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Weltgesundheitsorganisation: Strengere Grenzwerte für saubere Luft

Die Luftqualität in Europa ist miserabel, legt man die neuen Grenzwerte der WHO an. Vor allem für Feinstaub und Stickstoffoxid empfiehlt die Organisation deutlich niedrigere Werte.
Viel Verkehr auf dem Kaiserdamm in Berlin.

Längst ist bekannt, dass verschmutzte Luft der Gesundheit schadet. Wann die Belastung allerdings zu hoch ist, sollen in der Europäischen Union Grenzwerte festlegen. Ginge es nach der Weltgesundheitsorganisation, müssten diese aber deutlich nachjustiert werden: Die WHO hat ihre Empfehlungen für die Grenzwerte von Luftschadstoffen aus dem Jahr 2005 aktualisiert und insbesondere die Werte für Feinstaub und Stickstoffdioxid stark gesenkt. Damit weichen diese Limits teils noch deutlicher von den für Deutschland rechtlich bindenden Werten der EU ab als zuvor. Die Länder sind jedoch nicht verpflichtet, die Leitlinien der WHO zu übernehmen.

Luftschadstoffe gelten als Krebs erregend und sind die Ursache für diverse Erkrankungen der Atemwege sowie des Herz-Kreislauf-Systems, aber auch für Diabetes und neurodegenerative Krankheiten. Laut der WHO sterben weltweit jährlich sieben Millionen Menschen vorzeitig infolge der Luftverschmutzung. Dementsprechend dringend sei es, die Konzentration an Schadstoffen in der Luft zu senken.

Der Bericht der WHO behandelt sechs Schadstoffe, darunter Feinstaub in den Partikelgrößen PM2,5 und PM10, ferner Ozon (O3), Stickstoffdioxid (NO2), Schwefeldioxid (SO2) und Kohlenstoffmonoxid (CO). Gemäß den neuen Richtlinien sollen aufs Jahr gerechnet nicht mehr als 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Stickstoffdioxid in die Luft gelangen. Zuvor setzte die WHO für NO2, das vor allem durch die Verbrennung von Dieselkraftstoff entsteht, die Schwelle bei 40 Mikrogramm an. Dies entspricht dem derzeitigen gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwert der EU.

Die WHO-Werte für Stickstoffdioxid und Feinstaub haben sich gesenkt

Ebenso passte das Expertenteam der WHO die Werte für Feinstaub an: An PM10 sollten nicht mehr als 15 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel gemessen werden. 2005 veranschlagte die WHO für diesen Wert noch 20 Mikrogramm. Gesetzlich vorgeschrieben ist in der EU ein Grenzwert von 40 Mikrogramm. Für PM2,5 senkten die Autoren der Leitlinie ebenfalls den Wert – von 10 auf 5 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zum Vergleich: Die EU schreibt hier eine maximale Konzentration von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter vor.

Hätten die neuen Werte in der EU rechtliche Gültigkeit, wäre die Feinstaubbelastung in zahlreichen deutschen Städten viel zu hoch. So ergab eine Berechnung des Science Media Centers, dass die Messstationen hier zu Lande den EU-Wert in den Jahren 2019 und 2020 eingehalten haben. Gemessen am Limit, wie es die WHO noch 2005 vorsah, läge die Belastung mit PM2,5 in Städten aber bei 80 Prozent der Stationen an verkehrsnahen Standorten zu hoch. Mit der neuen Leitlinie würden fast alle Messstationen die Schwelle überschreiten.

Weltweit zeichnen die Fachleute der WHO ein deutlich düsteres Bild: Im Jahr 2019 waren mehr als 90 Prozent der Weltbevölkerung einer Feinstaubkonzentration durch PM2,5 ausgesetzt gewesen, die selbst den alten WHO-Wert überschritten hätte. Laut einer Berechnung der Gesundheitsorganisation ließen sich 80 Prozent der durch PM2,5 verursachten Todesfälle vermeiden, würde die Feinstaubkonzentration weltweit unter dem neuen Grenzwert liegen.

Neue Schadstoffe ohne Grenzwert

Expertinnen und Experten begrüßen die aktualisierten Empfehlungen. Einige Forscher bemängeln jedoch, dass neue Schadstoffe wie ultrafeine Partikel oder Ammoniak aus der Landwirtschaft zwar genannt, aber nicht mit einem Grenzwert in die Leitlinien aufgenommen wurden. »Die wissenschaftliche Community hätte zumindest den schwarzen beziehungsweise elementaren Kohlenstoff (BC/EC) als gesundheitsrelevanten Teil von Feinstaub PM2,5 erwartet«, sagt Alfred Wiedensohler vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung in Leipzig laut einer Aussendung des Science Media Centers. »Fakt ist: Unvollständige Verbrennung ist weltweit ein großes Problem, und BC/EC ist ein guter Indikator für das Gesundheitsrisiko.« Laut der WHO gebe es aber noch nicht genügend aussagekräftige Studien, um derartige Schadstoffe mit einem Grenzwert zu belegen.

Die neuen Leitlinien beruhen auf der Durchsicht von Metaanalysen. Diese Studien hätten gezeigt, dass die Gesundheit der Menschen sehr viel stärker unter der Schadstoffbelastung leide als zuvor angenommen. »Die WHO zeigt mit den Richtwerten, dass auch geringe Konzentrationen von Luftschadstoffen, die weit unter den bisherigen empfohlenen Richtwerten liegen, schwer wiegende Gesundheitseffekte auslösen können«, sagt die Umweltepidemiologin Barbara Hoffmann von der Universität Düsseldorf. »Ich sehe die große Bedeutung dieser neuen WHO-Leitlinien vor allem darin, dass sie zeigen, dass es keine ›ungefährliche‹ Luftverschmutzung gibt.«

Vor Kurzem vermeldete auch die Europäische Umweltagentur, dass die Luftverschmutzung gemessen an den derzeitigen Grenzwerten in weiten Teilen der EU zu hoch sei. Durch den Straßenverkehr sei die Belastung mit Stickstoffdioxid vor allem in Großstädten Besorgnis erregend. Feinstaub stelle zudem in Mittel- und Osteuropa ein Problem dar, weil dort noch viel Kohle und Holz zum Heizen und für die Industrie verbrannt werden. Verbessert habe sich die Luftqualität aber im Jahr 2020 – wie die Umweltexperten der europäischen Behörde angeben, dürfte es sich um einen Nebeneffekt der Coronapandemie gehandelt haben. Inwieweit nun die neuen Leitlinien der WHO die EU-Grenzwerte für Luftschadstoffe beeinflussen werden, wird sich wohl 2022 zeigen: Dann will die EU ihre Richtlinien aktualisieren.

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