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Mensch und KI

Verschmelzen Mensch und Technik? Gibt es ein außerkörperliches Bewusstsein? Ein Technikphilosoph entwirft eine Philosophie der künstlichen Intelligenz.

»Die KI-Forschung selbst kümmert sich nicht um die philosophische Grundlagenarbeit, sondern sucht ihr Heil in der Erprobung evolutionärer Algorithmen und neuronaler Netze«, konstatiert der jüngst emeritierte Professor für Technikphilosophie Bernhard Irrgang in diesem Buch. In dem Werk versucht er eine »evolutionär-phänomenologische Leib-Anthropologie« zu entwickeln, wie es etwas sperrig im Untertitel heißt. Das klingt zunächst wie ein fachphilosophischer Theorieentwurf, entpuppt sich bei der Lektüre aber schnell als ein Set durchaus anwendungsbezogener Fragen: Wie verhalten sich die Natur und die Technik der künstlichen Intelligenz (KI) zueinander? Welche Rolle spielt das philosophische und kognitionspsychologische Konzept des Bewusstseins, wenn man es ohne biologischen Körper betrachtet? Stellen Roboter eine Ersatzkörperlichkeit zur Verfügung, in die sich Intelligenz und Bewusstsein »einbetten« lassen? Wie sieht die Zukunft einer Gesellschaft aus, in der künstliche Intelligenz das Leben mitbestimmt?

Riesige Themenfülle

Irrgang hat sich über seine gesamte Karriere hinweg mit technikphilosophischen Fragen beschäftigt. Das wird bereits am Literaturverzeichnis des Buchs deutlich, in dem des Autors eigene Beiträge nicht weniger als vier von insgesamt zwölf Seiten belegen. Da verwundert es kaum, dass Irrgang in seinem Werk eine riesige Themenfülle abhandelt – und noch dazu zwei Folgebände plant.

Vielleicht auch deshalb bleibt der Text stark thesenhaft und wirkt wie eine Sammlung von Denkansätzen, die nicht selten zwischen verschiedenen Themen hin und her springen. Dabei steht jedoch durchweg eine »Haupthandlung« im Vordergrund: Über drei Jahrtausende hinweg haben Philosophen mit ihren diversen Spezialisierungen (philosophische Anthropologie, Ethik, Technikphilosophie, Erkenntnistheorie etc.) ein Bild entworfen, das den Menschen als animal rationale, also als »denkendes Tier« auffasst, welches sich seiner selbst bewusst ist und sein Denken theoretisieren und als Subjekt reflektieren kann. Mit dem Aufkommen von Maschinen und schließlich Computern mit KI steht dieses Welt- und Selbstverständnis nun auf der Probe: Kann es etwas Nichtmenschliches geben, dem derselbe Status zuerkannt werden muss wie dem Menschen?

Die Technologie der KI, die von Beginn an zentral an menschlichen Kategorien ausgerichtet war, scheint sich im Lauf ihrer Entwicklung auf die »conditio humana« zuzubewegen. Wissenschaftler entwickelten beispielsweise Perzeptronen, technisch realisierte neuronale Strukturen; oder eine Kognitionswissenschaft, die mit Hilfe von KI das menschliche Erkennungsvermögen verstehen will; oder auch eine KI-Forschung, die Sprache technisch analysier- und synthetisierbar machen soll – etwas, das bis dahin als rein menschliches Vermögen angesehen wurde. Zugleich bewegt sich der Mensch auf die Technik zu, etwa indem KI einen »technokratischen Traum von der Berechenbarkeit menschlicher Kompetenzen« suggeriert, wie Irrgang schreibt. Wird diese Annäherung von Technik und Mensch zu einer Symbiose führen, wie sie im Begriff des Transhumanismus definiert ist? Irrgang verneint dies vielfach und anhand zahlreicher Beispiele als dogmatische Weltanschauung, denn die Menschwerdung habe als Evolution stattgefunden, während der sich Körper und Geist gemeinsam und aneinander entwickelten. Die Unterschiede zwischen Technik und Natur, meint er, blieben kategorial – sogar dann, wenn Technik selbst körperlich wird, etwa in Form der Robotik. Vermenschlichende Metaphern (»Denkmaschine«, »neuronal«, »learning«) könnten diese Differenz allenfalls sprachlich verschleiern.

Vieles von dem, worüber Irrgang schreibt, ist Zukunftsmusik. Allerdings entwickelt er seine Thesen nicht im luftleeren Raum der Sciencefiction – auch wenn er gelegentlich Asimov, Clarke oder »Matrix« in seine Argumentation einbezieht. Denn zum Auftrag der Technikphilosophie gehört eine Technikfolgenabschätzung auf Basis bestehender Technologien und Konzepte. Hier kommt der Philosophie eine nicht unwichtige Rolle in der Hypermoderne zu, wie Irrgang die durch Computertechnik bestimmte Gegenwart nennt: Sie liefert Analysen und Prognosen, die das scheinbar wert- und ideologiefreie Tun der Techniker einschätzt. Damit leisten Bücher wie das vorliegende einen wichtigen Beitrag zur Überwindung des »Zwei-Kulturen«-Problems, dem zufolge sich Geistes- und Kulturwissenschaften einerseits und Natur- und Technikwissenschaften andererseits nichts zu sagen hätten, weil ihre Methoden und Gegenstände zu unterschiedlich seien. Gerade dann jedoch, wenn Technikwissenschaften ontologische, anthropologische oder ethische Fragen aufwerfen oder wenn Geisteswissenschaften mittels Technik betrieben werden, erscheint ein Dialog zwischen beiden Sphären zwingend erforderlich.

Irrgangs Buch ist dazu jedoch sicherlich kein geeigneter Ausgangspunkt, weil es tief auf das Vorwissen um philosophische Fachdiskurse der vergangenen Jahrhunderte zurückgreift. Der Autor versucht zwar die betreffenden Argumentationen nah an den Quellen zu dokumentieren, das muss aber notwendigerweise sporadisch bleiben, um nicht zu stark vom eigentlichen Thema wegzuführen. Auf Laien dürfte sein Buch fast wie ein überlanger Essay wirken. Vieles darin ist und bleibt These, wiederholt sich, widerspricht sich zuweilen sogar; und auch einige Allgemeinplätze verkneift sich der Autor nicht (»Lithium, Neurotransmitter und Antidepressiva haben das Selbstwertgefühl der Amerikaner erhöht«). Zudem leidet der Text vielfach unter Druckfehlern, die teils sogar sinnentstellend sind; ein Lektorat hat offenbar nur sporadisch stattgefunden. Kurzum: Das Buch gibt sicherlich einen guten, wenn auch sehr spezifischen Einblick in die philosophische Debatte zur KI, kann aber als Einstieg dafür kaum empfohlen werden. Inwiefern die beiden Folgebände zur »Rationalisierung der Lebenswelt« und zur »Transformation der Geistes- und Kulturwissenschaften« ausfallen werden, bleibt abzuwarten.

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