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Schicksal, Umwelt oder doch die Gene?

Seit vielen Jahren schon stellen sich Forscher die Frage, was macht uns eigentlich zu dem was wir sind. Ist es die Umwelt, sind es die Gene oder ist doch alles nur Schicksal? Das aktuelle Buch "Das Gedächtnis des Körpers" von Joachim Bauer, Arzt, Neurobiologe und Psychotherapeut am Universitätsklinikum in Freiburg, widmet sich genau diesem Thema. Bauer möchte wissen: "Wer spielt auf den Genen?" Denn der Genforscher Jens Reich hat die Gene mit einem Konzertflügel verglichen und gesagt, dass ein Konzertflügel allein keine Musik machen kann. Auch viele andere renommierte Wissenschaftler sind der Ansicht, dass die Neuentdeckungen zwischen "Geist (mind)" und "Gehirn (brain)" nicht nur zum Nachdenken, sondern vielmehr zum Umdenken auffordern. Aber was genau ist denn nun so neu, so wichtig und so anders? Bauer versucht in seinem Buch genau diese Fragen in einer sehr verständlichen und klaren Sprache zu beantworten. Insgesamt 16 Kapitel behandeln dieses Thema.

Dabei geht es im 1. Kapitel um das Zusammenspiel von Genen und Umwelt. Der Leser erfährt etwas über Genaktivität und den Zusammenhängen zu der hochaktuellen Thematik der Epigenetik. Nicht nur die Information eines Gens auf unserer DNA ist wichtig, sondern auch die Regulation der Aktivität dieses Gens. Unter welchen Umständen ist dieses Gen also aktiv und unter welchen Umständen eher inaktiv. Im Unterricht nenne ich als Biologielehrerin dies ganz lapidar als "An- und Abschalten der Gene, je nach Bedarf". Unter dem neuen Begriff der Epigentik fasst man "bestimmte genetische Reaktionsmuster" zusammen, die durch Erfahrungen und Erlebnisse "längerfristig eingestellt" werden.

Interessant wird dieser Aspekt der Epigentik, wenn man in die Kapitel 8 bis 14 dieses Buches schnuppert. In diesen Kapiteln geht es um verschiedenste Erkrankungen wie Depression, chronische Schmerzkrankheiten, posttraumatische Belastungsstörungen oder Missbrauch bei Kindern. Denn hier scheint eine deutliche Veränderung in der Genaktivität erkennbar zu sein: Stress und Krankheiten hinterlassen Spuren.

Ein weiteres Augenmerk liegt natürlich in den zwischenmenschlichen Beziehungen und deren Auswirkungen auf unser Leben. Hier geht es um die Individualität der empfundenen Belastungen aber auch um die Tatsache, dass gerade auf Kinder Belastungssituationen sehr schwerwiegende Folgen haben können. Alle Ereignisse werden im Gehirn gespeichert, dabei spielen vor allem die Großhirnrinde, das limbische System und der Mandelkern eine große Rolle.

Frühkindliche Bindungen zu Bezugspersonen können, so wissenschaftliche Studien, dabei in biologischen Stresssituationen einen Schutz bieten. Diese sozialen Bindungen schützen aber nicht nur in jungen Jahren. Sie bieten während unseres gesamten Lebens einen entscheidenden Schutzfaktor gegenüber Folgen aus Stressreaktionen.

Besonders interessant fand ich die in Kapitel sieben dargestellten "Persönlichkeitstypen im Alltag". Hierbei stellt Bauer klar, dass man Menschen nicht allein mit neurobiologischen Mitteln beschreiben kann. Dazu sind weitaus mehr Dinge notwendig, vor allem aber das Mitgefühl des Gegenübers. Bauer führt uns in diesem Kapitel in eine Bilderausstellung der "Typen des Alltags". Dabei lernen wir uns selbst kennen, denn in jedem dieser Typen finden wir uns ein wenig wieder. Wir stellen fest, dass die Psyche und ihr neurobiologisches Pendant in zwei völlig verschiedene Welten blicken.

Das 15. Kapitel behandelt schließlich das "Burn-Out-Syndrom". Natürlich geht es auch hier wieder um zwischenmenschliche Beziehungen, denn laut umfangreicher Untersuchungen zeigte sich, dass diese Beziehungen am "Arbeitsplatz zum Krankheitsfaktor Nummer 1 aufgestiegen" sind.

Das letzte Kapitel schließlich behandelt die Psychotherapie und ihre Auswirkungen sowohl auf die Seele als auch auf neurobiologische Strukturen. In diesem Kapitel stellt Bauer verschiedene Möglichkeiten dar, wie die Psychotherapie verstärkt als medizinische Heilmethode genutzt werden kann. Im Anhang wird schließlich die Arbeitsweise der Gene für den Laien nochmals zusammengefasst, um auch den biologischen Hintergrund verständlich an den Leser zu bringen. Hervorzuheben ist auch, dass nach jedem Kapitel eine kleine Zusammenfassung dem Leser kompakte Infos liefert.

Insgesamt liefert das Buch viele tolle Ansätze zur aktuellen Debatte über das Verhältnis zwischen Genen, Körper, Seele und Umwelt; mit der ausführlichen Literaturliste am Ende des Buches tolle Literatur zur Vertiefung. Das kleine Makel in diesem Buch ist die Tatsache, dass ich an manchen Stellen gerne weiter lesen wollte, das Kapitel aber leider zu Ende war.

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