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Zukunft der Stadt: Urbane Wiederbelebung

Abwanderung und Sterben alter Industrien hinterlassen in Deutschlands Städten riesige Lücken und Brachflächen. Stadtplaner wollen sie gezielt wiederbeleben.
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Wie werden viele unserer Städte 2050 aussehen? Ein Blick in den Osten der Republik zeigt ihr wahrscheinliches Schicksal – Dessau zum Beispiel: Seit der Wende hat die Stadt ein Viertel ihrer Bewohner durch Abwanderung und Geburtendefizit verloren. Nicht einmal Eingemeindungen konnten den negativen Trend stoppen, der aus der ehemaligen Groß- nun eine Mittelstadt machte und Dessau zum am kräftigsten schrumpfenden urbanen Zentrum Deutschlands.

Die sachsen-anhaltinische Stadt nimmt vorweg, was vielen anderen Metropolen zukünftig blüht. "Sachsen-Anhalt ist mit der Schrumpfung heute schon so weit, wie es viele Städte und Regionen in Deutschland und Europa in einigen Jahren sein werden. Wir sind hier Vorreiter", sagt Philipp Oswalt, Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung (IBA) Stadtumbau. Vielen Regionen in Ostdeutschland, Nordhessen, dem Ruhrgebiet und Saarland, rund um Bremen oder in Nordostbayern prognostizieren Demografen eine abnehmende Bevölkerungszahl – bis zu zehn Prozent und mehr können sie schon bis zum Jahr 2025 verlieren. Vor allem ihre jungen Bewohner wandern in prosperierende Ballungsräume ab, wo es Arbeitsplätze, Kultur- und Bildungsangebote oder schlicht noch Chancen gibt, sich zu verwirklichen. In ihrer Heimat verschärft der Exodus der 20- bis 40-Jährigen das Geburtendefizit weiter: ein Teufelskreis.

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Leerstand | Viele Städte Ostdeutschlands haben mit Abwanderung zu kämpfen. Viel Wohnraum steht deshalb mittlerweile leer und wird im Rahmen des Stadtumbaus Ost abgerissen, um Platz für Grünanlagen zu schaffen.
Stadtplaner stellt das vor große Schwierigkeiten: Die Infrastruktur wurde nach und nach auf immer mehr Menschen ausgelegt, Wasserversorgung, Abwasserkanäle, Straßen oder Stromtrassen sind auf Wachstum gepolt. Fallen nun plötzlich ganze Viertel weg, bekommen die Betreiber technische und monetäre Schwierigkeiten: Zu wenig Wasser spült die Kanalisation durch, in der sich nun plötzlich Fäkalien und Unrat sammeln. Das Straßennetz zerfällt, weil die überdimensionierten Verkehrswege nicht mehr finanziert werden können – weniger Einwohner bedeutet schließlich auch sinkende Einnahmen für die Kämmerer. "Der ökonomische Druck nimmt zu, wenn man die Siedlungsstrukturen in diesem Ausmaß erhalten will", folgert Georg Schiller vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR). Die Entscheidungsträger stehen also vor der Wahl, den Verfall zuzulassen, was ihre Gemeinden noch unattraktiver macht. Oder sie versuchen, das Ruder konsequent durch Rückbau herumzuwerfen.

"Weniger Stadt, mehr Grün"

Einige ostdeutsche Städte wie Magdeburg, Dessau oder Halle haben sich für diesen nur auf den ersten Blick radikaleren Weg entschieden: Halle an der Saale reißt leer stehende Plattenbausiedlungen am Stadtrand ab, Magdeburg begrünt Industriebrachen unter dem Slogan "Weniger Stadt, mehr Grün", und für die Großwohnsiedlung Halle-Silberhöhe wurde sogar das Leitbild der "Waldstadt" formuliert, in der große Aufforstungsflächen der Natur zurückgegeben werden sollen. In Dessau stimmten die Bürger in einer Befragung selbst dafür, das "Gartenreich" in die Stadt zu holen – als Fortsetzung des UNESCO-Weltkulturerbes Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Insgesamt knapp 100 Hektar sollen dadurch zu offener Landschaft werden, zwei Drittel davon sind schon realisiert – ein Grünzug, der am Ort der früheren Plattenbausiedlungen mitten ins Zentrum hineinführt.

