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Verblüffende Pflanzen

Ob als Flüchtlinge, Kämpfer, Pioniere oder Zeitreisende: Wie Pflanzen den Widrigkeiten trotzen, ist oft erstaunlich.

Stefano Mancuso mag Pflanzen. Damit andere diese Begeisterung verstehen, verleiht er seinen Lieblingen menschliche Attribute. Das hat der Professor für Pflanzenkunde an der Universität Florenz sich vielleicht von den Japanern abgeschaut, die in der Hinsicht ziemlich weit gehen. Sie verehren beispielsweise Bäume, die nur tausend Meter entfernt vom Ort des Atombombenabwurfs in Hiroshima überlebt haben und weiterwachsen. Die Japaner besuchen und umarmen diese Pflanzen, verbeugen sich vor ihnen und geben ihnen eine ähnlich respektvolle Bezeichnung wie den menschlichen Überlebenden: »Hibaku jumoku« (Bäume, die einer atomaren Explosion ausgesetzt waren). Menschen, die die Abwürfe überstanden haben, nennen sich ebenfalls »der Bombe ausgesetzt«, da die Bezeichnung »Überlebende« in ihren Augen die Toten herabsetzen würde. Einige Hibaku-jumoku-Bäume hat der Autor in Hiroshima selbst besucht: einen Gingko, eine Japanische Schwarzkiefer und einen Mukubaum. Sie stehen in Japan für die alles überwindende Kraft des Lebens.

Wachsen trotz Radioaktivität

Um diese Lebenskraft anschaulich zu machen, erzählt Mancuso diverse Geschichten über Pflanzen und setzt die Gewächse dabei mit Pionieren, Flüchtlingen, Heimkehrern, Kämpfern oder Einsiedlern gleich. Zeitgrenzen überwindet beispielsweise das Leimkraut. Dessen Samen wurden, nachdem sie 50 000 Jahre im Eis der Tundra überdauert hatten, geklont und so quasi wieder zum Leben erweckt. Kämpfer wiederum sieht der Autor in solchen Pflanzen, die trotz Radioaktivität in Tschernobyl wachsen. Er erzählt von Bäumen, deren Samen so gewaltig und schwer sind, dass sie nur neben ihrer Mutterpflanze auf den Boden plumpsen können, um dort zu keimen. Und er rätselt, ob die Avocado (Persea americana) mit ihrem reichhaltigen Fruchtfleisch wohl eine Leibspeise des ausgestorbenen Mastodon war, dessen Darm der golfballgroße Samen unbeschadet hätte passieren können.

Die Geschichte des Felsen-Greiskrauts wiederum (Senecio squalidus) ähnelt der eines Flüchtlings, der sich von Insel zu Insel durchschlägt. Die kleine krautige Pflanze mit gelben Blüten wächst geduckt auf dem Boden. Warm mag sie es und kommt eher im tropischen und südlichen Afrika vor oder auf Sizilien, wo sie zwischen Lavasteinen auf den Hängen des Ätna gedeiht. Einige ihrer Samen gelangten aus Palermo in einen botanischen Garten in Oxford, von wo aus sich die Pflanzen über die britische Insel verbreitete. Wie sie es schaffte, ganz England zu erobern, ist auch für Forscher interessant. Wissenschaftler vermuten, die Gewächse hätten sich entlang von Bahngleisen ausgebreitet: Der Windzug auf diesen Strecken trieb die behaarten Samen möglicherweise durchs Land. Heute ist Senecio squalidus auf fast jeder Mauer in England zu finden. Die klimatischen Bedingungen bewältigte sie, indem sie sich mit lokalen Arten vermischte (hybridisierte) und – wie Mancuso schreibt – ein »naturalisierter Brite« wurde. Was früher die Fremde war, ist nun Heimat für das Felsen-Greiskraut.

Auch wenn der Pflanzengenetiker Mancuso den Gewächsen menschliche Attribute verleiht, verklärt er sie nicht romantisch – selbst dort nicht, wo er die Frage nach deren Intelligenz in den Raum stellt. Im Vordergrund stehen stets Fachinformationen. Der Autor nutzt entsprechende Analogien, um Respekt vor Pflanzen anschaulich zu vermitteln.

Das Buch ist spannend, kurzweilig und lehrsam zugleich. Zumal Mancuso seine Pflanzengeschichten mit denen von Menschen oder Orten und auch von eigenen Erlebnissen verwebt. Beispielsweise wenn er berichtet, wie er in Japan in einem Café unerwartet von einem Einheimischen angesprochen wurde, der ihn später zu den Hibaku führte und ihm zeigte, wie die Japaner diese Pflanzen ehren.

Davon abgesehen handelt es sich um ein rundum schön gestaltetes Werk mit attraktivem Cover und zahlreichen Aquarellen im Innenteil, das man gern in die Hand nimmt. Mancuso ist ein guter Erzähler und schreibt sehr spannend und schön. Selbst beim zweiten Lesen ist die Lektüre immer noch ein Genuss.

14/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14/2020

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