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Dulden, bekämpfen oder ausrotten?

Sie beherrschen gelegentlich die Schlagzeilen in der nachrichtenarmen Sommerzeit. In den letzten Jahren waren das Ambrosia, danach der Harlekin-Marienkäfer und zuletzt der Maiswurzelbohrer. Alle drei sind unerwünschte "Neubürger", das Unkraut aus Nordamerika, die beiden Käfer aus Südostasien beziehungsweise Mexiko.

Die Fachleute nennen eine Pflanze einen Neophyten und ein Tier ein Neozoon, wenn die Art nach der Entdeckung der Neuen Welt 1492 außerhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets aufgetaucht ist und ohne menschliche Betreuung mindestens 25 Jahre oder drei Generationen Bestand hatte. Für Europa sind das bisher etwa 11 000 Arten.

Die allermeisten von ihnen sind völlig harmlos, zum Beispiel der Karmingimpel (erster Brutnachweis in Bayern 1972) oder der Jagdfasan, dessen Name schon sagt, warum er als "königliches Wild" aus der Kaukasusregion hierhergebracht wurde. Auch der für heimische Schmetterlinge so attraktive Sommerflieder ("Schmetterlingsstrauch") oder der gegen Umwelteinflüsse sehr unempfindliche und daher als Straßenbaum geeignete Ginko bereichern sicher unsere Flora.

Einige wenige allerdings sind so problematisch – wenn auch meist nur in Teilgebieten Europas –, dass sie eine Fülle abwertender und sogar angstbesetzter Bezeichnungen auf sich ziehen: "Eindringlinge", "Einwanderer", "Fremdlinge", "Invasoren", im Englischen neben "invaders" sogar "aliens". Diesem Schema folgt auch der reißerische Titel dieses Buchs, während der Untertitel "Invasive Pflanzen und Tiere in Europa" den Inhalt korrekt beschreibt.

Wolfgang Nentwig, Professor für Ökologie und Evolution an der Universität Bern, hat für den vorliegenden Sammelband 24 Autoren verschiedenster Fachrichtungen gewonnen, die über ebenso viele problematische Einwanderer und die von ihnen verursachten Schäden berichten. Der großen Zahl der Verfasser zum Trotz liest sich das Buch leicht, bringt viele Details in sehr informativer und übersichtlicher Form und ist ausgezeichnet bebildert: Man findet kein einziges schlechtes Foto und kein überflüssiges.

Die Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia) war eigentlich nur den Botanikern bekannt, die regelmäßig Feldarbeit machen und dabei immer wieder Plätze aufsuchen, wo mit Neophyten zu rechnen ist: Hafenanlagen, Güterbahnhöfe, Gleisanlagen, Industriebrachen oder Materialgruben. Die meisten Funde in Ortschaften gehen wohl auf verunreinigtes Vogelfutter zurück. Bis in die 1990er Jahre machte die Pflanze keinerlei Probleme, dann aber entstanden im Rahmen des wirtschaftlichen Wandels in mehreren ost- und südosteuropäischen Staaten auf einstigen Kulturflächen riesige Ambrosia-Unkrautfluren. Eine gezielte Bekämpfung – durch Ausrotten im Bestand, sauberes Saatgut und Nachkontrollen – ist möglich und geboten, aber schwierig. Ungarn verwendet bis zu ein Prozent seines gesamten Steueraufkommens dafür. Bei uns wurde man erst auf die Pflanze aufmerksam, als sich die Fälle schwerer Allergie gegen die als besonders aggressiv geltenden Pollen häuften.

Ein Beispiel aus der Insektenwelt ist der Asiatische oder Harlekin-Marienkäfer (Harmonia axyridis). Bei Gefahr scheidet er eine stinkende Flüssigkeit aus, die auch allergen wirken kann. Seit einigen Jahren fallen besonders in den Städten im Herbst die Ansammlungen an Hauswänden oder Mauern auf, wo sich oft mehrere hundert bunte Käfer für die Überwinterung zusammenfinden. In Deutschland fing man 1999 die ersten Tiere im Freiland; mittlerweile haben sie ganz Europa außer Portugal und Irland erobert.