Etwa 220 000 nicht mehr benötigte Wohnungen wurden allein schon bis 2007 in Ostdeutschland abgerissen, wie eine Studie von Stefanie Rößler am IÖR aufgelistet hat. Etwa 85 Prozent aller Rückbauflächen wurden anschließend nicht wieder baulich genutzt, sondern als Freigelände belassen. Mehr Grün in der Stadt sei allerdings schnell eine Gratwanderung, meint die Wissenschaftlerin: "Auf der einen Seite können die Freiräume den Stadtraum bereichern. Voraussetzung sind jedoch schlüssige Freiraumkonzepte und der Mut und Wille zur dauerhaften Sicherung dieser Freiräume. Fehlt dies oder nehmen die Freiräume überhand, entsteht schnell der Eindruck von Entdichtung und Niedergang." Wo der Übergang jedoch gelingt, profitieren Städte und Bürger: In Magdeburg zum Beispiel erfreuen sich die Menschen nun an einem neuen öffentlich Platz am Elbufer, wo zuvor ein Bahnhof verrottete. Es entstehen sogar neue attraktive Wohnanlagen, wissenschaftliche Einrichtungen siedeln sich am Fluss an. In Leipzig dürfen die Bewohner die Freiflächen neu nutzen, wie Rößler festgestellt hat: als Mieter- und Anwohnergärten.

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Am Rand Leipzigs | Im Gründerzeitgebiet von Leipzig kam es in den letzten Jahren zu einer Entdichtung der Bebauung: Statt Häusern entstanden Grünanlagen und Bürgergärten. Bisweilen machte sich aber auch Wildwuchs breit.
Viele Städte im Westen Deutschlands, aber auch in Großbritannien, den USA oder Frankreich kämpfen dagegen mit einem Problem, das nur auf den ersten Blick Parallelen zu den schrumpfenden Gemeinden Ostdeutschlands zu tun hat: Der Umbruch von der Industriegesellschaft hin zu einer von Dienstleistungen geprägten und die Abwanderung von Fabriken ins Um- oder gar Ausland hat mitten in ihren Zentren Industriebrachen entstehen lassen, während ihre prosperierenden Randgebiete sich weiter ins offene Land hinausfressen. Im Rahmen der Stadterneuerung soll die Mitte deshalb als soziales, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum wieder attraktiv werden und nicht weiter veröden.

Wohnen, wo man arbeitet

Auf Grund ihrer exponierten Lage inmitten des städtischen Kerngebiets kommt für diese Brachen nur selten die reine Umwandlung in einen Landschaftspark in Frage, wie dies beispielsweise für Teile des Emscher Landschaftsparks im Ruhrgebiet gilt: Er verknüpft alte Industriedenkmäler aus der Zeit der Montanindustrie mit Grünzügen, die sich entlang der Emscher von Duisburg bis Dortmund erstrecken. Die meisten anderen Städte – darunter illustre Weltmetropolen wie London, Melbourne oder Hamburg, aber auch kleinere Orte wie Heidelberg und Erlangen – setzen dagegen auf die Gründung völlig neuer Stadtteile, in der Wohnen und Arbeiten nicht mehr getrennt sind, so wie dies in den 1960er und 1970er Jahren mit dem Bau der Trabantenstädte am Stadtrand gewollt war.

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Gasometer Oberhausen | Ähnlich wie Ostdeutschland hat auch das Ruhrgebiet gegen industriellen Niedergang und Abwanderung zu kämpfen. Um die Region aufzuwerten, entwickelte man das Konzept des Emscher Landschaftsparks, in dem Grünflächen und alte Industriedenkmäler miteinander verknüpft werden.
Heidelbergs "Bahnstadt" ist für diese Synthese eines der jüngsten Beispiele aus Deutschland: Auf 116 Hektar – größer als die Altstadt – entsteht seit 2009 ein völlig neues Quartier, wo sich bis 1997 der Güterbahnhof ausgebreitet hat. Neben familiengerechtem, erschwinglichem Wohnraum in Energie sparender Passivhausbauweise liegt der Schwerpunkt auf der Stärkung des Wissenschaftsstandorts mit seiner Eliteuniversität, den Max-Planck-Instituten oder dem Deutschen Krebsforschungszentrum. Der so genannte "Campus II" soll industrielle Forschungseinrichtungen und wissenschaftsnahe Dienstleister anlocken, für die ein knappes Fünftel der Fläche reserviert wird. Großzügige Grünflächen, eine Straßenbahnlinie und ein dichtes Haltestellennetz der Stadtbuslinie ergänzen das Konzept, mit dem die Stadt sich der Zukunft stellen will.

