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Kleine Stresspolster

Zahllose Ärzte und Apotheker, Zeitungen und Bücher preisen Diäten als wichtigstes Mittel zur Gewichtsabnahme. Aber zumeist verschweigen sie dabei Risiken und Nebenwirkungen wie Depression, Gedächtnisschwäche oder Knochenabbau. Viele der möglichen Folgeschäden bleiben bestehen, selbst wenn das Gewicht nach der Diät längst wieder auf dem Ursprungsniveau angelangt ist. Bei Medikamenten müssen derartige Gefahren auf dem Beipackzettel aufgeführt sein. Für Diäten aber gibt es keine vergleichbare Informationspflicht. Dies und viele andere Missstände prangert der Hirnforscher und Diabetologe Achim Peters in seiner mit spitzer Feder verfassten Streitschrift an.

Der Autor hält das freiwillige Hungern für ein erniedrigendes Selbstbestrafungsritual, dem ein Irrglaube zu Grunde liegt – nämlich die "falsche Grundannahme, die Zunahme des Körpergewichts sei Ausdruck einer ungesunden Ernährung, einer Zuckersucht, einer Willensschwäche". Doch nicht die Sucht nach Fett, Zucker oder Kohlenhydraten, sondern chronisch erhöhte Stresspegel seien schuld an der Fettleibigkeit.

Peters treibt die Überzeugung, dass der falschen Diagnose auch eine falsche Behandlung folgt. Er selbst leitet eine Forschergruppe an der Universität Lübeck, die über 12 000 Studien zum Thema Übergewicht ausgewertet sowie eigene Experimente durchgeführt hat. Gestützt auf diese imposante Menge an Daten formuliert er seine so genannte Selfish-Brain-Theorie. Sie besagt, dass Menschen unterschiedlich auf Dauerstress reagieren: Typ A wird hager und unruhig, Typ B legt Fettpolster an. Die Gewichtszunahme sichert den zusätzlichen Energiebedarf während eines permanenten Ausnahmezustands. Untersuchungen zeigen, dass Dicke in Stresssituationen tatsächlich gelassener bleiben und die leicht Übergewichtigen die höchste Lebenserwartung haben. Schaden für die Gesundheit drohe den Betroffenen nur bei überschüssigem Bauchfett und extremer Fettleibigkeit.

Peters’ Manifest bietet reichlich Futter fürs Gehirn, lässt aber auch manche Fragen offen. Welche Rolle etwa spielt der Nährstoffgehalt des Essens? Wie wichtig ist Bewegung? Dennoch leistet das Buch einen wichtigen Beitrag zu einer Debatte, in der Dicke allzu häufig als krank und undiszipliniert diffamiert werden.

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  • Quellen
Gehirn und Geist 5/2013

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