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Großprojekt in der Kritik: Venedigs Flutschutz gefährdet die Lagune

Nach den jüngsten Überschwemmungen in Venedig steht das geplante Sperrwerk MOSE wieder im Fokus der Kritik. Die Probleme sind aber keineswegs neu.
San Giorgio Maggiore in Venedig. Guckt noch mal drauf, bald ist es weg.Laden...

Ein ehrgeiziger Plan, der die italienische Stadt Venedig vor dem Untergang retten soll, könnte für die sie umgebende Lagune eine Katastrophe bedeuten. Das System mit dem Namen MOSE (die italienische Abkürzung für »experimentelle elektromechanische Module«) befindet sich in der Endphase der Konstruktion und soll 2022 fertig gestellt werden. Es würde aus einem komplexen Netz von 78 Flutschutzklappen bestehen, die die Lagune samt Stadt im Fall einer drohenden Überschwemmung vom Adriatischen Meer trennen sollen.

Modellstudien zufolge wird MOSE bei steigendem Meeresspiegel jedoch Überschwemmungen in der Stadt weniger effektiv verhindern. Gleichzeitig würde es das empfindliche Ökosystem der Lagune zunehmend gefährden. Die Umweltauswirkungen des Projekts im Wert von 6 Milliarden Euro waren seit seiner Konzeption im Jahr 1992 ein kritischer Punkt.

MOSE ist in den letzten Wochen erneut unter die Lupe genommen worden, nachdem im Oktober dieses Jahres außerordentlich umfangreiche Überschwemmungen stattgefunden hatten, bei denen große Teile der Stadt 156 Zentimeter tief unter Wasser standen. Daneben gibt es nun neue Daten und Simulationen, die verdeutlichen, wie anfällig die Stadt durch den steigenden Meeresspiegel ist. Forscher sagen nun, dass die monumentalen Tore von MOSE, die bei ungewöhnlich hohen Gezeiten eine künstliche Barriere gegen das Meer bilden, das Ökosystem der Lagune und die Meereswirtschaft in nur wenigen Jahrzehnten schädigen werden.

Der Hydrologe Luigi D'Alpaos von der Universität Padua sagt, dass das Problem nicht die Konstruktion selbst sei, sondern wie oft die Tore geschlossen werden müssten, wenn der Meeresspiegel steigt und außergewöhnlich hohe Gezeiten häufiger werden. D'Alpaos simulierte die potenziellen Auswirkungen verschiedener Meeresspiegel anhand der Hochwasserereignisse zwischen 2000 und 2012. Anfang dieses Jahres stellte sein Team fest, dass bei einem Meeresspiegelanstieg von 50 Zentimetern – dem im jüngsten IPCC-Bericht vorhergesagten Wert – die Lagune für bis zu 187 Tage pro Jahr geschlossen werden müsste, gelegentlich sogar mehrere Wochen am Stück. Dabei würde den Sauerstoff der Lagune schnell verbraucht, was wiederum den Fischpopulationen und vielen in der Gegend nistenden Vogelarten wie Flamingos, Wanderfalken, Schwarzen Schwänen und Kuhreihern schadet. Dadurch stehen die Hochwasserschutzmaßnahmen von MOSE im Konflikt mit dem Naturschutz.

Die Lagune erstickt

»Um die Lagune zu retten, müssten wir die Tore öffnen und die einzige Barriere gegen Hochwasser beseitigen«, sagt D'Alpaos. Um den Sauerstoffmangel in der Lagune zu vermeiden, soll MOSE deswegen nur an Tagen aktiviert werden, an denen der Wasserstand 110 Zentimeter über dem Durchschnitt liegt, sagt das Venezia-Nuova-Konsortium, das mit der Umsetzung des Projekts beauftragt ist. Aber diese Maßnahme wird die Stadt wahrscheinlich nicht vor regelmäßigen Überschwemmungen bewahren, kritisieren Wissenschaftler, darunter D'Alpaos. Überschwemmungen durch Wasserstände zwischen 70 und 100 Zentimetern über dem Durchschnitt sind häufig und überfluten den berühmten Markusplatz und andere Attraktionen über längere Zeiträume.

Die Überschwemmungen im Oktober dieses Jahres dauerten 30 Stunden. Wäre MOSE aktiv gewesen, wären die Tore in diesem Zeitraum für 20 Stunden hochgezogen worden, so Monica Ambrosini, Sprecherin der Venezia Nuova. Modelle zeigen, dass zukünftige Überschwemmungen häufiger und über mehrere Tage hinweg auftreten dürften, was längere Schließungen der Lagune erforderlich machen würde.

Andreina Zitelli, Umweltwissenschaftlerin an der Universität Venedig, die MOSEs Öko-Credentials kritisiert, gehört zu einer Reihe von Fachleuten, die sich mit Alternativen auseinandersetzen. Einer dieser Vorschläge, der ursprünglich aus den 1970er Jahren stammt, beinhaltet die Injektion von flüssigem Zement oder sogar Wasser unter die Stadt, um sie über das Hochwasserniveau anzuheben. In den 1970er Jahren testeten Behördenmitarbeiter diese Technik an der kleinen Insel Poveglia in der venezianischen Lagune. Als die Arbeiter unter der Insel in zehn Meter Tiefe eine Zementmasse injizierten, erhöhte die Taktik die Insel um 10 Zentimeter. Andere Vorschläge zur Hochwasseranpassung beinhalten die Injektion von Wasser in hunderten Meter Tiefe durch zwölf Bohrlöcher rund um Venedig – eine weit verbreitete Methode zur Stabilisierung von Bohrinseln, während sie Öl fördern.

Die Wissenschaft hinter dieser Idee sei solide und von Ölgesellschaften weltweit umfassend getestet, sagt Georg Umgießer, Ozeanograf beim Italienischen Nationalen Forschungsrat in Venedig. »Der Fall Venedig wäre komplexer, weil die Stadt eine fragile Struktur hat und bereits um 25 Zentimeter abgesackt ist. Jede Intervention sollte zuerst dieses Problem korrigieren«, erklärt Umgießer. Er fügt hinzu, dass zu viel Geld und Zeit in MOSE investiert worden seien, um das Projekt jetzt aufzugeben, »aber sobald es abgeschlossen ist, an dem Punkt können wir über etwas anderes nachdenken«.

51/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 51/2018

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