Schon weiter ist man in Erlangen, wo seit 1997 der neue Stadtteil "Rötelheimpark" für rund 5500 Menschen auf dem Gelände einer ehemaligen US-Militäranlage heranwächst: Auch hier wollte man die Abwanderung von Familien ins Umland stoppen und zugleich eine enge Verknüpfung von Wohnen, Wissenschaft und Arbeit herstellen. In denkmalgeschützten Gebäuden der Kaserne wurden nach der Sanierung Forschungseinrichtungen der Universität, Wohnanlagen oder kleine Gewerbebetriebe untergebracht, auf dem ehemaligen Exerzierplatz entstanden Mehrfamilienhäuser nebst dazugehöriger Infrastruktur wie Spielplätze und Kindergärten, und in Randbereichen errichtete Siemens sein neues Werk für Medizintechnik. Selbst die Natur kam nicht zu kurz: 25 Hektar blieben als Teil der "Sand-Achse Frankens" als bedeutendes und artenreiches Biotop in unmittelbarer Nachbarschaft des Viertels erhalten.

Kombination von Alt und Neu

Etwa zur gleichen Zeit wie in Erlangen begann auch die konkrete Umwandlung der alten Hamburger Speicherstadt und angrenzender Industrie- und Hafenflächen zur "Hafencity". Das neue Viertel mit Hafencharakter soll an die historische Altstadt angebunden sein und mehreren tausend Menschen Wohnraum wie Arbeit bieten. Wie bei vielen ähnlich gelagerten Projekten bleiben historische Bauten erhalten: Nach der Sanierung beherbergen sie Apartments oder auch Museen. Um die Attraktivität des Gebiets zu steigern, werden zudem schützenswerte Erinnerungen an den Hafen wie Verladekräne oder Kaimauern in die Bebauung integriert. Am Ende sollen hier einmal 12 000 Menschen leben und 40 000 arbeiten – die Einwohnerzahl der Hamburger Innenstadt wird sich damit verdoppeln. Kostenpunkt: 6,5 Milliarden Euro.

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Hamburgs Speicherstadt | Ein riesiges Projekt zur Umwandlung ehemaliger Industrieflächen läuft in Hamburg, wo die "Hafencity" auf ehemaligem Hafengelände Wohnraum und Arbeitswelt verknüpfen soll. Gleich daneben lockt die alte Speicherstadt Touristen an.
Nicht immer geht diese Umwandlung jedoch glatt und problemlos über die Bühne, wie sich in der Hafencity ebenfalls zeigt: Von Kritikern wurde sie als architektonisch stil- und charakterlos bezeichnet, andere monierten die soziale Unausgewogenheit in der Wohnbebauung, Stadtökologen den Mangel an Grünflächen, und nachts verwaisen viele Bereiche, weil doch Büroräume dominieren und zugleich Kulturangebote oder Kneipen fehlen. Das ändert sich vielleicht, wenn die Elbphilharmonie fertig gestellt ist: Sie soll einmal ein Konzertsaal von Weltformat werden und sich architektonisch wie künstlerisch mit London, New York oder Sydney messen können. Bis es so weit ist, droht jedoch der nächste Ärger: Die Kosten für den Bau laufen zusehends aus dem Ruder.

Trotz dieser negativen Begleiterscheinungen sieht Georg Schiller vom IÖR kaum eine Alternative. Stadtplaner müssen ehemalige innerstädtische Industrieflächen aufwerten und sich auf die alten Kernbereiche der Metropolen konzentrieren, statt weiter die langfristig noch teurere Zersiedelung an ihren Rändern hinzunehmen: "Dieser Umbau ist eine zentrale Herausforderung für die Zukunft angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland."

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