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Die Bedingungen des Bösen

Es ist erschreckend einfach, ganz normale Menschen zu den übelsten Taten zu veranlassen. Man muss sie nicht dazu zwingen, es ihnen nicht einmal nahelegen. Sie kommen von selbst darauf und entwickeln sogar eine beängstigende Kreativität – wenn man die entsprechenden Umstände schafft.

Philip Zimbardo hat das 1971 als junger Psychologieprofessor in Stanford (Kalifornien) im Rahmen eines wissenschaftlichen Experiments getan. Das berühmt gewordene "Stanford Prison Experiment" (SPE) geriet so dramatisch außer Kontrolle, dass es vorzeitig abgebrochen werden musste. Der deutsche Film "Das Experiment" von 2001 (Spektrum der Wissenschaft 3/2001, S. 104) greift diese Geschichte auf (mit einigen Freiheiten, die Zimbardo ihm mächtig übelnimmt).

Vor dem eigentlichen Experiment hat der Autor seine Versuchspersonen – Studienanfänger "aus gutem Hause" – sorgfältig auf irgendwelche Neigungen zu Gewalttätigkeit und Aggressivität abgeklopft. Der einen Hälfte von ihnen wird die Rolle des Gefängniswärters zugewiesen, mit Uniform, Schlagstock, dunkler Brille und Schlüsselgewalt über eigens dafür hergerichtete Räume. Die anderen sind die "Gefangenen": Eingekleidet in nichts als einen einfachen weißen Kittel und zu dritt in Zellen gesperrt, dürfen sie nicht ihre eigenen Namen, sondern nur die auf die Kittel aufgenähten Nummern verwenden und haben den Anweisungen der Wärter Folge zu leisten.

Von Anfang an entwickeln die Wärter eine Neigung, ihre Gefangenen herabzusetzen und zu demütigen; sie stellen einen Katalog sinnloser Regeln auf, finden ihre Freude daran, die Gefangenen nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen und durch Nahrungs- und Schlafentzug bis zum körperlichen Ausnahmezustand zu bringen. Bereits nach fünf Tagen zwingen sie ihre Opfer zu entwürdigenden sexuellen Spielchen: "Seht ihr das Loch im Boden? Jetzt macht ihr 25 Liegestütze und fickt das Loch! Verstanden?"

Die Gefangenen dagegen nehmen das Rollenspiel zunehmend für bare Münze, auch weil Zimbardo mit einer inszenierten Verhaftung durch echte Polizisten, dem Besuch eines echten Gefängnisgeistlichen und vor allem seinem eigenen Rollenverhalten als Gefängnisdirektor die Situation echter erscheinen lässt, als sie ist. Keiner der Gefangenen macht von der zugesicherten Möglichkeit, vorzeitig auszusteigen, Gebrauch.

In der ausführlichen Analyse des Experiments scheut sich Zimbardo entgegen den Bräuchen seiner Zunft nicht, die Begriffe "gut" und "böse" ausgiebig zu verwenden. Zweifellos waren die Taten der Wärter böse; waren es aber auch die Wärter selbst?

Zimbardo enthält sich sorgfältig jeder Diskussion über freien Willen und Verantwortung. Selbstverständlich bleibe jeder Mensch für seine Taten verantwortlich, auch wenn er sie in einer Ausnahmesituation begeht. Gleichwohl zerlegt Zimbardo die Faktoren, die das Handeln des Menschen beeinflussen, in "dispositionelle" (in der Persönlichkeit des Handelnden liegende) und "situative". Für den situativen Anteil böser Taten trage derjenige die Schuld, der die Situation herbeigeführt hat. Und das war im SPE eindeutig er selbst, was ihm Anlass zu längeren selbstkritischen Betrachtungen gibt.

In einem groß angelegten theoretischen Teil führt er zahlreiche Situationen auf, die dem SPE in diesem oder jenem Aspekt vergleichbar sind. Berühmt geworden sind die Experimente seines Fachkollegen und Schulfreunds Stanley Milgram, dessen Versuchspersonen bereit waren, ihren Mitprobanden tödliche Elektroschocks zu verabreichen, weil der Versuchsleiter das im Namen der Wissenschaft von ihnen verlangte. Einem Geschichtslehrer an einer High School in Palo Alto (Kalifornien) gelingt es, binnen weniger Tage seine Schüler zu kleinen Nazis umzuerziehen – eine drastische Form von learning by doing. Milgram geht so weit zu behaupten, dass man in jeder mittelgroßen US-amerikanischen Stadt ausreichend Bewachungspersonal für ein KZ finden würde. Die Gräueltaten der Nazis selbst, der Massenselbstmord der Sektenmitglieder des Jim Jones in Guayana 1978, der Völkermord an den Tutsi in Ruanda, Selbstmordattentate aus neuerer Zeit – es gibt mehr als genug Anlass zum Schaudern darüber, zu welch fürchterlichen Taten Menschen durch entsprechende Situationen veranlasst werden.

