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Mit Federtieren unter einem Dach

Oskar Heinroth und seine Frauen waren begeisterte Vogelliebhaber – und schufen die Grundlagen der Verhaltensforschung.

»Unser Habichtskind, ein Weibchen, das wir Illo nannten, war sofort sehr lebhaft und zirpte laut, wenn es hungrig war oder fror. Illo war in seiner späteren Nestzeit einer der nettesten Raubvögel, die wir je großgezogen hatten …«, schrieb der Zoologe Oskar Heinroth. Als besagter Habicht 47 Tage alt war und noch kurzflügelig, schlug er einen jungen Fasan, der gerade durchs Zimmer flog. So war das damals in Heinroths Wohnung. Außerdem dort zu finden: eine Nachtschwalbe, die auf einer Briefwaage schlief; sowie ein Specht, der auf dem Schlüssel im Schloss des Wohnzimmerschranks saß und Löcher in die Tür hackte oder wahlweise den Stuck von der Decke meißelte.

Diese Szenen markieren den Beginn der Verhaltensforschung. Von 1904 an spielten sie sich mehr als 30 Jahre lang in Berlin ab. Das Buch »Die Vogel-WG« rekonstruiert diese Zeit, die für Ornithologen und Verhaltensforscher gleichermaßen fruchtbar war. Die beiden Autoren, der Biologe Karl Schulze-Hagen und die Bibliothekswissenschaftlerin Gabriele Kaiser, haben dafür Heinroths Nachlass in der Berliner Staatsbibliothek durchforstet.

Ein wunderbares Buch ist daraus geworden, das biografische Texte mit zahlreichen faszinierenden Originalfotos und Textauszügen aus dem vierbändigen heinrothschen Monumentalwerk »Die Vögel Mitteleuropas« zusammenführt. Diese Abhandlung, zwischen 1924 und 1933 erschienen und von Ornithologen stets nur »VM« genannt, war lange ein Standardwerk.

Am Schnabelgeräusch erkannt

»Die Vogel-WG« beginnt mit biografischen Notizen zu Oskar Heinroth, der stark kurzsichtig war und sich wohl deshalb aufs Gehör verlegte. Er avancierte zu einem der besten Tierstimmenkenner seiner Zeit. Auch konnte er im Dunkeln südamerikanische von neuseeländischen Entenarten unterscheiden – nur anhand des Geräuschs, das entsteht, wenn die Tiere mit ihren Seihschnäbeln schlammiges Wasser sieben. Wie schon Charles Darwin wog auch Heinroth diverse Vögel, untersuchte deren Mageninhalt und vermaß ihre Organe. »Ich habe immer gefunden, dass es sich lohnt, wenigstens einen Vogel jeder Gattung einmal selbst abgezogen und geöffnet zu haben. Es wird einem dadurch manches in der Lebensweise der Tiere sofort klar.«

1902 hatte der Zoologe die ebenfalls in Vögel vernarrte Magdalena kennen gelernt, die zur Verlobung statt eines Rings eine Mönchsgrasmücke bekam. Es war der feierliche Auftakt zur Vogel-WG, in der Magdalena längst nicht nur die Amme der Tiere war. Sie war die treibende Kraft hinter dem Plan, alle mitteleuropäischen Arten, »vom Kranich bis zum Goldhähnchen« aufzuziehen, und zwar möglichst vom Ei an. 1910 hielt sie einen Vortrag auf dem Ornithologen-Kongress zum Thema »Zimmerbeobachtungen an seltener gehaltenen europäischen Vögeln«.

Es ist höchst vergnüglich zu lesen, wie sich das Forscherleben der Heinroths zunächst in einer Mietwohnung abspielte, bis die Nachbarn das laute nächtliche Schnurren der Nachtschwalben und das explosionsartige Puffen des Blitzlichts beim Fotografieren nicht mehr ertrugen. Erst der Umzug in die Dienstwohnung des Aquariums, des berühmten, später durch Bomben zerstörten Bau des Berliner Zoos, brachte die nötige Unabhängigkeit. Zwei Vogelzimmer wurden eingerichtet samt Fotostudio mit Dunkelkammer. Rund 1000 Küken von 286 Vogelarten hat das Paar großgezogen, von der winzigen Schwanzmeise bis zum stattlichen Seeadler. Heinroth, ein passionierter Fotograf, porträtierte unermüdlich Vogel um Vogel in jedem Entwicklungsstadium, 20 000 Aufnahmen sind es geworden.

Beim Lesen zeichnet sich deutlich ab, wie herausfordernd dieses Projekt war. Heinroth litt an einer Vogelstauballergie und konnte nachts nur mit Sauerstoffflasche schlafen. Die Eier mussten oft von weither transportiert werden und wurden auf einem Radiumkissen im Reisebrutofen gewärmt. Das richtige Futter zu besorgen, war ebenfalls nicht leicht. Sammler brachten Frösche, Fischer Fische. Für kleine Ibisse nahmen die Heinroths Fischstückchen in den Mund und ließen die Tiere sie artgerecht herausschnäbeln.

Leider war es Magdalena nicht vergönnt, den Abschluss des vierbändigen Werks zu erleben. Sie starb im Sommer 1932 an einem Darmverschluss. Schon bald darauf heiratete Heinroth seine zweite, ebenso tierbegeisterte Frau Katharina, die nach dem Krieg die erste Zoodirektorin Deutschlands wurde.

Oskar Heinroth hatte früh verstanden, dass Verhaltensweisen von Tieren genau wie anatomische Ähnlichkeiten ein Licht auf den »Verwandtschaftsgrad von Arten, Gattungen und Unterfamilien« werfen. Er beschrieb die Prägung junger Gänseküken, führte Begriffe ein wie »Imponierstellung«, »Triumphschrei«, »Stimmfühlung«. Erst Konrad Lorenz machte dann all diese Phänomene und Begriffe, vor allem aber die Verhaltensforschung selbst, einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Lorenz erkannte in Heinroth den Advantgardisten und schrieb ihm: »Sind Sie sich im Klaren, Herr Doktor, dass Sie eigentlich der Begründer einer Wissenschaft sind, nämlich der Tierpsychologie als einem Zweig der Biologie?«

Das Buch bietet Naturkunde im besten Sinne.

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