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Buchkritik zu »Der Spinoza-Effekt«

Das Wissen um die eigenen Emotionen und Gefühle ist zentral für das Bemühen, ein zufriedenes Leben zu führen. Dies ist die zentrale These von Antonio R. Damasios neuem Buch, das sich ganz der Frage nach Herkunft, Entstehung und Funktion von Emotion und Gefühl widmet. Wie in seinen beiden Vorgängerwerken "Descartes' Irrtum" (1997) und "Ich fühle, also bin ich" (2000) verbindet der bekannte Neurologe von der Universität von Iowa die Ergebnisse der modernen Neurowissenschaften mit philosophischen Konzeptionen.

Was geschieht im Gehirn, wenn – wie William Wordsworth (1770-1850) es poetisch ausdrückt – "Empfindungen, die angenehm, die ich im Blut, ums Herz gefühlt, gar Eingang fanden ins Gemüt"? Damasio liefert als Antwort einen Zwischenbericht aus der Forschung über das neuronale Korrelat von Emotionen. Noch wichtiger ist ihm aber der Einfluss der Gefühle auf Entscheidungsprozesse, die Steuerung des sozialen Lebens und auf persönliche Lebensumstände.

In dieser Einstellung sieht sich Damasio einig mit dem Philosophen Benedict de Spinoza (1632-1677). Während René Descartes (1596-1650) eine dualistische Auffassung von Körper und Geist vertrat, führt der ebenfalls in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts lebende Spinoza beide Instanzen zusammen und unterstreicht in seinem Werk die Bedeutung der Emotionen für die kulturelle und soziale Entwicklung des Menschen. Neben der Bedeutung für die moderne Neurobiologie, die der Autor in Spinozas Werk erkennt, sieht sich Damasio mit ihm beinahe auf eine persönliche Art verbunden. So lebhaft schildert er seinen Besuch in Spinozas Den Haager Haus, dass klar wird: Dieses Buch ist mehr als eine Hommage an den Philosophen, es ist das Protokoll einer fiktiven Begegnung zwischen ihm und Damasio.

Zunächst entwickelt der Autor eine eigene Theorie der Emotionen, die auf den Erkenntnissen der Neurowissenschaften und der evolutionspsychologischen Bedeutung von Emotionen basiert. Dabei unterscheidet er Emotionen von Gefühlen: Erstere sind öffentlich und beobachtbar, Letztere subjektiv und men-tale Repräsentationen von Körperzuständen im Gehirn. Als Wahrnehmung des körperlichen und gedanklichen Zustands, der einer Emotion entspricht, ist das Gefühl dieser nachgeschaltet. Diese aufwändig betriebene Unterscheidung zwischen Emotion und Gefühl ist schwierig nachzuvollziehen und entbehrt jeder empirischen Grundlage.

Andererseits verspricht Damasio dem Leser aber auch keine streng wissenschaftliche Abhandlung. Vielmehr ist hier das Buch und nicht das Labor das experimentelle Setting; schreibend führt Damasio dem Leser die Entwicklung seiner Gedanken vor und ermöglicht es ihm, Hypothesen testend die Verbindung zwischen philosophischen Ideen des 17. Jahrhunderts und moderner Neurowissenschaft nachzuvollziehen. Auch die Idee der Trennung von Emo-tion und Gefühl ist letztlich an Spinoza angelehnt, der den Geist (das Gefühl) als Idee des Körpers (der Emotion) auffasst.

Die Entwicklung von Emotion und Gefühl verläuft etwa folgendermaßen: Ein erinnerter oder in der Umgebung auftauchender emotional besetzter Reiz wird in den sensorischen Verarbeitungssystemen des Gehirns bewertet und löst in den emotionsauslösenden Hirnregionen (zum Beispiel in der Amygdala im limbischen System oder im ventromedialen präfrontalen Kortex) eine Reaktion aus. Von dort aus projizieren Nervenbahnen zu den Regionen, die Emotionen ausführen: zum Hypothalamus, zum basalen Vorderhirn (zum Beispiel dem als Lustzentrum bezeichneten Nucleus accumbens) oder zu Hirnstammkernen, die für die Bewegung von Gesicht, Zunge, Rachen und Kehlkopf verantwortlich sind. So wird eine komplexe Kaskade von mit dieser Emotion verbundenen Prozessen – physiologischen Veränderungen, spezifischen Verhaltensweisen – in Gang gesetzt. Gleichzeitig verändern sich mentale Prozesse, und es entsteht ein Gefühl als Repräsentation der als Emotion beschriebenen Ereignisse. Während Damasio die Entstehung von Emotionen im Gehirn anschaulich und präzise darstellt, bleibt gänzlich unklar, wie und wo die korrespondierenden Gefühle entstehen.

Emotionen spielen eine Rolle bei Entscheidungsprozessen und bei der Bewertung sozialer Situationen im Alltag. Läsionen der Amygdala können zu Gefühlsarmut führen, eine Schädigung frontaler Hirnbereiche führt zu impulsivem, enthemmtem Verhalten. Die Betroffenen sind leicht ablenkbar, vernachlässigen moralische und soziale Prinzipien und neigen zu risikoreichem Verhalten. Hinzu kommt die Unfähigkeit, Handlungen zu planen und durchzuführen, wobei die intellektuellen Fähigkeiten der Betroffenen häufig unbeeinträchtigt sind.

Die Erkenntnis, dass Emotionen unser Sozialverhalten bestimmen und dass dieses bei Läsionen entsprechender Kortexareale eben gestört ist, ist jedoch nicht neu. Neu hingegen ist die Frage, welche Rolle Emotionen bei der Beantwortung persönlicher Lebensfragen spielen. Hier greift Damasio auf die Antwort Spinozas zurück, der eine Art Anforderungskatalog für ethisches und tugendhaftes Verhalten aufstellt. Im Zentrum der Ideen Spinozas steht jedoch die Forderung, eine Toleranz gegenüber den eigenen negativen Emotionen zu entwickeln, indem man zum Beispiel das auslösende Erlebnis in der Vorstellung wiederholt. Hier kommt die Neurowissenschaft ins Spiel, denn um emotionale Prozesse – zum Beispiel bei der Behandlung einer Depression – beeinflussen zu können, muss der Therapeut diese Prozesse kennen.

Auch wenn Damasios neuestes Buch die empirische Forschung nicht durchweg präzise zusammenfasst und eine eher eigenwillige Emotionstheorie bietet, ist es doch eine lebhafte und geistreiche Einführung in das Werk Spinozas. Es gelingt dem Autor, der Suche nach dem neuronalen Korrelat der Emotionen einen philosophischen Sinn zu verleihen. Nicht zuletzt bieten Damasio und Spinoza – der Neurologe und der Philosoph – eine Anleitung für ein zufriedeneres Leben, ermöglicht durch das Wissen um die Herkunft, Entstehung und Funktion von Emotionen.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 1/2005

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