Dazu kommt die Warnung Zimbardos an den Leser: Jeder glaubt, ihm selbst könnte das nicht passieren. Im Ernstfall jedoch hält nur eine sehr kleine Minderheit dem Druck der Situation stand. Also hält sich der durchschnittliche Mensch für weit heldenhafter als den durchschnittlichen Menschen. Anders ausgedrückt: Wir alle überschätzen unsere Heldenqualitäten und unterschätzen die Macht der Situation – und sind ihr damit umso hilfloser ausgeliefert.

Was sind die Elemente einer Situation, die zu bösen Taten verführt? Zimbardo zählt auf: Der Täter fühlt sich und seinesgleichen von außen bedroht; eine übergeordnete Autorität gibt seinem Verhalten Legitimität oder setzt ihm zumindest nichts entgegen; Gruppendruck erzeugt Konformität; er selbst ist nicht mit Namen oder Gesicht identifizierbar (die dunklen Brillen!); seinen Opfern fehlen individuelle Merkmale (sie sind auf Nummern reduziert); die eigenen Lebensumstände sind unangenehm.

Zimbardos Stanforder Kollege Albert Bandura baut einige dieser Elemente zu einer Theorie "moralischer Abkopplung" aus: Wenn die Situation es dem Menschen ermöglicht und eindrücklich nahelegt, dann trennt er seine moralischen Überzeugungen von seinem tatsächlichen Verhalten, so wie man im Auto mit dem Kupplungspedal den Motor vom Getriebe abkoppelt. Wenn die Ausnahmesituation vorbei ist, kuppelt man halt wieder ein und fährt weiter. Eigentlich erklärt diese merkwürdige mechanische Metapher nichts; aber sie lässt es einleuchtend erscheinen, dass etliche Übeltäter nach dem Ende des Kriegs oder der Diktatur ohne erkennbare Mühe wieder zu ganz normalen, integren Mitmenschen wurden.

Der Autor hatte einen sehr aktuellen Anlass, nach mehr als 30 Jahren endlich eine detaillierte Beschreibung des Experiments von 1971 vorzulegen: In den Misshandlungen Gefangener durch amerikanische Soldaten im irakischen Gefängnis Abu Ghraib erkennt er das Verhalten seiner damaligen Gefängiswärter wieder – aber diesmal ist es bitterer Ernst. Nur schwarz-weiß und körnig mutet uns Zimbardo die Fotos von hübschen jungen Soldatinnen zu, die neben misshandelten oder soeben umgebrachten Gefangenen in Siegerpose strahlen (Bild S. 109). Zimbardo führt als Zeuge der Verteidigung für einen der Täter die Macht der Situation als mildernden Umstand an – vergeblich, das Urteil fällt überaus hart aus.

Der letzte Teil des Buchs besteht, im Einklang mit seiner Analyse, aus einer Anklage gegen diejenigen, welche die Situation herbeigeführt haben, von den verantwortlichen Generälen die Hierarchie aufwärts bis zu Veteidigungsminister Donald Rumsfeld und Präsident George W. Bush. Hier wird die Lektüre ermüdend, nicht nur weil Zimbardo sich die Mühe macht, wie in einem echten Gerichtsverfahren alle seine Behauptungen umständlich mit Beweisen zu untermauern. Anders als 2005, als die Originalausgabe des Buchs erschien, ist die Ära Bush inzwischen Geschichte, und der beendete Skandal von Abu Ghraib verblasst neben dem fortdauernden Skandal von Guantánamo. Von den dortigen Vernehmern haben die Folterer von Abu Ghraib ihr Handwerk gelernt. Immerhin ist eine Nachricht noch interessant für die Gegenwart: Der Mann, der im US-Senat am hartnäckigsten die zu Tage getretenen Praktiken hinterfragt hat, war ausgerechnet John McCain.

Am Ende bemüht sich Zimbardo, dem Buch mit einer – etwas albern systematisierten – Lobpreisung von Helden, die der Macht der Situation widerstanden haben, eine versöhnliche Wendung zu geben. Es will nicht recht gelingen; zu eindrucksvoll und bedrückend ist der Hauptteil des Werks.

Die eigentliche Heldin passt sowieso nicht richtig ins Schema. Es handelt sich um Zimbardos damalige Kollegin und Freundin Christina Maslach. Erst nach einigen Tagen, als das SPE bereits absurde Züge angenommen hatte, stieß sie dazu, machte ihrem Entsetzen darüber, wie Zimbardo, selbst Teil des Systems geworden, sich verändert hatte, mit einem Aufschrei Luft und brachte ihn damit wieder zur Besinnung. Seit 1972 ist sie mit ihm verheiratet.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 12/08

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