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Das kranke Geschlecht?

Luitgard Marschall, Pharmazeutin und Wissenschaftshistorikerin, und Christine Wolfrum, Wissenschaftsjournalistin, zeigen in diesem Buch: Trotz einer Flut an medizinischem Wissen, die über Frauen hereinbricht, besteht noch großer Aufklärungsbedarf – besonders im Bereich der Gynäkologie. Viele Informationen, die an Patientinnen herangetragen würden, seien "einseitig, unkritisch, oberflächlich oder lückenhaft". Dass viel medizinische Intervention nicht immer viel helfe und nicht alle Beschwerden gleich krankhaft seien, zeigen die Autorinnen in neun Kapiteln von Schwangerschaft bis Depression.

Beim Thema Schwangerschaft gehen Marschall und Wolfrum insbesondere auf die Pränataldiagnostik ein. Diese habe stets zwei Seiten. Medizinerinnen und Mediziner gingen zu wenig auf die möglichen Konsequenzen solcher Untersuchungen ein. Vom "Recht auf Nichtwissen" werde nur selten Gebrauch gemacht, wodurch die Schwangerschaft von einer Zeit des Wartens und Hoffens zu einer Phase avanciere, in der gezielt Einfluss genommen werden kann und wichtige Entscheidungen zu treffen sind. Dies verunsichere viele Frauen, schreiben Marschall und Wolfrum. Da viele Untersuchungen bereits in frühen Schwangerschaftsstadien erfolgen, entstehe eine "Schwangerschaft auf Probe". Das ungeborene Kind müsse sich den werdenden Eltern gegenüber immer wieder bewähren, stellen die Autorinnen fest. "Wir alle hätten nicht gewollt, eine Prüfung bestehen zu müssen, bevor wir leben dürfen", zitieren sie den Medizinethiker Giovanni Maio von der Universität Freiburg.

Einheitsaussehen à la Barbie

Ein weiteres Kapitel widmet sich der Schönheitsmedizin. Die Autorinnen kritisieren hier einen medizinischen Trend, der zu einer "genormten Individualität in einer globalisierten Welt" und zu Selbstoptimierungswahn führe. Dass viele Nebenwirkungen von Schönheitsbehandlungen noch gar nicht abschließend erforscht sind, wüssten viele Patientinnen nicht. Weil Frauen unter einem viel stärkeren Schönheitsdruck als Männer stünden, müssten sie ihr Äußeres immer wieder an gesellschaftlichen Normen überprüfen und gegebenenfalls nachbessern. Das natürliche Altern werde als Mängelentwicklung angesehen, der entgegen gewirkt werden müsse, schreiben die Autorinnen.

In einem Abschnitt zum Mammografie-Screening zeigen die Autorinnen, dass im Zuge dieser Reihenuntersuchung oft eine Vorsorge-Sicherheit versprochen werde, die es so nicht gibt. Das Screening eröffne zwar die Möglichkeit, Krebserkrankungen früher zu erkennen und somit erfolgreicher zu behandeln. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau davon profitiere, sei eher klein. Von 1000 Frauen, die zehn Jahre lang am Screening teilnehmen, sterbe durchschnittlich immerhin eine weniger an Brustkrebs – dem gegenüber stehen aber mehrere Dutzend falsch-positive Fehlalarme, die für die betroffenen Patienten oft sehr belastend sind und bei denen die Gefahr besteht, dass sie in Übertherapien münden.

Ungleich verteilte Störung

Marschall und Wolfrum kritisieren auch den "Mythos vom depressiven Geschlecht". Zwar werde eine Depression bei Frauen immer noch häufiger diagnostiziert als bei Männern – hier führen sie die "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" des Robert-Koch-Instituts an. Jedoch werde eine solche Diagnose bei Frauen auch schneller ausgesprochen. Der Einfluss traditioneller Rollenbilder auf Ärzte und Therapeuten sei hier ein wesentlicher Faktor, schreiben die Autorinnen. Sie untersuchen zudem die Zusammenhänge zwischen diagnostizierten Depressionen und gesellschaftlichen Umständen und kommen zum Ergebnis, dass Frauen in unserer immer noch patriarchal geprägten Gesellschaft Benachteiligungen ausgesetzt seien, die sich depressionsfördernd auswirken. Kinder, Haushalt und Karriere stellten eine kräftezehrende Mehrfachbelastung dar, und je stärker sich Frauen an traditionellen Rollenbildern orientierten, umso leichter rutschten sie in eine Depression, zitieren die Autorinnen aus einschlägigen Untersuchungen. Hinzu komme, dass Antidepressiva heute mitunter leichtfertig verordnet würden, obwohl leichte Depressionen auch mit einer Psychotherapie behandelt werden könnten. Die Autorinnen plädieren für neue Rollenbilder in der Gesellschaft, da diese in einem direkten Zusammenhang zur psychischen Gesundheit stünden.

Mit ihrem Buch möchten Marschall und Wolfrum den Leserinnen helfen, selbstbestimmte Entscheidungen in gesundheitlichen Fragen zu treffen und Behandlungsoptionen besser beurteilen zu können. Dies gelingt ihnen zweifellos. Die Lektüre des Buchs ermöglicht es Patientinnen, Untersuchungen und Therapien differenzierter zu betrachten, und bietet Orientierung im medizinischen Informationsdschungel.

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