Neben Blattläusen fressen die Harlekinkäfer auch unsere einheimischen Marienkäfer, so dass mit deren Verschwinden gerechnet werden muss. Da sie süße Säfte mögen, finden sie sich in großen Mengen in Weinbergen, wo sie an verletzten Beeren Zucker für den Winter aufnehmen. Geraten sie bei der Lese in den Traubensaft, wird der Wein ungenießbar. Erfolgreiche Bekämpfung vor Einzug in die Winterquartiere ist möglich – mit dem Staubsauger! –, sicher aber nicht jedermanns Sache.

Seit 1916 verwendet man den Käfer als Blattlausvertilger in den USA; aber auch dort ist er schon aus Gewächshäusern entwischt und hat sich massenhaft ausgebreitet, da er nur geringe ökologische Ansprüche stellt. Das hätte man wissen müssen, als man die Tiere 1964 in der Ukraine und in den 1980er Jahren in zwölf weiteren europäischen Ländern freisetzte.

Viel schlimmer kann es mit dem Westlichen Maiswurzelbohrer (Diabrotica virgifera) kommen. In Amerika, wo seine Larven bereits seit 1909 massenhaft Maiswurzeln fressen, heißt er "Milliarden-Dollar-Käfer". Als er 1992 erstmals in Europa in Serbien gefunden wurde, war es schon zu spät, um seine Ausbreitung noch zu verhindern. Im August 2010 fand man ihn schon bei Köln, nachdem im Süden Deutschlands bereits drei Jahre davor Käfer in Lockfallen gefangen wurden. Eine gezielte Bekämpfung mit einem Insektizid im Jahr 2008 führte dann auch noch zum größten je beobachteten Bienensterben in Deutschland.

In den USA hilft man sich mit gentechnisch veränderten Maissorten. Da diese in Europa nicht überall akzeptiert werden, läuft die Forschung nach Alternativen auf Hochtouren. Sollten alle Maisanbaugebiete in Europa befallen werden, ist mit einem Schaden von 600 Millionen Euro zu rechnen.

Andere invasive Pflanzen sind bisher in Deutschland nur lästig: die wuchernden japanischen Knöteriche und das Drüsige Springkraut an Bach- und Seeufern, Robinien und Götterbäume in Städten, der Riesen-Bärenklau, der aus Gärten und Parks entlang der Straßen auch in Wälder eindringt. Sie lassen sich wohl bekämpfen oder wenigstens eindämmen, aber nur mit großem Arbeitsaufwand.

Die tierischen Einwanderer bereiten gleichartige Probleme: Sie überwuchern und/oder verdrängen die einheimischen Arten. Pazifische Austern überwachsen die Miesmuschelbänke, Wollhandkrabben aus China fressen den Meeresboden kahl, die Varroa-Milbe, nur etwas größer als ein Millimeter, vernichtet tausende Bienenvölker.

Wirbeltiere wie Waschbär, Mink, Nerz, Nutria, Marderhund, Halsbandsittich oder Kanadagans sind obendrein attraktiv, niedlich oder possierlich, vor allem dort, wo sie sich an Menschen gewöhnt haben und aus der Nähe zu beobachten sind. Wenn deren Bekämpfung diskutiert wird, dann "muss vermieden werden, mit billigen Emotionen Stimmung zu machen", so Wolfgang Nentwig im Schlusskapitel und fordert, dass nach Darlegung "wissenschaftlicher Fakten" auch "immer Taten folgen müssen".

Das bedeutet nach seiner Ansicht das Töten der Tiere; aber das würde bei Säugetieren und Vögeln einen Sturm der Entrüstung auslösen. Hier sind andere Wege gefragt – und durchaus gangbar. So werden in Heidelberg Eier aus den Gelegen der Schwanengans abgesammelt und in Kassel und Umgebung Waschbären auf Wunsch der Bewohner geordnet weggefangen.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 11/2011

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