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Im Reich des Lebendigen

Durch die neuen molekularbiologischen Erkenntnisse sei die Kluft zwischen "lebendig" und "nicht lebendig" kaum schmäler, sondern eher breiter geworden. Diese auf den ersten Blick provokante These zieht sich wie ein roter Faden – für manche vielleicht wie ein rotes Tuch – durch das Buch. In dem geistreich und brillant verfassten Werk behandelt der renommierte Tierphysiologe Heinz Penzlin die allgemeinen, das heißt auf alle Lebewesen zutreffenden Gesetzmäßigkeiten des Lebendigen und stellt sich damit den Grundfragen der Theoretischen Biologie.

Während die Theoretische Physik schon seit mehr als hundert Jahren als eigenständige Disziplin besteht, lässt die Biologie trotz immer stärkerer Theoretisierung aller ihrer Fachrichtungen eine Gesamtdarstellung der Prinzipien, die der Organisation lebender Systeme zugrunde liegen, bisher vermissen. Penzlin erfüllt diese längst überfällige Aufgabe bravourös. Zwar hatte der Biologe Ernst Mayr (1904-2005) schon vor 30 Jahren in seinem Buch "Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt" versucht, die Eigenständigkeit biologischer Gesetzmäßigkeiten gegenüber physikalisch-chemischen Prinzipien herauszuarbeiten, sich dabei aber auf populationsgenetische und evolutionsbiologische Bereiche beschränkt. Im Penzlins Werk steht dagegen das gesamte Fächerspektrum der heutigen Biowissenschaften auf dem Prüfstand und wird auf Wesenszüge untersucht, die für alle Organismen – aber nur für diese – zutreffen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Teleonomie (die Auffassung, dass Vorgänge, die kein beabsichtigtes Ziel haben, zielgerichtet erscheinen) und die Selbstorganisation.

Penzlins großes Verdienst besteht darin, das Allgemeingültige in der Organisation lebender Systeme nicht abstrakt zu formulieren, sondern konkret über alle Stufen biologischer Komplexität hinweg abzuhandeln. In den einzelnen Kapiteln, die von Individualität, Evolution, Dynamik, Energetik, Organisation, Information, Spezifität, Formbildung und Autonomie handeln, stellt er Grundphänomene des Lebendigen so vollständig, detailreich und klar dar, dass jedes einzelne Kapitel als Kurzlehrbuch für die behandelte Disziplin taugt. Immer wieder stößt dabei auch der Eingeweihte auf überraschende neue Einsichten, wissenschaftshistorische Ausblicke und geistreiche, überaus spannende Interpretationen.

Ein Beispiel hierfür sind Penzlins Ausführungen zur Organisation. Ganz im Sinne des im Buch häufig zitierten Philosophen Nicolai Hartmann (1882-1950), der in seiner "Philosophie der Natur" die lebende als die "sich ununterbrochen wiederbildende" Form bezeichnete, benennt Penzlin den "organisierten Metabolismus" als die grundlegende Daseinsweise aller Lebewesen. In diesem sind stoffliche, energetische und kommunikative Prozesse so aufeinander abgestimmt und miteinander vernetzt, dass sich die innere Organisation selbsttätig erhält. Das gilt allgemein und mag den biologisch Interessierten zunächst nicht sonderlich erstaunen. Doch dann erfahren wir konkret, wie molekulare Komplementarität, Regulation von Enzymaktivitäten, subzelluläre Reaktionsräume als Strukturelemente, Multienzymkomplexe und andere Komponenten den Metabolismus organisieren. Dabei erschließen sich dem Leser Zusammenhänge, die gängige Grundlehrbücher nicht vermitteln. Auch in der wissenschaftshistorischen Rückschau zeigt sich, dass die Biologie mit dem Konzept der inneren, sich selbsttätig erhaltenden Organisation einen Status als autonome Disziplin erhielt.

Reich an übergreifenden Ideen und Gedankengängen, klar in der Argumentation, dazu sprachlich elegant und eingängig geschrieben, wird "Das Phänomen Leben" zum Lesevergnügen. In den heute stark zergliederten und immer mehr auf Fachwissen fokussierten Bachelor-Studiengängen sollte man dieses Buch allen Studierenden der Biologie – sowie den Dozenten – als Grundlektüre empfehlen. Sich in Penzlins Werk zu vertiefen und dabei dem einen oder anderen Verweis auf die Originalliteratur zu folgen, dürfte das kreative biologische Denken mehr fördern als der studienplanmäßige Erwerb von einem Dutzend Leistungspunkten. Besonders empfohlen sei die Lektüre jenen Natur- und Geisteswissenschaftlern, die jegliche Eigengesetzlichkeit im Reich des Lebendigen leugnen und den Übergang von der unbelebten zur belebten Welt als reines Kontinuum betrachten.

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