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Buchkritik zu »Die blinde Frau, die sehen kann«

Der bekannte und mit mehreren Preisen ausgezeichnete amerikanische Neurologe Vilaynur S. Ramachandran berichtet anhand von Einzelfallgeschichten über verschiedene neuropsychologische Störungen. Scharfsinnige Analysen der Krankengeschichten werden angereichert mit speziell auf die jeweilige Störung gerichteten Experimenten. Durch seine Fehlfunktion liefert uns das Gehirn ganz neue Einblicke in seine Arbeitsweise.Wie der amerikanische Originaltitel "Phantoms of the Brain" verrät, geht es im Herzstück des Buches um Phantomempfindungen. Ein Mensch, dem ein Arm oder ein Bein amputiert wurde, spürt das entfernte Glied auch nach der Amputation. Dabei bleibt nicht nur die Hautempfindung erhalten, sondern auch die Empfindung, dass diese Gliedmaßen sich bewegen, bis hin zu andauernden quälenden Schmerzen. Dieses häufige Phänomen war in seiner Entstehung bislang ungeklärt.Ramachandran bietet nun eine Erklärung an. Anscheinend liegen den Phantomerlebnissen so genannte Umkartierungen im Hirn zu Grunde. Das Gehirn repräsentiert den eigenen Körper in so genannten Karten, Gehirnbereichen, in denen für benachbarte Körperstellen benachbarte Neuronen zuständig sind. Das Umgekehrte muss nicht unbedingt gelten: Eng benachbarte Neuronen können weit entfernte Körperstellen repräsentieren (Spektrum der Wissenschaft 4/1996, S. 38). Nach der Amputation eines Körperteils werden die zugehörigen Nervenzellen nicht mehr genügend angesprochen. Daraufhin sprießen Nervenzell-Kontakte aus benachbarten Hirnregionen in dieses Gebiet ein. Auf diesem Wege empfangen beispielsweise die "arbeitslos" gewordenen Neuronen für eine amputierte Hand Impulse aus der Wange. Andere Hirnteile jedoch, die aus dieser Region Informationen auslesen, interpretieren diese weiterhin als zur Hand gehörig; so kommt die Phantomempfindung zu Stande. Durch die Umkartierung ist eine virtuelle Realität entstanden, die nicht mit der tatsächlichen Realität übereinstimmt.Glücklicherweise kann man diese Fehlinterpretation des Gehirns überlisten, und zwar, indem man dem Gehirn eine andere, konkurrierende virtuelle Realität anbietet, etwa die Simulation eines funktionstüchtigen Gliedes. Dieser Therapieansatz ist neben der Erklärung des Phänomens ein weiteres Verdienst des Neurologen Ramachandran. Das Mittel zur Simulation ist verblüffend einfach: ein Spiegel! Der erzeugt eben ein Bild der anderen, gesunden Gliedmaße auf der Gegenseite.Die visuelle Wahrnehmung einer funktionstüchtigen Gliedmaße auf der betroffenen Seite neutralisiert die ursprüngliche Information des Phantomgliedes und löst damit erfolgreich die alte Fehlwahrnehmung ab. Überraschenderweise kann das Gehirn dieses neue Angebot schnell akzeptieren, und die Wahrnehmung des Phantomgliedes verschwindet nach wenigen Spiegelübungen. Das zeigt, dass die Funktionsweise unseres Gehirns nicht statisch ist, sondern sich schnell an seine Umgebungsbedingungen anpasst. Diese Fähigkeit ist auch therapeutisch nutzbar. Das Buch stellt dazu noch zahlreiche weitere interessante Entdeckungen bereit.Ausführlich wird auf dieser Grundlage auch die spannende Frage diskutiert, wie das Gehirn eigentlich unser "Selbst" erzeugt, also das Gefühl, dass ich eine einzigartige Person bin, die sich bestimmte Wahrnehmungen zuschreibt, auf Grund bestimmter Überzeugungen handelt und in der Zeit kontinuierlich existiert. Diese Frage wird in den letzten Jahren nicht mehr nur philosophisch, sondern zunehmend auch neurowissenschaftlich erörtert, zum Beispiel von Antonio Damasio (Spektrum der Wissenschaft 7/2000, S. 106). Ramachandran stellt zum Schluss des Buches dazu einen Katalog von Eigenschaften zur Diskussion, die unser Selbst ausmachen sollen. Dazu gehören unter anderem die Verkörperlichung, dass dieses Selbst also immer in einem Körper oder Organismus verankert ist, die Erinnerungsfähigkeit, welche die personale Identität über die Lebensspanne sicherstellt, die Fähigkeit, Erlebnisse mit bestimmten Gefühlen anzureichern, die uns später als Entscheidungshilfe dienen, die Handlungsfähigkeit dieses Selbst in der jeweils spezifischen Umweltsituation sowie die Einbindung des Selbst in einen sozialen Kontext. Dieser Katalog könnte in der nahen Zukunft durchaus eigene Forschungsprogramme initiieren.Die weitaus größten Anteile des Buches bestehen aus den Beschreibungen und Analysen der Fallgeschichten, in denen Betroffene mit ihren einzigartigen Krankengeschichten immer im Vordergrund stehen. Trotz einer humorvollen Präsentation verliert Ramachandran nie den Patienten mit seiner Störung aus dem Auge; er begnügt sich nicht mit der Analyse, sondern schildert die Störung auch aus dem subjektiven Erleben des Betroffenen. Der Leser "spürt" geradezu die Störung.Ramachandran steht damit in der besten Tradition einer "romantischen Wissenschaft", die Anfang des 20. Jahrhunderts von dem Neuropsychologen Alexander Luria begründet und besonders von Oliver Sacks weitergeführt wurde. Das Buch richtet sich damit an eine breite Leserschaft. Bezüge zu Alltagssituationen werden ebenso hergestellt wie zu philosophischen Konzepten des Leib-Seele-Problems. Das Buch bleibt dabei durchgängig sehr gut lesbar; das ist sicher auch der Wissenschaftsjournalistin Sandra Blakeslee zu verdanken, die das Buch mitverfasst hat.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 08/01

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