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Gott ist die kosmologische Singularität

Wunder verletzen absolut niemals physikalische Gesetze. Davon ist der amerikanische Physiker Frank J. Tipler in seinem Buch "Die Physik des Christentums" überzeugt. Der Stern von Bethlehem war eine Supernova, die jungfräuliche Geburt Jesu ist biologisch möglich, und auch seine Auferstehung ist kosmologisch erklärbar.

Mit seinem Werk betritt der Physiker ein schwieriges Terrain. Zugleich startet er ein Experiment, das im Kern einer spannenden Frage nachgeht: Wie kann man zwei, auf den ersten Blick äußerst diametrale Weltanschauungen – die Religion und die Naturwissenschaft – unter einen Hut bringen?

Die Frage hat aktuelle gesellschaftlicher Brisanz. Denn gerade Papst Benedikt XIV. schürt regelmäßig die Diskussion, wie Forscherdrang und Offenbarung zueinander stehen sollten. Das Oberhaupt der katholischen Kirche ficht dabei den alten Abgrenzungskampf gegen ein übermächtiges Erkenntnissystem, erkennt aber viele Leistungen der Naturwissenschaften an. Tipler dagegen steht klar auf der rationalen Seite des Erkenntnisgewinns. Am Ende geht er sogar so weit, dass er das Christentum am liebsten zu einem Zweig der Physik machen würde. Doch bis zu dieser provokanten These hat der Leser ein spannendes Buch vor sich.

Für seine ersten Erklärungen holt der Autor weit aus: Bevor er sich dem eigentlichen Thema widmet, bietet er eine Einführung in die moderne Physik, insbesondere in die Quantenmechanik – Unterstützung beim Verständnis liefern dabei einfache Schwarz-Weiß-Skizzen. Vom Leser fordert Tipler ein gehobenes naturwissenschaftliches Verständnis, auch wenn er sich redlich bemüht, gerade die komplizierten Regeln und Gesetzmäßigkeiten aus der Welt der Quanten für jeden Interessierten verständlich aufzubereiten.

Nach dem ausführlichen Grundlagenteil geht es Schlag auf Schlag: Tipler beschreibt Gott als die kosmologische Singularität, also den Ursprung von allem außerhalb von Raum und Zeit. Dann beschäftigt er sich mit Wundern. Diese verletzen nur menschliche Vorstellungen darüber, wie die Gesetze der Physik funktionieren sollten, schreibt er gewagt. Bei der jungfräulichen Geburt Jesu indes muss er eingestehen, dass sie schon eine äußerst seltene Laune der Natur gewesen sein muss. Hier wagt der Autor einen Ausflug in die Genetik und führt faszinierend ein ungewöhnliches biologisches Phänomen aus. Demnach ist es möglich, dass ein männliches Individuum mit zwei X-Chromosomen geboren wird, die nur von einer Frau stammen. Das Erbgut auf dem Turiner Grabtuch, angeblich dem Begräbnistuch Jesu, zeigt dieses Merkmal, und außerdem weise heute jeder 20 000. Mann diese Chromosomen-Konstellation auf.

Die Auferstehung Jesu zeigt schließlich, dass wir alle wieder leben werden, so Tipler. Etwas abenteuerlich beschreibt der Physiker, dass Jesus sich für seine Rückkehr zu den Menschen den Prozess der Baryonenvernichtung zunutze gemacht haben könnte – im frühen Universum diente dieser Prozess dazu, Strahlung in Materie umzuwandeln. Jesu habe den Prozess umgekehrt und die Materie seines Körpers in unsichtbare, aus Neutrinos bestehende Strahlung umgewandelt, vermutet der Autor.

In diesem Abschnitt wird besonders deutlich, dass es in der Physik vor allem die Quantenmechanik ist, deren bahnbrechenden und kontinuierlich neuen Erkenntnisse revolutionäre Erklärungsansätze und Denkweisen erlaubt. Leider vermisst man gerade hier ein Glossar am Ende des Buches, in dem man die wichtigsten Fachbegriffe der modernen Physik noch einmal in kompakter Form nachschlagen könnte. Dafür findet man eine ausführliche Bibliographie, die vor allem weiterführende, englische Literatur zusammenfasst.

Oft bringt Tipler in dem Werk seine persönliche Weltanschauung mit ein. Er habe den christlichen Glauben immer sehr ernst genommen, betont er. Der Physiker lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass er jedes Phänomen des neuen Testaments rational und mit naturwissenschaftlichen Ansätzen erklären kann. Man muss konzentriert sein, um Tiplers Gedankengängen zu folgen. Gerade die grundlegenden Kapitel zu Beginn erfordern Zeit, um alles zu verstehen. Tiplers Ausführungen sind vorbehaltlos und klingen unerschrocken vor der Kontroverse der Materie.

Mit seinem Werk erreicht der Physiker ein wichtiges Ziel: Seine Ausführungen regen zum Nachdenken an, inwieweit Theologie und rationaler Forschergeist vereinbar sind. Eine Lektüre, die man vielleicht öfters in die Hand nehmen muss, um alle Überlegungen nachvollziehen zu können.
16.05.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.05.2008

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