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Thrill aus dem Wasser

Ein Fischer vor der Küste Perus verschwindet während seiner Arbeit, normalerweise harmlose Orcas greifen Walbeobachter an Bord eines Schiffes vor Vancouver Island an und ein bretonischer Hummer explodiert plötzlich vor den Augen eines französischen Drei-Sterne-Kochs – auf den ersten Blick gibt es nichts, was diese Ereignisse miteinander zu tun haben sollten. Und auch die Beobachtung einer norwegischen Ölfirma, dass sich am Meeresgrund Millionen von Würmern tummeln, scheint zunächst nur ein weiteres seltsames, aber unabhängiges Vorkommnis zu sein. Doch mit jeder Seite mehr, die man von Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“ liest, wird nicht nur ein Zusammenhang deutlicher; es drängt sich ganz allmählich das ungute Gefühl auf, dass sich „Etwas“ gegen den Menschen zur Wehr setzt. Zunächst werden natürlich nur vergleichsweise harmlose Vermutungen angestellt; beispielsweise könnten ja Umweltgifte das Verhalten der Wale verändert haben. Aber die Akteure des Romans müssen schnell feststellen, dass wohl mehr dahinter steckt.

Und während der kanadische Walforscher Leon Anawak nach einer denkwürdigen Begegnung mit seinen Lieblingen zu ergründen versucht, was deren aggressives Verhalten verursachen könnte und der norwegische Molekularbiologe Sigur Johanson sich den merkwürdigen Würmern – es handelt sich um eine neue Art von Polychaeten, also entfernte Verwandte des Wattwurms – mit Hilfe eines internationalen Expertennetzwerks widmet, machen die Wissenschaftler des GEOMAR-Forschungszentrums in Kiel eine erschreckende Entdeckung. Sie stellen fest, dass sich die genannten Würmer regelrecht durch die dicken Methanhydratschichten des Meeresbodens fressen und somit zu dessen Zerstörung beitragen. Die Folgen wären für die Küstenanrainer fatal ...

Der Schrecken beginnt also mit einzelnen Anomalien – wie der erste Teil des Buches auch sinnvoller weise bezeichnet ist. Deren Untersuchung und Bekämpfung entwickelt sich allmählich zu einer konzertierten Aktion verschiedenster Wissenschaftler aus Universitäten und Ölindustrie. Neben Biologen und Geologen werden sogar Experten für extraterrestrische Intelligenz im wahrsten Sinne mit ins Boot geholt, nur dass es sich bei diesem Boot um den US-amerikanischen Flugzeugträger „Independence“ handelt. Was als Problem der Wissenschaftler begonnen hat, beschäftigt bald auch Politiker, allen voran – wie sollte es anders sein – die USA, deren Geheimdienste und die Armee.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, nur soviel, dass es sich bei „Der Schwarm“ nicht um Science Fiction handelt, sondern um einen äußerst spannenden Wissenschaftsroman mit einem Thema, das so abwegig nicht ist. Schätzing hat für sein fast tausend Seiten umfassendes Buch viel und gründlich recherchiert, was sich in einer langen Liste renommierter Wissenschaftler am Ende des Buches widerspiegelt. Da die einzelnen Kapitel meist aus verschiedenen, kürzeren Szenen bestehen, die an verschiedenen Orten spielen, bleibt das Buch stets kurzweilig. Die miteinander verwobenen Handlungsstränge sorgen für genügend Abwechslung und Spannung zugleich; wäre nicht jeder Teil für sich spannend, möchte man häufig einige Szenen überspringen, um zu erfahren, wie es beispielsweise in Trondheim oder Vancouver Island weitergeht.

Auch wenn das Thema auf ersten Blick relativ speziell und anspruchsvoll erscheint, sollte es nicht dazu führen, das Buch im Regal des Buchhändlers liegen zu lassen. Schätzing versteht es, das erforderliche Fachwissen über Wale und Würmer auf der einen und der Geologie der Ozeane auf der anderen Seite ansprechend und für Laien gut verständlich zu vermitteln. Auch Wissenschaftler werden dies bestätigen, die die beschriebenen Labortechniken wiedererkennen. Und am Ende des Buches werden selbst Biologen davon äußerst überrascht sein, was Schätzing sich als den Menschen bedrohende Lebensform erdacht hat,.

Die Mischung dieses Thrillers spricht eine große Leserschaft an. Wer also ein bis zur letzten Zeile packendes Buch lesen möchte, wird an „Der Schwarm“ nicht vorbei kommen. Für die 5x5-Bewertung hätte ich in diesem Fall gern die Skala um einen sechsten Faktor erweitert – den der durchlesenen Nächte.

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