem betriebsamen Forum Romanum, das dem Touristen so gerne nur als ehrwürdiges Ruinenfeld römischer Größe präsentiert wird.

Angesichts dieser gelassenen Haltung gegenüber der käuflichen Liebe, die weder von philosophischen Strömungen des Maßhaltens noch von der Klage eines Cicero oder Tacitus über den moralischen Verfall ernsthaft beeinträchtigt wurde, drängt sich dem Leser die Frage auf: "Trieben es die alten Römer wahrhaftig toll?" Die lapidare Antwort von Bettina Stumpp lautet: Ja – aber im Gegensatz zu unserer zunehmend exhibitionistischen und zugleich so verschämten Gesellschaft gingen sie in Wort und Bild unverhohlen und unverfroren mit der körperlichen Liebe um. Trotzdem hat die kaiserzeitliche römische Gesellschaft wenig mit dem Bild des genußsüchtigen Parasiten Rom zu tun, um welches sich der Mythos sittlicher Erosion rankt. Ihre Einstellung ist das Erbteil der griechisch-hellenistischen Denker von Sokrates bis Epikur, welches körperliche Bedürfnisse aller Art als sündlos und natürlich ansah, nach dem Motto: naturalia non turpia.

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